Freitag, 9. August 2013

Gabor von Vaszary



Gábor von Vaszary
Als es mit den rororo Taschenbüchern begann, kauften meine Eltern nicht alle Bände, die erschienen, von den ersten 21 Nummern nach meiner Erinnerung nicht Balzac (Nr. 6), weil dieser in verschiedenen französischen und deutschen Ausgaben vorhanden war, nicht Radium (Nr. 8) von Rudolf Brunngraber, nicht Auf Wettfahrt nach China (Nr. 9) von Neil Peterson und nicht Wendemarke (Nr. 21) von William Faulkner, warum diese nicht, kann ich nicht sagen, wahrscheinlich eine Mischung aus Desinteresse, Nichtwahrnehmung und Zufall. Die in Nr. 20, nämlich Monpti von G. v. V., genannten in Kürze erscheinenden Titel wurden alle gekauft und von allen gelesen, einschließlich Percy auf Abwegen von Hans Thomas (i.e. Hans Zehrer). Von den beiden anderen annoncierten Rowohlt-Bänden, Der Trinker von Hans Fallada und Amerika Tag und Nacht von Simone de Beauvoir kaufte ich 1956 das letztere in seiner zweiten Auflage von 1952 für meine Mutter mit einer mir heute unverständlichen Widmung für den 13. Mai 1956.
Eine weitere ganzseitig Annonce, als am Ende des Buches Monpti zu Fuß die Richtung zum Hotel Riviera einschlägt, gehört dem J.P. Toth Verlag – Hamburg, der laut Impressum alle Rechte an Monpti besaß, mit drei seiner Publikationen. Im Internet suchte vor wenigen Jahren jemand Informationen über den Toth Verlag und bekam die etwas patzige Antwort, er solle den Börsenverein fragen. In einem anderen Zusammenhang heißt es: „In die Reihe der Verlage, die nicht mehr existieren, zählt auch der J.P.Toth Verlag aus Hamburg mit ebenso reichem Angebot nach dem Krieg.“ (http://www.kulturexpress.de/848.htm) (aufgerufen am 6. August 2013). Aufgrund des Namens, aber auch des Verlagsprogramms war dies fraglos ein Verlag mit heftigen ungarischen Wurzeln, der u.a. 1943 einen Band herausgab Nikolaus von Horthy Admiral, Volksheld und Reichsverweser, aber keineswegs nur diesen. Von den hier annoncierten Büchern aus dem J.P. Todt Verlag, Margravou [i.e. Marcel Gravouille], Die rote Viper, [William] McFee, Die Morgenwache und Lajos Zilahy (http://en.wikipedia.org/wiki/Lajos_Zilahy und http://www.sk-szeged.hu/statikus_html/vasvary/newsletter/08jun/zilahy.html) (aufgerufen am 5. August 2013), Die goldene Brücke ist allerdings nur das letztere ungarisch, überdies 1956 verfilmt mit Curd Jürgens, Rurth Leuwerik und Paul Hubschmid.
Der rororo-Band Monpti ist eigentlich zur Entsorgung vorgesehen. Der Umschlag von Karl Gröning Jr. und Gisela Pferdmenges scheint mir nicht so geglückt wie viele andere von diesen beiden, sondern einen dem Buch nicht gemäßen süßlichen Charakter wiederzugeben. Das säurehaltige Papier zerbröselt unter unaufmerksamen Fingern, und schließlich insinuiert der Name des Autors ein wenig den allzu leichtgewichtigen Boulevard, und die Csardas-Fürstin ist noch nicht wieder Mode. Gleichzeitig fehlt ihm die adelnde Merkwürdigkeit eines Fritz von Herzmanovsky Orlando oder  dann einerKlaralinda Ma-Kircher und eines Wendelin Schmidt-Dengler.
Nachdem ich nach sechzig Jahren Monpti wieder gelesen habe, fällt es mir jedoch schwer, mich davon zu trennen, womit ich nicht ganz allein zu stehen scheine. (Susanne Schmetkamp, 29.09.2008, ZEIT ONLINE; http://www.heim2.tu-clausthal.de/~kermit/autoren/vaszary.shtml) (aufgerufen 4. August 2013). Doch bin ich mit Frau Schmetkamp nicht in allen Punkten einig. Zunächst ein äußerlicher, der sich auf die frühen rororo-Sitten bezieht: Die von ihr erwähnte Abstimmung von Text und Werbetext stimmt, doch ist es zumindest in meinem Exemplar zwischen S. 104 und 105 eine Zigarettenreklame, auf der ein junger Mann dem Text auf S. 104 entsprechend eine leere Milchflasche in der Hand hält, um für das Pfand Zigaretten zu kaufen. Eine Häuserwand verrät den Namen der gewünschten Zigarette: FOX. Le grand plaisdir pour les fumeurs. Le goût du monde. Übrigens scheint die selbe Dame den Roman im Paris der fünfziger Jahre anzusiedeln, was gewiss unzutreffend ist. Mich selber befriedigt zwar im großen und ganzen die vom Autor angefertigte deutsche Übersetzung – wenn ich so gut ungarisch könnte wie er deutsch! – aber die glücklicherweise nicht insgesamt durchgehaltene Übersetzung Pariser Straßennamen missfällt mir sehr wohl. Wer geht, wenn er in Paris ist, jemals die Sankt-Jakob-Straße hinauf?
Sicherlich wäre die Frage des Geburtsjahres von G. v. V. in einem einschlägigen Archiv zu lösen. Mir erscheint jedoch das spätere Datum (1905) plausibel, da das Gefühlsleben in Monpti dem eines sehr jungen Erwachsenen zu entsprechen scheint, wissend bereits, aber ohne allzu viele Erfahrungen, was beides in einem diskreten inneren Dialog, in dem der Witz die drohenden Spitzen kappt, seinen Ausdruck findet. Darüber hinaus löst der Tod der Protagonistin verschiedene fiktionale und reale Probleme. Einerseits wird die Phantasie aus der scheinbaren Realität entfernt, zum anderen wird das ewige Problem einer Mischverbindung kurz angesprochen, dann aber stillschweigend aufgelöst.
In einer Altmännerstimmung halte ich den Text Vaszarys auf verschiedenen Ebenen für wahrhaftig und klug – und selbstverständlich elegant. Meine Absicht, den Text zu entsorgen, muss ich zurückstellen. Vor einigen Jahren dachte ich, es auf dem Flohmarkt für vier € anzubieten, dieses zerbröselnde Bändchen, allerdings bisher ohne Textverlust.

Samstag, 6. April 2013

Pierre la Mure



Noch ein Text, published as a Signet Book.
Bücher wegwerfen geschieht offensichtlich in extremer Zeitlupe. Was die Ausgabe als Signet Buch anbelangt, so handelt es sich um die Fifth Printing vom Januar 1954 der First Printing vom Februar 1952 des ursprünglich bei Random House 1950 erschienenen biographischen Romans Moulin Rouge. A novel based on the life of Henri de Toulouse-Lautrec (#921A and B) von Pierre La Mure (Lamure), über den man durch Google genug, aber nicht exzessiv viel erfährt.
Zu Erstausgaben, einmal sogar mit Namenszug des Autors für 300 $ siehe
1953 oder 1954 – ich glaube das erste Jahr ist das Richtige – war ich mit meinen Eltern in München und wie immer wohnten wir in einem Mittelklassehotel Namens Hotel Leopold am Ende der Leopoldstraße. Erinnern kann ich mich an das damals übliche deutsche Hotelfrühstück, ein Kännchen Kaffe (2 Tassen), zwei eher pappige Brötchen und dazu Marmelade. Viel einschneidender war aber die Entscheidung meiner Eltern, am Abend ins Kino zu gehen und uns Kinder mitzunehmen. Mit zwölf oder dreizehn Jahren machte ich mich vor Scham immer kleiner, obwohl oder weil man mich in einen Film ab sechzehn mitnahm und hineinließ. Deshalb habe ich Moulin Rouge mit dem beeindruckenden, auf den Knien humpelnden José Ferrer nie vergessen.
Moulin Rouge gehört zu den Signet Double Volumes. Complete and Unabridged – Only 50 cents each, eine Kategorie von Büchern, in denen auf keinen Fall der Satz stehen könnte: „A Dover edition designed for years of use. Der Moulin Rouge-Band hat zwar seit 1954 mehrere Umzüge hinter sich gebracht, aber zum Lesen wurde er gewiss seit weit mehr als 50 Jahren nicht mehr geöffnet. Beim jetzigen Lesen bröselten mir die Seiten entgegen wie die von Veröffentlichungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jhs., und in ganz großen Teilen ist er zu einer Lose-Blatt-Sammlung geworden.
Von den anderen Autoren, die in Double Volumes auf der letzten Seite angepriesen werden, habe ich den Louis Bromfieldschen Regen in einer Bertelsmann-Buchclub-Ausgabe, The Naked and the Dead von Norman Mailer eben als Signet Buch tatsächlich gelesen und nicht ganz vergessen. Referieren und diskutieren könnte ich sie nicht mehr. Mit dem Namen Robert Penn Warren (World enough and time) kann ich hausieren gehen, aber nur eben so. Gar nicht kenne ich Leonard Bishop (Down all your streets), Ralph Ellison (Invisible man), James T. Farrell (No star is lost; Father and son; A world I never made), Thomas Merton (The seven storey mountain), Willard Motley (We fished all night; Knock on any door) und William Styron (Lie down in darkness).
Eine Seite davor, auf der vorletzten Seite werden einige Signet Giants aufgelistet die zum Preis von „only 35 cents each“ angeboten werden und beweisen, dass auch Gigantismus eine Frage des Standpunkts ist. Meine Namenskenntnis der Autoren der Giants ist größer, aber gelesen habe ich nur die beiden D.H. Lawrence Bände (Sons and lovers; Lady Chatterley’s lover), von William Faulkner (Sartoris), Alberto Moravia (The woman of Rome; The conformist) und Erich Maria Remarque (Spark of life) und schließlich Louis Bromfield(The green bay tree) kenne ich andere Arbeiten. Bei Irwin Shaw (The troubled air) könnte ich mich vielleicht ans name-dropping wagen, die anderen, nämlich Warren Leslie (The best thing that ever happened), Vincent Sheean (Rage of the soul), Lillian Smith (Strange fruit), Calder Willingham (Natural child), Maritta Wolff (Back in town) und schließlich einmal mehr James T. Farrell (Jugdment day) wecken keine Erinnerungen.
Auf der Rückseite des Vorsatzblattes – auf der Vorderseite steht u.a.: „This is the astonishing bestseller from which the great motion picture Moulin Rouge was made. If you enjoyed the picture, don’t miss reading this book!“ – werden fünf other Signet novels you’ll enjoy. Only 25 cents each – aufgelistet. Die Hälfte des Colette-Bandes, nämlich Gigi habe ich als rororo-Bändchen gelesen, ebenso H.C. Branner (The Mistress [The riding master] in der gleichen Form, vielleicht auch den Georges Simenon (Four days in a lifetime), doch von ihm ist mir nur Maigret, eine bessere Tatort-Qualität und wohl Jean Gabin in der Erinnerung geblieben. Nicht kenne ich von der Colette Julie de Carneilhan, und ob ich überhaupt John O’Hara (Appointment in Samarra) und Vasco Prattolini (The naked streets) begegnet bin, möchte ich bezweifeln. Grundsätzlich ähnelt diese gedruckte Halbwerbung dem Usus von Amazon u.a.: „Wenn ..., dann können auch die folgenden Bücher für Sie von Interesse sein.“
Der Vorteil des La Mure-Buches ist, auch wenn man die spezifische Lektüre längst vergessen hat, der hohe Wiedererkennungswert wegen der Hauptperson. Insofern hat man ein solches Buch immer schon gelesen und behalten. Was übrig bleibt, ist die Frage des Laien, ob es etwas taugt, etwa nicht, weil es wohl doch in sechzig Jahren etwas an Popularität eingebüßt hat und von allzu freien filmischen Adaptionen mit Nicole Kidman verfremdet worden ist. Ich habe es jetzt in etwa vier Sitzungen gelesen, zunächst, um nicht unwissend etwas wegzuwerfen, dann aber mit immer größerer Sympathie für die kluge Professionalität von Autor und Objekt. Und schließlich habe ich über den letzten zwanzig Seiten zwar nicht wie der bekannte Schlosshund geheult, aber voller Rührung, Trauer und einem schon fast peinlichen Identifikationsgefühl einen überwältigenden Klumpen in der Magengegend gespürt, der sich aufreizend im ganzen Oberkörper ausbreitete. Widerstrebend gelang es mir, mich kurz vor dem Ende auf Seite 510 davon zu befreien.
Dann allerdings fing ich an, die weiteren Erinnerungen zu rekapitulieren. Ich denke noch 1954 kaufte ein Elternteil für DM 22,50 (nicht alle, aber die meisten antiquarischen Angebote liegen faktisch weit und nominell leicht darunter – am 5. März fanden sich eine Reihe von Angeboten im Internet meist in der Höhe von € 8,99) den Lautrec-Band aus der Reihe „Der Geschmack unserer Zeit. Sammlung, begründet und herausgegeben von Albert Skira. Lassaigne, Jacques, Biographisch - kritische Studie. Übersetzt von Hans Feuz. Dieses in die Hand nehmend hatte ich ein zusätzliches Vergnügen, mich über ein Internet-Angebot „im Originalschuber“ zu amüsieren, da es sich dabei um eine Papphülle ohne jegliche individuelle Markierung handelt, in meinem Falle aber die Überraschung von zwei als solchen nichtssagenden, aber da mein Vater seiner Gewohnheit gemäß die Briefmarken herausgerissen hatte, sehr persönlichen Postkarten barg, datiert 15.7.1954 von einer nebensächlichen Kindheitserinnerung, nämlich von dem Turkestaner Amin Berdimurat – man kann gerade noch erkennen, dass die Karte in Yesilköy abgestempelt wurde, und datiert 20.8.1954 von unserer nicht heißgeliebten, dazu war sie zu distanziert, aber von allen hoch verehrten Tante (in meinem Falle Großtante) Sophie.
Der Skira-Band bildet zusammen mit dem Katalog „T-Lautrec. 29. Dezember 1961 bis 25. Februar 1962 Wallraf-Richartz-Museum Köln“ die Basis häuslicher Erkenntnismöglichkeiten zu Toulouse-Lautrec, und beides wird zumindest vorläufig noch nicht „entsorgt“.

Dienstag, 5. Februar 2013

Nikotin



Hens, Gregor, Nikotin. Fankfurt am Main: S. Fischer 2011, ein Büchlein, nicht zerlesen und auch nicht dafür verfügbar, da nicht mir gehörend.
http://www.perlentaucher.de/buch/gregor-hens/nikotin.html. Warum sich dann noch äußern? Die Rezensenten bescheinigen, ohne sich zu überschlagen dem Autor Witz und Intelligenz. Meine Tochter, die als Raucherin mir als fast ehemaligem Raucher das Büchlein aus eben diesen Gründen empfahl, wird mir verzeihen, dass ich die Intelligenz trotz Rauchens bestätige, den Witz vergeblich gesucht habe, vielleicht, weil Rauchen nicht eigentlich witzig ist. Bei Svevo ist manches witzig, und wenn es seine Eindrücke von London sind.
Fünf scheint ein geeignetes Initiationsjahr zu sein, ich glaube dies trifft auch für mich zu, vielleicht war ich aber doch schon sechs, als ich Herrn Stanke die Pfeife mit selbstgezogenem Tabak stopfen und sie überdies noch entzünden durfte. Herr Stanke war mit Gartenarbeit beschäftigt, aber es war wohl nicht der warme Sommertag, an dem er eine Kreuzotter mit dem Spaten köpfte, und konnte seine Pfeife nicht übernehmen. Zur Strafe musste er wenig später auf dem Wege nach Detmold mehrfach anhalten, damit ich mich ebenso mehrfach übergeben konnte. Heilsam war diese Lehre nicht, da ich offensichtlich genetisch vorbelastet war und bin, allerdings habe ich es nie geschafft, in eine Kloschüssel hinein zu rauchen und wurde stattdessen, mit ungefähr achtzehn, ohne Schuldbewusstsein zum Direktor Neunheuser zitiert und belehrt: „Ein Schüler des Görresgymnasiums raucht nicht auf der Straße.“ Darauf folgte eine recht eitle Phase, deren Beschreibung ich mir jedoch erspare. Dazu gehörten allerdings recht regelmäßige Besuche in einem Tabakgeschäft auf der Breite Straße, wo ich mir alles mögliche empfehlen ließ, zwei Pfeifen, die ich nie richtig einrauchte, Tabak, den ich vergessen habe, wenn man davon absieht, dass ich als Beimischung auch gepressten Latakia erwarb – und, um mich von der Pfeife zu erholen Zigaretten der Marken Gold Flake oder Senior Service, für meine Mutter entweder die Benson & Hedges in der roten Blechdose oder vielfarbige Damenzigaretten, deren Namen ich ebenfalls vergessen habe, die vielleicht so etwas wie „Aroma“ hießen. Wenn man davon absieht, dass ich gelegentlich Players von meinem Vater schnorrte, denen David Garnett 1925 mit The Sailor’s return ein in der Größe angemessenes Denkmal erschrieb, gelangte ich recht früh und schnell nach den die Finger bräunenden Will’s Woodbine und den Austria 3ern, beide in neutraler leicht grünlicher Verpackung, zu meiner Standardsorte, den filterlosen Roth-Händle, die mit Vergnügen gelegentlich gegen Gitanes eingetauscht wurden. Die spanischen Celtas und italienischen Nazionali hätten mich, wäre ich jeweils länger in ihren Ländern geblieben, ziemlich sicher vom Rauchen entwöhnen können, nicht aber die griechischen Korona, die erstens rund und nicht flachgedrückt waren und, glaube ich, 1960 zehn Drachmen die Schachtel kosteten, für griechische Verhältnisse damals eine eher teure Marke. Vielleicht wegen der Gesellschaft habe ich diese Marke in aller bester Erinnerung. Mein schönstes Zigarettenerlebnis hatte ich aber im Sommer 1984 in der Türkei, genauer in Erzurum. Als eifriger Bafra-Raucher, damals etwas mehr als 1 Pfennig das Stück, bekam ich diese nicht im fernen Osten der Türkei, dafür aber eine ähnlich billige Sorte, die filterlose Bitlis. Einen milderen – und mir fehlen die Worte – erfrischenderen Tabak habe ich nie geraucht, und wie enttäuscht war ich, als es dann wenig später in der ganzen Türkei eine elegant aufgemachte Filterzigarette mit diesem Namen gab, weiter ging die Ähnlichkeit nicht. Dafür schwärmen aber viele türkische Selbstdreher bzw. alle, die ich kenne, heute für den Bitlis-Tabak. Die Türkei war übrigens abgesehen von anderen Dingen, auch für Raucher geographisch ein gefährliches Pflaster. Mein Vater wurde dort mit gut fünfundzwanzig Jahren zu einem späten Großraucher, weil seine rauchenden deutschen Begleiter ihr Vergnügen aus der gemeinsamen Reisekasse befriedigten.
Durch die Studentenjahre habe ich mich mit Hilfe vieler tausender Schwarzer Krauser-Zigaretten gerettet, gegen Ende des Monats hergestellt aus aufbewahrten Kippen, aber ich lebe immer noch. Über Zigaretten ließe sich endlos, doch abgesehen von der angenehmen Selbstbefriedigung kaum leichtfertig amüsant schreiben, über den unberechenbaren Funkenflug und den in seinen Konsequenzen berechenbaren Schlaf mit einer brennenden Zigarette ausgerechnet im bereits erwähnten Griechenland.
Es gibt überwiegend schöne Erinnerungen ans Rauchen, auch wenn ich immer eher Zigaretten als Pfeife oder Zigarre rauchte. Nach Aussagen meines Klassenlehrers am Görresgymnasium, der gelegentlich Zigarre rauchte, der die Welt immer wieder in Ordnung bringen wollte und den leicht asymetrischen „schiefen“ Turm der Lamberti Kirche aus seiner geordneten Dürener Perspektive als Zeichen Düsseldorfer Unordnung interpretierte, rauchten nur Sozis Zigaretten, Konservative Zigarren und Pfeife die Liberalen, und er übersah dabei die unpolitischen Bürger.
Das war eine lange Abschweifung hin zu einer eigentlich intendierten hommage an Paul Ingendaay, dessen Beiträge in der FAZ und nicht nur aus Spanien und vom spanischen Fußball, sondern auch in der seltenen Literaturbeilage, mir fast ausnahmslos Vergnügen bereiten. Vor einigen Monaten  oder doch Jahren ? (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/2.1781/im-katholischen-internat-die-stille-hinter-den-mauern-1970449.html), damals mir der Bedeutung noch nicht klar, schrieb mit Assoziationen in Richtung Odenwaldschule Paul Ingendaay über sein eigenes Internat (Das Collegium Augustinianum Gaesdonck ist ein staatlich anerkanntes bischöfliches Gymnasium des Bistums Münster mit Internat für katholische Mädchen und Jungen. Es liegt am Niederrhein (bei Goch, im Kreis Kleve) und wird seit über 150 Jahren mit der Bildung und Ausbildung junger Menschen betraut. http://de.wikipedia.org/wiki/Collegium_Augustinianum_Gaesdonck) spannungsreich genug, aber doch diskret und um so lohnender. Auf diese Weise kenne ich jetzt zwei Namen aus der langen Liste berühmter Schüler dieser Schule.

Samstag, 19. Januar 2013

diesmal rororo ohne Kommentar



Dacia Maraini

Im Rahmen meiner Entsorgungswut habe ich nach etwa vierzig Jahren in den mit dem Prix Formentor bekrönten Roman Zeit des Unbehagens der damals noch jungen, aber nicht wie Françoise Sagan so jungen Dacia Maraini hineingesehen. Allerdings war ich nicht so schnell am Ball, dass ich sofort zur 1963 erschienenen deutschen Ausgabe bei Rowohlt gegriffen hätte, drei Jahre später war früh genug als rororo Taschenbuch Ausgabe mit der Nummer 825.
Ein ziemlich heftiges Geschoss wurde damals vom Spiegel (1963:23) abgefeuert, mit dem die Dacia Maraini, die heute nach zahllosen (von mir leider nicht gelesenen) Arbeiten als so etwas wie die grande dame italienischer intellektueller Emanzipation anerkannt wird – dieses Bild vermitteln zumindest die zahllosen websites –, als sechsundzwanzigjährige „Gesellschaftsschönheit und Appartement-Marxistin“ charakterisiert wurde. Die Kurzrezension endet damit, dass dem Leser die Erkenntnis dämmert, „daß selbst die Beschreibung von Sexual-Übungen zum Gähnen verführen kann:“
In der rororo-typischen Einführung „Zu diesem Buch“ heißt es u.a., dass die siebzehnjährige Hauptperson Enrica „sich einen Liebhaber nach dem anderen“ leistet. Auf dem hinteren Umschlag „verbraucht die siebzehnjährige Heldin einen Liebhaber nach dem anderen“. Beim höchstpersönlichen Nachzählen sind es allerdings nur drei, der blasierte und egoistische Cesare, den sie nach eigener Aussage liebt, der hoffnungslos in sie verliebte Carlo und schließlich der für die Beteiligten befriedigende one-night-stand des Rechtsanwalts Giulio Guido, der von ihm, aber nicht von Enrica gern wiederholt worden wäre. Zwar ist die Sprache der Maraini bereits deutlicher als die Caldwells zwanzig bis dreißig Jahre zuvor, aber ich muss dem Spiegel-Rezensenten zustimmen und auch mir erscheint die so-gerade-noch Diskretion Caldwells auch in einem schlechten Buch wie A house in the uplands sehr viel wahrhaftiger. Vielleicht aber befördert auch die Hitze im Staate Georgia die Phantasie und Lust mehr als das offensichtlich sehr regnerische Rom der Maraini.
Wie so oft fällt mir zum Eigentlichen denkbar wenig ein, denn älter und intensiver war meine Begegnung mit dem Vater Fosco Maraini (http://www.theflorentine.net/articles/article-view.asp?issuetocId=7640 von Deirdre Pirro (issue no. 161/2012 / April 12, 2012) und http://www.guardian.co.uk/news/2004/jun/15/guardianobituaries.obituaries). Manchmal ist es überaus ärgerlich, wenn Bücher im Impressum nicht das Erscheinungsdatum nennen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich sein Buch Geheimnis Tibet als Schüler gelesen habe. Das wäre bei der deutschen Originalausgabe des Wilhelm Andermann Verlages, München / Wien aus dem Jahre 1953 sogar wahrscheinlich. Wenn ich aber versuche, die von mir gelesene Ausgabe im Bertelsmann-Lesering zu bibliographieren, so ist das eine Ausgabe ohne Jahr, und die Antiquare wählen entweder das Datum der Originalausgabe oder – nicht weiter begründet – 1960. Wenn ich wüsste, wann meine Schwester ihre Mitgliedschaft im Bertelsmann-Lesering aufgekündigt hat, hätte ich zumindest ein Datum ante quem.
Die Familie bleibt väterlicher- und mütterlicherseits in der Prominenz. Der Nachruf im Guardian: „His father was a well-known sculptor, Antonio Maraini, while his mother, Yoi Pawlowska Crosse, was English, even if her name reveals other roots, and the young Fosco grew up in the highly cultivated, Anglo-Florentine Tuscan society of the interwar years.“ Auch die Crosse-Familie lässt sich im Internet weiter zurückverfolgen.
Und schließlich nicht im Internet: Dacia Maraini kommt mir vor wie eine ältere Schwester oder Vorgängerin von Ulla Berkéwicz.