Samstag, 6. April 2013

Pierre la Mure



Noch ein Text, published as a Signet Book.
Bücher wegwerfen geschieht offensichtlich in extremer Zeitlupe. Was die Ausgabe als Signet Buch anbelangt, so handelt es sich um die Fifth Printing vom Januar 1954 der First Printing vom Februar 1952 des ursprünglich bei Random House 1950 erschienenen biographischen Romans Moulin Rouge. A novel based on the life of Henri de Toulouse-Lautrec (#921A and B) von Pierre La Mure (Lamure), über den man durch Google genug, aber nicht exzessiv viel erfährt.
Zu Erstausgaben, einmal sogar mit Namenszug des Autors für 300 $ siehe
1953 oder 1954 – ich glaube das erste Jahr ist das Richtige – war ich mit meinen Eltern in München und wie immer wohnten wir in einem Mittelklassehotel Namens Hotel Leopold am Ende der Leopoldstraße. Erinnern kann ich mich an das damals übliche deutsche Hotelfrühstück, ein Kännchen Kaffe (2 Tassen), zwei eher pappige Brötchen und dazu Marmelade. Viel einschneidender war aber die Entscheidung meiner Eltern, am Abend ins Kino zu gehen und uns Kinder mitzunehmen. Mit zwölf oder dreizehn Jahren machte ich mich vor Scham immer kleiner, obwohl oder weil man mich in einen Film ab sechzehn mitnahm und hineinließ. Deshalb habe ich Moulin Rouge mit dem beeindruckenden, auf den Knien humpelnden José Ferrer nie vergessen.
Moulin Rouge gehört zu den Signet Double Volumes. Complete and Unabridged – Only 50 cents each, eine Kategorie von Büchern, in denen auf keinen Fall der Satz stehen könnte: „A Dover edition designed for years of use. Der Moulin Rouge-Band hat zwar seit 1954 mehrere Umzüge hinter sich gebracht, aber zum Lesen wurde er gewiss seit weit mehr als 50 Jahren nicht mehr geöffnet. Beim jetzigen Lesen bröselten mir die Seiten entgegen wie die von Veröffentlichungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jhs., und in ganz großen Teilen ist er zu einer Lose-Blatt-Sammlung geworden.
Von den anderen Autoren, die in Double Volumes auf der letzten Seite angepriesen werden, habe ich den Louis Bromfieldschen Regen in einer Bertelsmann-Buchclub-Ausgabe, The Naked and the Dead von Norman Mailer eben als Signet Buch tatsächlich gelesen und nicht ganz vergessen. Referieren und diskutieren könnte ich sie nicht mehr. Mit dem Namen Robert Penn Warren (World enough and time) kann ich hausieren gehen, aber nur eben so. Gar nicht kenne ich Leonard Bishop (Down all your streets), Ralph Ellison (Invisible man), James T. Farrell (No star is lost; Father and son; A world I never made), Thomas Merton (The seven storey mountain), Willard Motley (We fished all night; Knock on any door) und William Styron (Lie down in darkness).
Eine Seite davor, auf der vorletzten Seite werden einige Signet Giants aufgelistet die zum Preis von „only 35 cents each“ angeboten werden und beweisen, dass auch Gigantismus eine Frage des Standpunkts ist. Meine Namenskenntnis der Autoren der Giants ist größer, aber gelesen habe ich nur die beiden D.H. Lawrence Bände (Sons and lovers; Lady Chatterley’s lover), von William Faulkner (Sartoris), Alberto Moravia (The woman of Rome; The conformist) und Erich Maria Remarque (Spark of life) und schließlich Louis Bromfield(The green bay tree) kenne ich andere Arbeiten. Bei Irwin Shaw (The troubled air) könnte ich mich vielleicht ans name-dropping wagen, die anderen, nämlich Warren Leslie (The best thing that ever happened), Vincent Sheean (Rage of the soul), Lillian Smith (Strange fruit), Calder Willingham (Natural child), Maritta Wolff (Back in town) und schließlich einmal mehr James T. Farrell (Jugdment day) wecken keine Erinnerungen.
Auf der Rückseite des Vorsatzblattes – auf der Vorderseite steht u.a.: „This is the astonishing bestseller from which the great motion picture Moulin Rouge was made. If you enjoyed the picture, don’t miss reading this book!“ – werden fünf other Signet novels you’ll enjoy. Only 25 cents each – aufgelistet. Die Hälfte des Colette-Bandes, nämlich Gigi habe ich als rororo-Bändchen gelesen, ebenso H.C. Branner (The Mistress [The riding master] in der gleichen Form, vielleicht auch den Georges Simenon (Four days in a lifetime), doch von ihm ist mir nur Maigret, eine bessere Tatort-Qualität und wohl Jean Gabin in der Erinnerung geblieben. Nicht kenne ich von der Colette Julie de Carneilhan, und ob ich überhaupt John O’Hara (Appointment in Samarra) und Vasco Prattolini (The naked streets) begegnet bin, möchte ich bezweifeln. Grundsätzlich ähnelt diese gedruckte Halbwerbung dem Usus von Amazon u.a.: „Wenn ..., dann können auch die folgenden Bücher für Sie von Interesse sein.“
Der Vorteil des La Mure-Buches ist, auch wenn man die spezifische Lektüre längst vergessen hat, der hohe Wiedererkennungswert wegen der Hauptperson. Insofern hat man ein solches Buch immer schon gelesen und behalten. Was übrig bleibt, ist die Frage des Laien, ob es etwas taugt, etwa nicht, weil es wohl doch in sechzig Jahren etwas an Popularität eingebüßt hat und von allzu freien filmischen Adaptionen mit Nicole Kidman verfremdet worden ist. Ich habe es jetzt in etwa vier Sitzungen gelesen, zunächst, um nicht unwissend etwas wegzuwerfen, dann aber mit immer größerer Sympathie für die kluge Professionalität von Autor und Objekt. Und schließlich habe ich über den letzten zwanzig Seiten zwar nicht wie der bekannte Schlosshund geheult, aber voller Rührung, Trauer und einem schon fast peinlichen Identifikationsgefühl einen überwältigenden Klumpen in der Magengegend gespürt, der sich aufreizend im ganzen Oberkörper ausbreitete. Widerstrebend gelang es mir, mich kurz vor dem Ende auf Seite 510 davon zu befreien.
Dann allerdings fing ich an, die weiteren Erinnerungen zu rekapitulieren. Ich denke noch 1954 kaufte ein Elternteil für DM 22,50 (nicht alle, aber die meisten antiquarischen Angebote liegen faktisch weit und nominell leicht darunter – am 5. März fanden sich eine Reihe von Angeboten im Internet meist in der Höhe von € 8,99) den Lautrec-Band aus der Reihe „Der Geschmack unserer Zeit. Sammlung, begründet und herausgegeben von Albert Skira. Lassaigne, Jacques, Biographisch - kritische Studie. Übersetzt von Hans Feuz. Dieses in die Hand nehmend hatte ich ein zusätzliches Vergnügen, mich über ein Internet-Angebot „im Originalschuber“ zu amüsieren, da es sich dabei um eine Papphülle ohne jegliche individuelle Markierung handelt, in meinem Falle aber die Überraschung von zwei als solchen nichtssagenden, aber da mein Vater seiner Gewohnheit gemäß die Briefmarken herausgerissen hatte, sehr persönlichen Postkarten barg, datiert 15.7.1954 von einer nebensächlichen Kindheitserinnerung, nämlich von dem Turkestaner Amin Berdimurat – man kann gerade noch erkennen, dass die Karte in Yesilköy abgestempelt wurde, und datiert 20.8.1954 von unserer nicht heißgeliebten, dazu war sie zu distanziert, aber von allen hoch verehrten Tante (in meinem Falle Großtante) Sophie.
Der Skira-Band bildet zusammen mit dem Katalog „T-Lautrec. 29. Dezember 1961 bis 25. Februar 1962 Wallraf-Richartz-Museum Köln“ die Basis häuslicher Erkenntnismöglichkeiten zu Toulouse-Lautrec, und beides wird zumindest vorläufig noch nicht „entsorgt“.

Dienstag, 5. Februar 2013

Nikotin



Hens, Gregor, Nikotin. Fankfurt am Main: S. Fischer 2011, ein Büchlein, nicht zerlesen und auch nicht dafür verfügbar, da nicht mir gehörend.
http://www.perlentaucher.de/buch/gregor-hens/nikotin.html. Warum sich dann noch äußern? Die Rezensenten bescheinigen, ohne sich zu überschlagen dem Autor Witz und Intelligenz. Meine Tochter, die als Raucherin mir als fast ehemaligem Raucher das Büchlein aus eben diesen Gründen empfahl, wird mir verzeihen, dass ich die Intelligenz trotz Rauchens bestätige, den Witz vergeblich gesucht habe, vielleicht, weil Rauchen nicht eigentlich witzig ist. Bei Svevo ist manches witzig, und wenn es seine Eindrücke von London sind.
Fünf scheint ein geeignetes Initiationsjahr zu sein, ich glaube dies trifft auch für mich zu, vielleicht war ich aber doch schon sechs, als ich Herrn Stanke die Pfeife mit selbstgezogenem Tabak stopfen und sie überdies noch entzünden durfte. Herr Stanke war mit Gartenarbeit beschäftigt, aber es war wohl nicht der warme Sommertag, an dem er eine Kreuzotter mit dem Spaten köpfte, und konnte seine Pfeife nicht übernehmen. Zur Strafe musste er wenig später auf dem Wege nach Detmold mehrfach anhalten, damit ich mich ebenso mehrfach übergeben konnte. Heilsam war diese Lehre nicht, da ich offensichtlich genetisch vorbelastet war und bin, allerdings habe ich es nie geschafft, in eine Kloschüssel hinein zu rauchen und wurde stattdessen, mit ungefähr achtzehn, ohne Schuldbewusstsein zum Direktor Neunheuser zitiert und belehrt: „Ein Schüler des Görresgymnasiums raucht nicht auf der Straße.“ Darauf folgte eine recht eitle Phase, deren Beschreibung ich mir jedoch erspare. Dazu gehörten allerdings recht regelmäßige Besuche in einem Tabakgeschäft auf der Breite Straße, wo ich mir alles mögliche empfehlen ließ, zwei Pfeifen, die ich nie richtig einrauchte, Tabak, den ich vergessen habe, wenn man davon absieht, dass ich als Beimischung auch gepressten Latakia erwarb – und, um mich von der Pfeife zu erholen Zigaretten der Marken Gold Flake oder Senior Service, für meine Mutter entweder die Benson & Hedges in der roten Blechdose oder vielfarbige Damenzigaretten, deren Namen ich ebenfalls vergessen habe, die vielleicht so etwas wie „Aroma“ hießen. Wenn man davon absieht, dass ich gelegentlich Players von meinem Vater schnorrte, denen David Garnett 1925 mit The Sailor’s return ein in der Größe angemessenes Denkmal erschrieb, gelangte ich recht früh und schnell nach den die Finger bräunenden Will’s Woodbine und den Austria 3ern, beide in neutraler leicht grünlicher Verpackung, zu meiner Standardsorte, den filterlosen Roth-Händle, die mit Vergnügen gelegentlich gegen Gitanes eingetauscht wurden. Die spanischen Celtas und italienischen Nazionali hätten mich, wäre ich jeweils länger in ihren Ländern geblieben, ziemlich sicher vom Rauchen entwöhnen können, nicht aber die griechischen Korona, die erstens rund und nicht flachgedrückt waren und, glaube ich, 1960 zehn Drachmen die Schachtel kosteten, für griechische Verhältnisse damals eine eher teure Marke. Vielleicht wegen der Gesellschaft habe ich diese Marke in aller bester Erinnerung. Mein schönstes Zigarettenerlebnis hatte ich aber im Sommer 1984 in der Türkei, genauer in Erzurum. Als eifriger Bafra-Raucher, damals etwas mehr als 1 Pfennig das Stück, bekam ich diese nicht im fernen Osten der Türkei, dafür aber eine ähnlich billige Sorte, die filterlose Bitlis. Einen milderen – und mir fehlen die Worte – erfrischenderen Tabak habe ich nie geraucht, und wie enttäuscht war ich, als es dann wenig später in der ganzen Türkei eine elegant aufgemachte Filterzigarette mit diesem Namen gab, weiter ging die Ähnlichkeit nicht. Dafür schwärmen aber viele türkische Selbstdreher bzw. alle, die ich kenne, heute für den Bitlis-Tabak. Die Türkei war übrigens abgesehen von anderen Dingen, auch für Raucher geographisch ein gefährliches Pflaster. Mein Vater wurde dort mit gut fünfundzwanzig Jahren zu einem späten Großraucher, weil seine rauchenden deutschen Begleiter ihr Vergnügen aus der gemeinsamen Reisekasse befriedigten.
Durch die Studentenjahre habe ich mich mit Hilfe vieler tausender Schwarzer Krauser-Zigaretten gerettet, gegen Ende des Monats hergestellt aus aufbewahrten Kippen, aber ich lebe immer noch. Über Zigaretten ließe sich endlos, doch abgesehen von der angenehmen Selbstbefriedigung kaum leichtfertig amüsant schreiben, über den unberechenbaren Funkenflug und den in seinen Konsequenzen berechenbaren Schlaf mit einer brennenden Zigarette ausgerechnet im bereits erwähnten Griechenland.
Es gibt überwiegend schöne Erinnerungen ans Rauchen, auch wenn ich immer eher Zigaretten als Pfeife oder Zigarre rauchte. Nach Aussagen meines Klassenlehrers am Görresgymnasium, der gelegentlich Zigarre rauchte, der die Welt immer wieder in Ordnung bringen wollte und den leicht asymetrischen „schiefen“ Turm der Lamberti Kirche aus seiner geordneten Dürener Perspektive als Zeichen Düsseldorfer Unordnung interpretierte, rauchten nur Sozis Zigaretten, Konservative Zigarren und Pfeife die Liberalen, und er übersah dabei die unpolitischen Bürger.
Das war eine lange Abschweifung hin zu einer eigentlich intendierten hommage an Paul Ingendaay, dessen Beiträge in der FAZ und nicht nur aus Spanien und vom spanischen Fußball, sondern auch in der seltenen Literaturbeilage, mir fast ausnahmslos Vergnügen bereiten. Vor einigen Monaten  oder doch Jahren ? (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/2.1781/im-katholischen-internat-die-stille-hinter-den-mauern-1970449.html), damals mir der Bedeutung noch nicht klar, schrieb mit Assoziationen in Richtung Odenwaldschule Paul Ingendaay über sein eigenes Internat (Das Collegium Augustinianum Gaesdonck ist ein staatlich anerkanntes bischöfliches Gymnasium des Bistums Münster mit Internat für katholische Mädchen und Jungen. Es liegt am Niederrhein (bei Goch, im Kreis Kleve) und wird seit über 150 Jahren mit der Bildung und Ausbildung junger Menschen betraut. http://de.wikipedia.org/wiki/Collegium_Augustinianum_Gaesdonck) spannungsreich genug, aber doch diskret und um so lohnender. Auf diese Weise kenne ich jetzt zwei Namen aus der langen Liste berühmter Schüler dieser Schule.

Samstag, 19. Januar 2013

diesmal rororo ohne Kommentar



Dacia Maraini

Im Rahmen meiner Entsorgungswut habe ich nach etwa vierzig Jahren in den mit dem Prix Formentor bekrönten Roman Zeit des Unbehagens der damals noch jungen, aber nicht wie Françoise Sagan so jungen Dacia Maraini hineingesehen. Allerdings war ich nicht so schnell am Ball, dass ich sofort zur 1963 erschienenen deutschen Ausgabe bei Rowohlt gegriffen hätte, drei Jahre später war früh genug als rororo Taschenbuch Ausgabe mit der Nummer 825.
Ein ziemlich heftiges Geschoss wurde damals vom Spiegel (1963:23) abgefeuert, mit dem die Dacia Maraini, die heute nach zahllosen (von mir leider nicht gelesenen) Arbeiten als so etwas wie die grande dame italienischer intellektueller Emanzipation anerkannt wird – dieses Bild vermitteln zumindest die zahllosen websites –, als sechsundzwanzigjährige „Gesellschaftsschönheit und Appartement-Marxistin“ charakterisiert wurde. Die Kurzrezension endet damit, dass dem Leser die Erkenntnis dämmert, „daß selbst die Beschreibung von Sexual-Übungen zum Gähnen verführen kann:“
In der rororo-typischen Einführung „Zu diesem Buch“ heißt es u.a., dass die siebzehnjährige Hauptperson Enrica „sich einen Liebhaber nach dem anderen“ leistet. Auf dem hinteren Umschlag „verbraucht die siebzehnjährige Heldin einen Liebhaber nach dem anderen“. Beim höchstpersönlichen Nachzählen sind es allerdings nur drei, der blasierte und egoistische Cesare, den sie nach eigener Aussage liebt, der hoffnungslos in sie verliebte Carlo und schließlich der für die Beteiligten befriedigende one-night-stand des Rechtsanwalts Giulio Guido, der von ihm, aber nicht von Enrica gern wiederholt worden wäre. Zwar ist die Sprache der Maraini bereits deutlicher als die Caldwells zwanzig bis dreißig Jahre zuvor, aber ich muss dem Spiegel-Rezensenten zustimmen und auch mir erscheint die so-gerade-noch Diskretion Caldwells auch in einem schlechten Buch wie A house in the uplands sehr viel wahrhaftiger. Vielleicht aber befördert auch die Hitze im Staate Georgia die Phantasie und Lust mehr als das offensichtlich sehr regnerische Rom der Maraini.
Wie so oft fällt mir zum Eigentlichen denkbar wenig ein, denn älter und intensiver war meine Begegnung mit dem Vater Fosco Maraini (http://www.theflorentine.net/articles/article-view.asp?issuetocId=7640 von Deirdre Pirro (issue no. 161/2012 / April 12, 2012) und http://www.guardian.co.uk/news/2004/jun/15/guardianobituaries.obituaries). Manchmal ist es überaus ärgerlich, wenn Bücher im Impressum nicht das Erscheinungsdatum nennen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich sein Buch Geheimnis Tibet als Schüler gelesen habe. Das wäre bei der deutschen Originalausgabe des Wilhelm Andermann Verlages, München / Wien aus dem Jahre 1953 sogar wahrscheinlich. Wenn ich aber versuche, die von mir gelesene Ausgabe im Bertelsmann-Lesering zu bibliographieren, so ist das eine Ausgabe ohne Jahr, und die Antiquare wählen entweder das Datum der Originalausgabe oder – nicht weiter begründet – 1960. Wenn ich wüsste, wann meine Schwester ihre Mitgliedschaft im Bertelsmann-Lesering aufgekündigt hat, hätte ich zumindest ein Datum ante quem.
Die Familie bleibt väterlicher- und mütterlicherseits in der Prominenz. Der Nachruf im Guardian: „His father was a well-known sculptor, Antonio Maraini, while his mother, Yoi Pawlowska Crosse, was English, even if her name reveals other roots, and the young Fosco grew up in the highly cultivated, Anglo-Florentine Tuscan society of the interwar years.“ Auch die Crosse-Familie lässt sich im Internet weiter zurückverfolgen.
Und schließlich nicht im Internet: Dacia Maraini kommt mir vor wie eine ältere Schwester oder Vorgängerin von Ulla Berkéwicz.

Freitag, 18. Januar 2013

Ziemlich zerlesen



Erskine Caldwell

Die beiden Bändchen, die sich von ihm im Hause finden, sind bis vor einer Woche zumindest nicht von mir zerlesen worden, es mag einfach der Zahn der Zeit sein, der an diesen Paperbacks genagt hat.
Dies sind A house in the uplands, ursprünglich erschienen 1946, in meinem Falle jedoch „published as a Signet book (...) Seventh printing, May 1949“ und a Journeyman (ursprünglich Viking Press 1935 - 193 Seiten), in meinem Falle jedoch published by The Albatross, Leipzig – Paris – Bologna, March 1939, gedruckt in Deutschland (The Albatross Modern Continental Library, Volume 397) mit gelbem Umschlag, das äußere Kleid angeblich psychologischer Romane und Essays. Der eigentliche Text endet mit der Information: „This edition is composed in Garamond type cut by the Monotype Corporation. The paper is made by the Bautzen Papermill. The printing and the binding are the work of Oscar Brandstetter Leipzig“, und dann folgen acht unpagnierte Seiten mit Verlagsankündigungen. Davon listen zwei Seiten Texte aus The Albatross Modern Continental Library auf, die Reisen enthalten oder fremde Völker beschreiben:
Bloomfield, P. & M., The traveller’s companion (Nr. 21) [Europa]
Bromfield, Louis, The farm (226*) [U.S.A.]
Conrad, Joseph, The arrow of gold (33) [Spain]
Conrad, Joseph, The mirror of the sea (305) [Life at sea]
Duguid, Julian, Tiger-man (54) [Brazil]
Duguid, Julian, A cloak of monkey fur (316) [The Argentine]
Fallas, Carl, The wooden pillow (296) [Japan]
Forster, E.M., A pasage to India (96) [India]
Hobart, Alice T., River supreme (273) [China]
Huxley, Aldous, Beyond the Mexique bay (269) [Central America]
Lewis, Sinclair, Mantrap (3) [Canada]
Lewis, Sinclair, Free air (39) [U.S.A.]
Lucas, E.V., A wanderer in Paris (330*) [France]
MacDonald, Philip, Patrol (294) [The desert]
Masefield, John, The bird of dawning (214) [Life at sea]
Miller, Caroline, Lamb in his bosom (253) [U.S.A.]
Nesbitt, L.M., Abyssinia unveiled (287*) [Abyssinia]
Prokosch, Frederic, The Asiatics (310) [The Orient]
Seabrook, W.B., The magic island (15) [Haiti]
Smith, Wallace, The captain hates the sea (229) [Pacific Ocean]
Stark, Freya, The southern gates of Arabia (323) [Arabia]
Waln, Nora, The house of exile (99) [China]
Waugh, Alec, Wheels within wheels (85) [U.S.A.]
Waugh, Evelyn, Black mischief (59) [Arabia]
Wilder, Thornton, The bridge of San Luis Rey (29) [Peru]
Wyndham, Richard, The gentle savage (327) [Africa]
Yurlova, Marina, Cossack girl (242) [Russia]
Nicht kennen tu ich die Autoren Bloomfield, Duguid, Fallas, Lucas, MacDonald, Miller, Nesbitt, Prokosh, Seabrook, Smith und Yurlova, aber wirklich gelesen habe ich in anderen Ausgaben nur A Passage to India in der ersten Penguin Ausgabe vom Januar 1946 (New York: Penguin Books 574) – übrigens wird es auf der sechsten Seite ausführlicher beschrieben, wo es mit zwei mir unbekannten Büchern von F. Yeats-Brown, Lancer at large und Bengal lancer (beides Tauchnitz-Bändchen, Nrn 5277, 5289) gepaart wird – auch der Band von Freya Stark wird auf der siebten Seite ausführlicher angepriesen und u.a. mit Doughtys Arabia deserta verglichen, Alice T. Hobart und Nora Waln eher nolens volens in Exemplaren aus öffentlichen Bibliotheken, The bird of dawning ohne Schutzumschlag in der Erstausgabe London: Heinemann 1933, die ich im September 1970 bei Cappelen in Oslo für 6 Kronen erwarb, Black mischief, das ich verlegt habe und wahrscheinlich in einer Penguin-Ausgabe las und schließlich während meiner Schulzeit schon auf Deutsch allerdings The bridge of San Luis Rey.
Auf den Seiten drei und vier werden einmal The Albatross Book of American Short Stories. Extra Volume. Silver Covers (276*), zum anderen The Albatross Book of Short Stories. First English Series. Extra Volume. Silver Covers (100*) annonciert. Von den siebzehn amerikanischen Autoren sind mir zehn nicht bekannt, von den vierzehn englischen zwei, wobei ich mich als bedingungsloser Laie frage, ob Autoren wie Walter de la Mare, John Galsworthy oder J.B. Priestley heute noch gelesen werden.
Seite fünf ist ausschließlich vier Büchern Eric Linklaters gewidmet mit einem Auszug und einem sternförmig angeordneten Gedicht (What I see and what I hear, Are meat and drink but not so dear: What I write and what I think, Are sometimes only wind and stink) aus dem von mir nie gelesenen Ripeness is all (298) und das von einem der Protagonisten namens Stephan als „just a shade too clever to be really good“ charakterisiert wird. Die weiteren drei Titel sind Juan in America (89*, Magnus Merriman (238) und Juan in China (377), von denen ich tatsächlich amüsiert nur die beiden „Juan“-Bücher gelesen habe, allerdings bei Penguin, noch in ähnlich schlichten Ausgaben wie die Albatross Books in Weiß und Rot. Noch mehr gefallen haben mir die beiden Kinderbücher von Eric Linklater, The wind on the moon von 1944 und The pirates in the deep green sea von 1949, die ich als Puffin-Publikationen von 1972 und 1974 als Erwachsener mit Vergnügen gelesen habe.
Die achte Seite schließlich annonciert drei Veröffentlichungen des mir bis zum heutigen Tag unbekannten Paul de Kruif
(http://en.wikipedia.org/wiki/Paul_de_Kruif), sein berühmtestes Werk Microbe hunters (23) von 1926, Men against death (45) von 1932 und Hunger fighters (234) von 1928.

Über the Albatross und die Tauchnitz-Ausgaben kann man relativ viel im Internet erfahren. Einige Adressen: http://www.worldliteratureforum.com/forum/showthread.php/953-The-Albatross-Library,  
(http://www.tauchnitzeditions.com/albatross.htm (daraus folgendes Zitat: „Within two years of its launch, Albatross had effectively defeated Tauchnitz as a commercial rival. Tauchnitz was put up for sale, and but for one crucial factor, would have been completely taken over by Albatross. However the Nazi party was by then in power in Germany and the takeover of Tauchnitz by a Jewish-owned firm was not politically acceptable. There was therefore an arrangement for Tauchnitz to be bought by Oscar Brandstetter, its main printer, with all editorial control handed over to Albatross. From 1934 on, the Tauchnitz and Albatross series were effectively managed jointly. There were undoubtedly some difficulties in terms of what could be published in Nazi Germany, and some personal difficulties for both Kurt Enoch, who as a Jew was effectively forced to emigrate, and John Holroyd Reece, who had a Jewish father. However it was still a period of success for the two series, viewed together, that continued until the declaration of war in 1939.) und verschiedene Seiten zu Mathias Wegner. Den Artikel von Karl H. Pressler, „Tauchnitz und Albatross. Zur Geschichte des Taschenbuches“, in: Aus dem Antiquariat, Heft 1, München 1985 habe ich nicht eingesehen. Auf diese Weise habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, welche Rolle die Albatross-Bücher in der Zeit des Nationalsozialismus spielen konnten. Die dort publizierten Autoren waren in den allermeisten Fällen, dies gilt auch für Erskine Caldwell, kaum „linientreu“ zu nennen. Allein bei Judith Claudia Joos, Trustees for the public? Britische Buchverlage zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Wiesbaden: Harrassowitz, erscheint in einer Anmerkung ein Brief an Allan & Unwin von John Holroyd Reece bezüglich der Verlagssituation in Deutschland.
Abgesehen von dem Caldwell stammen aus der Vorkriegszeit in meinem Fundus
Lehmann, Rosamond, Dusty Answer. Third impression 1937 (26) und Sitwell, Edith, I live under a black sun. 1938 (368). Diese drei Bände sind bei Oscar Brandstetter, Leipzig gedruckt. Ebenfalls aus der Noch-Vorkriegszeit sind The waves von Virginia Woolf 1939, jedoch bereits gedruckt bei der Stamperia Valdónega in Verona. Ein weiteres Stapelchen stammt aus den Jahren 1947 bis 1950.
Zunächst erscheinen als Verlagsorte London und Paris, dann Rom, wobei die offensichtlich etwas älteren Bände (die Nrn. 550 und 571) bei A.W. Sijthoff’s Uitgevers Mij N.V. in Leyden gedruckt wurden, die späteren (Nrn. 317 [Special Volume], 255 [Extra Volume], 578, 4816 und 4975) bei Arnoldo Mondadori in Verona.

Auf andere Weise sind auch die Signet Books ein Meilenstein in der Geschichte des Taschenbuchs, und so reklamiert am Ende des Caldwell-Bändchens The New American Library of Worl Literature, Inc. 245 Fifth Avenue, New York 16, New York den Ruhm für sich: „‘Good Reading for the Millions‘ is our motto. Under our former imprints, Penguin and Pelican, and under our new imprints, Signet and Mentor, you will find the best of the world’s literature within reach of every purse. Signet stands for books of finest fiction, and Mentor for distinguished non-fiction. Thanks to the cooperation of American publishers whose books we have reprinted, and to the cooperation of authors who have written originals for us, our active list includes books by these and scores of other outstanding writers and scholars [Es folgt eine Liste mit 22 Namen von Sherwood Anderson bis Richard Wright.]
Many of our best sellers, fiction, poetry, drama, classics, non-fiction and reference titles are important books of a sort never before available in inexpensive paper-bound form. The variety of our list means something good for every reader’s taste, mood and interest.
Our change of name and imprint in 1947 did not represent a change of policy, but was only incidental to our growth and independent development as a wholly American firm. Our motto in the past and in the future – ‚Good Reading for the Millions‘ – applies to all our books in every category.“
Die darauf folgende Liste in letzter Zeit erschienener Signet-Bücher endet mit Frederic Wakeman (Frederic E. Wakeman, Sr., publishing as "Frederic Wakeman"), Shore leave. Dabei handelt es sich um den Vater von Frederic Evans Wakeman, Jr. (December 12, 1937–September 14, 2006), der ohne Manjurisch zu können das monumentale Standardwerk The great enterprise veröffentlichte. Diese Liste nennt auch den Preis eines Signet Buches – 25c. Erworben hat es ? am 19.9.1949 für DM 1,20.
(http://bookscans.com/Publishers/signet/signet.htm) und zahlreiche andere websites. Durch Kurt Enoch jedoch sind The Albatross und das Signet miteinander verwandt.

Zurück zu Caldwell, über den man zusammenhängend und verstreut recht viel im Internet finden kann. Das, was ich von ihm gelesen habe, gehört nicht zu seinen berühmtesten Werken. Da ich diese aber nicht kenne, kann ich über die Spitze des Eisbergs nichts sagen. Ich begann mit dem dünneren Büchlein A house in the uplands und ich empfand ähnliches wie die Person die folgendes schrieb, einen Text, der in das Zeit-Dossier vom 17. Januar 2013 passen würde: „A ridiculously overheated melodrama set on a decaying southern plantation, featuring a prideful, spoiled young "aristocrat", his mother who encourages him in those traits, his neglected, weepy wife, their downtrodden servants and field hands, a "modern" cousin, an earthy lower-class tenant... and more tumultuous passions, angry outbursts, tearful scenes, conflicts, financial troubles, and predictable plot developments than you'd wish to count. I guess it's a "classic" because it's so typical of a genre of best-sellers that continues to this day. Even the prose has the flat, descriptive tone of the sort of popular writing that has to tell you exactly what the characters are thinking (Bis hierhin reicht mein Einverständnis). (...) This being published in 1946, there's no actual sex, like there undoubtedly would be now -- we have to content ourselves with our heroine being carried, trembling, in the brawny arms of her neighbor, etc. (Gibt es keinen aktuellen Sex, nur, weil die plastische Beschreibung des Geschlechtsaktes fehlt? Das Tun des männlichen „Helden“ mit Sallie John ist deutlich genug. Offensichtlich hatten damalige Leser eine bessere Kenntnis von der Realität als unser Rezensent, vor allem,wenn man die Versuche der New York Society for the Suppression of Vice zur Kenntnis nimmt, deren Mitglieder offensichtlich natürlichere Vorstellungsfähigkeiten hatten als wir, denen die „Dinge“ überdeutlich aufs Butterbrot geschmiert werden müssen. Auch spätere Arbeiten von Caldwell werden als „semi-pornographic“ beschrieben.) (...) (und manchmal sind die Koinzidenzien verblüffend. Auf S. 28 des TLS vom 11. Januar dieses Jahres ist ein Umschlag von 1948 reproduziert: Erskine Caldwell, Midsummer passion by the author of God's little acre and other stories. Im Kommentar dazu heißt es, dass es kaum zu glauben sei, dass die Literaturkommission des Staates Georgia einst empfahl, die Buchhändler gerichtlich zu belangen, die Caldwells Roman God's little acre auf Lager hatten. Weiter wird ein Brief von Byron Herbert Reece von 1957 referiert, in dem er darüber klagt, dass man dauernd Leuten aus anderen Staaten erklären müsse, dass die Kommission nicht die Mentalität Georgias repräsentiere. Nicht zu Unrecht meint J.C., dass das Titelbild von 1948 Reece bestätige.)The other difference is that such a story nowadays would be very unlikely to be frank about the racial relations on the plantation. There's no glossing over attitudes or censorship of language. The author obviously thinks that the black characters, in the words of the modern cousin, "have certain fundamental rights", but his depiction of them is just as clichéed as everything else here, and necessarily racist. (...) Ich möchte Caldwell zu Gute halten, dass hier ein allmählich wachsendes Bewusstsein eines Autors für die fehlerhaften bis schrecklichen Seiten des Rassismus deutlich wird. Nach heutigen Maßstäben sind Wortwahl und der bescheidene Einsatz für Gleichheit rassistisch, für mich ist das jedoch der Anfang einer anderen und besseren Einstellung unter Einbeziehung des Umgangs mit den „low-whites“. Was allerdings die Kritik an diesem Buch rechtfertigt, ist die Zweidimensionalität der handelnden Personen. (...) (http://www.goodreads.com/book/show/2602928-a-house-in-the-uplands)
 Die Beschäftigung mit Journeyman (1935) ist im Internet intensiver. Zwei Beispiele finden sich sub http://www.fantasticfiction.co.uk/c/erskine-caldwell/journeyman.htm und http://www.essaylet.com/book/erskine-caldwell/journeyman.html. Dieses Buch erscheint mir erheblich besser durchgearbeitet zu sein als A house in the uplands, auch wenn die Figuren gewaltig ins Groteske überzeichnet sind. Hauptperson ist der Wanderprediger Semon Dye, der trotz aller Übertreibungen ein nicht unwahrscheinliches negatives Element der amerikanischen Gesellschaft nicht unähnlich den beiden Schaustellern in Huckleberry Finn, die allerdings nicht so ungestört davonkommen wie Semon Dye, sondern geteert und gefedert aus der Stadt getrieben werden, ist. Unterzeichnet, aber ebenso real sind die „low-whites“ wie Clay, der von Semon Dye nach Strich und Faden ausgenommen wird. Auch in diesem Buch werden Rassismus, hierarchische Fesseln und die bereitwillige Verfügbarkeit von Frauen zynisch und satirisch und damit erkennbar kritisch thematisiert. Nach einer gewissen Gewöhnungsphase – warum lassen sich die Leute alles von Semon Dye gefallen? Ich hätte mich längst gewehrt – halte ich Journeyman immer noch für ein lesenswertes Buch.
Ergebnis der Caldwell-Lektüre war gestern, daß ich das Signet-Bändchen von 1947, welches zu zerfallen schien wie Bücher vom Ende des 19. Jhs. in den Papierkorb expedierte – noch könnte ich es herausholen, das Albatross-Bändchen jedoch mit einer vorsichtigen Leseempfehlung an meine Tochter weitergab, die mir bei dieser Gelegenheit Albatross-Ausgaben von Wilde, Graves und Huxley entführte und mir gleichzeitig zum ersten Mal gestand, dass sie mit Virginia Woolf nichts rechtes anfangen könne, auf meine Nachfrage nicht einmal mit Orlando – Trauer muss ich tragen.