Dienstag, 11. September 2012

Lesender Weise 18



Die Universitätsbibliothek

Nachdem das Büro Ortner & Ortner aus Wien, nachdem verschiedene andere Pläne aufgegeben worden waren, mit kleinen Modifikationen den preisgekrönten Entwurf verwirklicht hatte, in dem das Bielefelder bzw. das Konstanzer oder Trierer Modell der Bereichsbibliotheken insgesamt lokalisiert und im Zentrum des Campus übernommen werden sollte, das sich in den Universitätsneugründungen seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts so sehr bewährt hatte, größere Einheiten, die mit weniger ständigem Personal Öffnungszeiten von 24 Stunden zuließen, wurde dieser Bau, nein Komplex, im Beisein zahlloser Honoratioren, der Architektenelite, der Spitzen der nordrheinwestfälischen Kunstszene, der ersten Stifter, soweit sie noch lebten, und der größeren und mittleren Sponsoren mit einem feierlichen Festakt eröffnet, also wieder ein Ereignis, das der Lokalpresse hinreichend Platz wert war, der Frankfurter Allgemeinen immerhin noch eine Spalte, um einmal mehr über die moderne Architektur zu räsonnieren.
Da die Johannes-Universität noch jung war – es auch immer bleiben sollte –, be­rief man sich in den Reden einmal mehr auf die kleinere Bibliothek von Alexan­dria, auf die Schulen und Klöster, auf denen man aufbaute und weiter aufzubauen gedachte, wenn man auch das wichtigste Sammelgebiet nach Martin Luther, die Bibeln weitgehend außer acht ließ, im weiteren jedoch dessen Vorstellungen einer wissenschaftlichen Sammlung folgte. Die Bibliothek wurde als Kunstwerk inner­halb des gesamten universitären Ensembles herausgestrichen, und es wurde hoch­gerechnet, in welcher Zahl die nach der Moderne hungernden dort zusammen­strömen würden. Allein die Hülle hatte ihren humanistischen Wert. Wenn man aber dann bis zum Buch, dem Zeugnis des Geistes gelangte, dann verstand man das Herz der Universitas. Nichts trifft mehr die Bedeutung der Bibliothek als die Kernworte des Hauptredners: „Indem wir nun den Bau seiner Bestimmung übergeben können – er wird ein Ort des Lernens und Denkens, der Analyse und Reflexion sein –, indem wir hier in diesem Hirn im Kleinen das, was mit der Begründung des „deutschen Oxford“ in Gütersloh durch die Gründermütter und –väter intendiert war, geschaffen haben, haben wir die besten Voraussetzungen für die vernetzte Arbeit über Fach- und Strukturgrenzen hinweg gewährt, die heute für die Wissenschaft unabdingbar sind. Von diesem Anspruch sind auch die Clusters of Excellence getragen, die die Johannes-Universität entwickelt hat, um Antworten auf die Megatrends und Zukunftsprognosen für unsere Gesellschaft geben zu können.“ usw. usf.
Mit fünfhundert Gästen war es ein intimeres Ereignis als es die Gründungsfeier­lichkeiten gewesen waren, doch bis auf die Präsidenten des Bundes und der Länder war dieses Mal die Elite mehr unter sich und spöttelte voller Sympathie über die multitudo librorum. Daher gab es auch nur Croissants, Säfte und den durch seine Fernsehreklame verschönten, längst bis nach Westdeutschland gedrungenen Rot­käppchensekt. Es war eine dieser üblichen, ach, allzu seltenen Gelegenheiten zur Aussprache und zur Vorbereitung anderer Entscheidungen.Und die schönste Rede aus diesem Anlass hielt der mit Mühen gewonnene Bibliotheksdirektor, Professor Dr. Thomas Dibdin, für den man eine Ablösesumme hatte zahlen müssen, die der für brasilianische Fußballer kaum nachstand. Sein Preis war völlig gerechtfertigt.
Karl träumte von einer Mischung weiter Flächen und dichter begehbarer Buch­bestände, Diatheken, Videotheken, digitaler Archive und digitaler Zeitungen auf dem bei Philips entwickelten Papier, kurzum von die traditionellen Bücher ergän­zenden Mediatheken. Die Bibliothek sollte auch unmittelbar erlebbar in die Wis­senschaften hinübergreifen, und so wurden statt barocker Skelette Plastinationen eines kroatischen Reiters, eines Bären und eines Hirsches im kommunalen Bereich aufgestellt, damit sie den angeregt ernsthaften wissenschaftlichen Konversationen lauschen konnten. Nicht durchsetzen konnten sich Karl und van Groningen gegen die Lobby Frau Kim-Sebestyns, als sie den Plan lancierten, in der Eingangshalle „Viviane“ von Pia Stadtbäumer in etwas über Augenhöhe zu placieren. Während sie selbst, wie es sich gehört, an den Fragonard in der Wallace Collection dachten, sprach Frau Kim-Sebestyn begründet vom Preis, der den Bibliotheksetat doch allzu sehr belasten werde.
Doch keinesfalls sollte auf das klassische Buch verzichtet werden, im Gegenteil sollten in zahlreichen verstreuten Inseln im Bibliotheksbereich geschlossene wissenschaftliche Sammlungen oder Forschungscorpora unter dem Namen ihrer Stifter geschaffen werden, und er dachte an die Reihe seiner Freunde, die kurz vor ihrer endgültigen Senilität zu solchen Schenkungen bewogen werden könnten. Nicht nur die Bibliothek van Groningens, auch ganz unmittelbar kam ihm Frau Maria Schreiber aus Wörlitz in den Sinn, die ohne Familie, ohne Aufgabe nach der Pensionierung ihn häufig anrief und fragte, mit wem sie denn spreche. Sie war neben ihrer intensiven universitären Tätigkeit als Dekanin, Institutsdirektorin und vorgeschobene Galleonsfigur leicht wechselnder Mehrheiten, zu denen jedoch im­mer Professor Gordon gehörte, mit dem sie Nächte lang russischen Wodka getestet hatte, eine offensichtlich gebildete Dame. Sie war eine dieser sympathischen Grenzgängerinnen zwischen den Fächern, wenn sich dies auch weniger aus intel­lektuellem Impetus als aus Anhänglichkeit an einen professoralen Kollegen einer Nachbardisziplin ergeben hatte.
Und tatsächlich konnte Karl sie ohne weiteres überreden, ihre Bibliothek der Uni­versität Gütersloh zu überlassen, einmal mehr ohne „strings attached“. Dennoch gingen Karls Pläne dahin, die erwähnten Inseln für gestiftete wissenschaftliche Bibliotheken zu nutzen, sie in offenen, im Raum stehenden Rundbauten in Anleh­nung an klassizistische Gartentempel, Miniaturausgaben des berühmten Reading Rooms, aufzustellen und den Namen des Stifters im Tempelfries zu verewigen. Sie sollten ein wenig größer sehr wohl sein als die kuscheligen Rundtempel im Deutschen Historischen Museum im alten Zeughaus zu Berlin, abhängig natürlich von der Größe der jeweiligen Morgengabe So konnten diese Stiftungen als mäzenatisches Sponsoring von der Steuergesetzgebung profitieren. Einschließlich der Gesangbücher, der Romane Stindes und Spielhagens und der gewiß zu erwartenden Doubletten und geklauten Bücher sollte jeweils die gesamte ehema­lige Privatbibliothek aufgestellt werden, Rara sollten selbstverständlich der ein­schlägigen Forschung zur Verfügung stehen, doch diente der Erhalt des Ge­samtensembles vor allen Dingen der Erforschung des intellektuellen Umfelds, der erbrachten Leistungen und nicht zuletzt der geistigen nicht erfüllten Möglichkeiten des dort dokumentierten Wissenschaftlers, in dem gleichen Sinne, ob Luther je Kopernikus gelesen habe, oder eben als Teil nicht der Fußnoten-, sondern der Randnotizenforschung, zarte Striche mit dem Silberstift an wichtig erscheinenden Passagen, Bemerkungen in selbst kreierter Kurzschrift, Zorn, Begeisterung und Richtigstellungen hinzugefügt hätten.
Maria Schreiber war zu sehr mit dem täglichen Kampf mit der Hydra einer politi­sierten Universität nach 1968 beschäftigt gewesen, um schöpferisch wirklich zu wirken, und so gab es eine traurige, aber verständliche Zäsur bei den Büchern, mit denen sie sich umgab. Einmal hatte sie Teile der großbürgerlichen Bibliothek ihrer Eltern in ihr eigenes Leben überführt, die Sammlung Thule ebenso wie die sympathischen Tusculum-Bändchen, die alte Inselausgabe von Goethe, gehobene deutsche und französische Literatur mit einer leicht protestantischen Tendenz und natürlich die weniger vorsichtig gelesenen Bände vor allem älterer deutscher Trivi­alliteratur. Ein Juwel war die vom Vater Maria Schreibers angelegte fast vollstän­dige Sammlung der Publikationen des Georg Müller Verlages, ein weiteres überraschendes eine Sammlung aller bekannten Drucke griechischer, lateinischer und chinesischer Texte, die von Philipp Scheidemann gesetzt worden waren, weniger prominent eine umfangreiche (vollständige?) Sammlung der Erzeugnisse der lithographischen Anstalt Hermann Schmidt, Anklam, der lokal als Graf Litho bekannt war. Viele Jahre stammte aus ihrer Sammlung auch das schwerste Buch der Bibliothek Die Wartburg. Ein Denkmal Deutscher Geschichte und Kunst von 1907, das 24 Kilogramm wog. Zum anderen aber spiegelte der wissenschaftliche Teil ihrer Sammlung ihre doppelten, nie hinreichend öffentlich artikulierten Inter­essen in zwei Fächern wider, nämlich ihrer ersten Liebe, der Japanologie und später der Orientalistik und dies bis etwa 1970 in einer kenntnisreichen Systematik und offensichtlich das Buch liebenden Weise. Der Handapparat bestand aus den bis dahin verfügbaren gedruckten Quellen und wichtigen Hilfsmitteln, ihr Schwerpunkt der japanischen Geistesgeschichte der Heianzeit und später des orientalischen Christentums war überdeutlich erkennbar durch die Bücher, die sie bis zu diesem Zeitpunkt hierzu erworben hatte. Damals war sie etwa vierzig gewesen und hätte noch so viele Chancen gehabt. Später sprach sie mit verwirrtem Geist des Nachts die Vorübergehenden an, die sich dem meist erschrocken entzo­gen.
So waren ihre Bücher ein Denkmal und Beweis zugleich für ihre individuelle Begabung und für eine Vorahnung noch einzulösender, nicht eingelöster Ver­sprechen und für die Geschichte einer Gesellschaft. Es war auch nicht nötig, den Bestand durch reliefierte Büchertapeten wie sie der niedere englische Adel und der höchste österreichische gern benutzten zu erweitern, besonders platzfüllend die oeuvres complètes von Voltaire oder der unvollendete Zedler.
Dies waren jedoch keineswegs die einzigen Stiftungen. Eine kleinere Bibliothek eines Dorpater/Tartuer Arztes – je nach der gerade gängigen political correctness, der noch hatte den großen Dorpater Refraktor erleben dürfen und dessen Biblio­thek nicht nur die Flucht über Kösslin und Villingen, sondern auch zwei Genera­tionen von Erben glücklich überstanden hatte, zeigte die wissenschaftlichen Inter­essen eines strengen Arztes, der sich in der Erforschung der Nebenniere her­vorgetan hatte, mit Arbeiten ueber die Verwendbarkeit der Lippenschleimhaut zur tektonischen Keratoplastik und zur Technik der Iridektomie hervorgetreten war, der sich aber überdies dem faszinierenden Thema der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, der Frage der Verbindung von Genie, Irrsinn und Ruhm, von Lombroso über Kretschmer bis Lange-Eichbaum, den Krankheiten Goethes und anderer Geistesgrößen zugewandt hatte und offensichtlich Erleichterung fand bei der Betrachtung der Bände von Stratz zur Schönheit des weiblichen Körpers. Die eigentliche Trouvaille dieser kleinen Sammlung war jedoch die zweite bisher un­bekannte Auflage der Mémoire sur le système nerveux du barbeau, deren erste, ein wenig bekanntere Auflage von 1835 vor einigen Jahren für 10.000 € bei Venator & Hanstein verkauft worden war.
Die größere Bibliothek eines Berliner Professors für anorganische Chemie hatte Karl ganz zufällig vor dem Müllcontainer retten können, als sein Haus in Dahlem an einen Unternehmer verkauft wurde mit langen Reihen von Sonderdrucken, die die Entwicklung des Faches bis etwa 1960 widerspiegelten. Nicht retten konnte Karl die langen Reihen ledergebundener Zeitschriftenjahrgänge, da sie bereits das Wohnzimmer des neuen Eigentümers möblierten. Retten konnte er die Pfade, die dieser Professor in seinem Leben gewandert war. Spuren finden sich jetzt in den Bücherregalen wieder, die Reiseführer von Berlin, vom Rhein, von Straßburg, Pa­ris und Florenz, die inzwischen mehr als achtzig Jahre alt sind und eine erkennbare, wenn auch alt erscheinende und schäbig gewordene Welt zeigen. Sie zeigen die Restaurationsversuche und Veränderungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts, grau und bereits wieder ein wenig verfallen auf schlechten Schwarzweiß­photos. Sie sind die Erinnerung, die von den Bemühungen von vor zwanzig, dreißig Jahren überlagert werden, wie der Kölner Dom sich von einem leicht erhöhten Hügel auf die Domplatte gesenkt hat. Und diese Neuheit erleidet einmal mehr das gleiche Schicksal, dem Auge vertraut zu werden und zu ermüden, bis man dann plötzlich wieder die abblätternde Farbe, schmutzige Ränder und immer weiter zerfressene Skulpturen, die zum Fossil einer Melusine geworden sind, erkennt. Die alten Museumskataloge reihen die Nummern mit Kurzbeschreibungen und selten mit Abbildungen aneinander, so wie sich die Objekte in Nischen und Vitrinen befinden. An manche Fibel oder Tanagrafigur kann man sich nicht erinnern oder hat sie nie wahrgenommen. Dann aber reicht eine Beschreibung aus, um zu wissen, dass dieses Stück Teil meines Fundus ist.
Weitere Stiftungen standen in Aussicht, so z.B. die Bibliothek und das Archiv Rolf Hochhuts, der als Lesezeichen meist seine Fahrscheine aus den öffentlichen Verkehrsmitteln von Berlin bis Stuttgart der letzten fünfzig Jahre benutzt hatte, eine unerschöpfliche Quelle zur Rekonstruktion seiner Bewegungen und zugleich eine wirtschaftshistorische Quelle zur Preisentwicklung auf Straßen-, U-Bahnen und Bussen, also im öffentlichen Nahverkehr. Und manchmal ertappte sich Karl bei dem Gedanken, er sei nichts anderes als ein auf Zugewinn bedachter Direktor eines gehobenen Altenstifts, der auch vor Erbschleicherei nicht zurückscheut, als ihm z.B. das Widmungsexemplar Lewis Carrolls für sein College, das seit langem verschollen gewesen war, angeboten wurde Dann aber tröstete er sich wieder mit der Entschuldigung, dass er die Stiftungen in eine corporate identity einbringe und träumte, dass er seine eigenen Bücher verschenke, jeweils an den, der ein spe­zielles Interesse zeigte. Und dennoch gegen alle Gewissensbisse wurde zuge­schlagen und nicht selber als Sponsor gehandelt, als das Historische Archiv der Stadt Köln die Abteilung „Sammlungen und Nachlässe“ aufgeben sollte. Mit einem Schlag wurde Gütersloh neben Marbach zu einem Hort deutscher kultureller Erinnerung. Langsam, aber stetig wurde die Bibliothek zu einer Sammlung von in illa parte rara, und sie wurde zu einer philologischen Rekonstruktion des Metaphysischen. Wurde der legale Erwerb von Rara zu kompliziert – so erwarb die Bibliothek eine Sammlung von topographischen Stahlstichwerken, darunter etliche Inkunabeln des Stahlstichs, in tausend Bänden für mehr als 600.000 € bei einer Auktion in Königstein –, halfen einzelne Bibliothekare aus den Stockholmer und Kopenhagener königlichen Bibliotheken, nachdem sie ältere Besitzvermerke entfernt oder die gewünschten Bücher qua Amt offiziell aus dem heimischen Bestand ausgeschieden hatten. Auf diese Weise sammelten sich in Gütersloh Erstausgaben von Tycho Brahe, Johannes Kepler, Martin Luther, Thomas Moore, John Milton und Immanuel Kant zusammen mit langen Reihen seltener mathema­tischer Arbeiten aus dem 15. Jahrhundert. Die Unschuld der Johannes-Universität blieb jeder Zeit beweisbar, auch wenn die Universitätsbibliothek jeden Markt­räusper sorgfältig registrierte und auf Notverkäufe der Library of Congress rea­gierte.

Selber als Sponsor trat das Rektorat erst auf, als Frau Grebenstein den Nutzen erkannte, der daraus erwuchs, wenn man den westfälischen Volkssport des Turnierreitens förderte. Dies fiel um so leichter, als im Laufe der Jahre sich immer mehr Amazonen in den Vordergrund ritten und mit Leslie Gun eine fast charismatische Führerpersönlichkeit die öffentliche Aufmerksamkeit erregte. Bald auch stieg das Gütersloher universitäre Turnier in die oberste Rangklasse der Weltcup-Turniere auf mit den entsprechenden Gewinnsummen und der diesen entsprechenden Beteiligung. Und nichts war schöner als die Augenblicke, in denen die Lokalmatadorin und längst Ehrendoktorin der Universität, Leslie Gun, ihr heimisches Turnier gewann.
Vorläufig nur Idee war der Wunsch, das Gesamtœuvre des Bertelsmannverlages von seinen Anfängen bis heute in der Universitätsbibliothek für dokumentarische und wissenschaftliche Zwecke zu hüten, wenn möglich auch die Betreuung des Verlagsarchivs zu übernehmen. Sehr früh auch übernahm man für Deutschland die Aufgabe der British Library, indem ein digitales Archiv mit den e-mails berühmter Professoren und Hans-Magnus Enzensbergers begründet wurde, wo selbst uralte Bänder auf den Tonbandgeräten der Firma Grundig aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts abgespielt werden konnten.
Doch waren dies wie gesagt nur Inseln, nein, vielmehr waren sie begehbare Bü­cher in einer sonst auf die modernen Bedürfnisse ausgerichteten Bibliothek, digitalisiert, mit hinreichend zahlreichen und hervorragend ausgestatteten PC-Arbeitsplätzen, der Erfassung aller nur erdenklichen Datenträger und Zugang zu allen wichtigen Datenbanken unserer globalen Welt, für die vor allem Bertelsmann sorgen sollte, auch wenn es sich um die biographischen Unternehmungen des K.G. Saur-Verlags handelte, in die aber fraglos auch eine erkleckliche Summe der verfügbaren und hoffentlich noch zu akquirierenden Gelder fließen mußte, in das vierundzwanzig Stunden am Tag pulsierende Herz der Universität. Diese Ausstat­tung mit den modernsten Kommunikationssystemen hatte zur Folge, dass die Schätze der Goethe-Institute und Max-Müller-Bhavans aus aller Welt hier in Gütersloh versammelt wurden, während man in Reikjavik oder Bangalore virtuell seine Wünsche abrufen konnte, zum Teil mit dem Medium der Volltextsuche, zum Teil in der klassischen Form, wie man früher Kataloge und Bibliographien als Bibliothek des armen Mannes nutzte. Dennoch wuchs die Bibliothek derart, dass man manche Bücher nur noch kosten konnte, und als Bildungserfahrung kam her­aus, dass man sich hoffentlich vieler Namen erinnern konnte und gelegentlich auch, warum man sich an sie erinnerte. Eine Schlangengrube wurde geschaffen, obwohl das eigentliche Ziel gewesen war, Laokoon vor der Verstrickung in den Quellen zu bewahren.
Hundert Jahre nach den großen Aufkaufunternehmungen der reichen amerika­nischen Universitäten betrat eben auch die Johannes-Universität mit den Möglich­keiten, die ihr ihr akkumuliertes Stiftungsvermögen gewährte, die Bühne als Hort und Bewahrer des universalen Geistes, und so gelangte auch zu einem späteren Zeitpunkt, inzwischen nicht mehr auf verschlungenen Pfaden, sondern schlicht durch die Macht des Geldes, die Biblioteca Petrarchesca Reiner Speck in das Eigentum der Universitätsbibliothek.
Ein Großereignis erlebte Karl nicht mehr während seiner Zeit der Gründungs­euphorie, die Entdeckung der eingemauerten Marienfelder Klosterbibliothek, da mehr als zwei Jahrhunderte die merkwürdige Verkürzung des Chores zwischen Abtei und Stiftskirche niemandem aufgefallen war. Vor allen Dingen in den Handschriften fand sich die Eintragung iste liber pertinet monasterio Mariae camporis. Offensichtlich war die Bibliothek bereits 1447 angelegt worden, als die Böhmen bis nach Westfalen vordrangen. Damals waren keineswegs alle Schätze nach Ravensberg in Sicherheit gebracht worden, sondern hier versteckt worden, in einem Versteck, das auch während des Dreißigjährigen Krieges und dann zuletzt 1803 genutzt wurde. Auch der letzte Mönch des Klosters, Heinrich Duengheuft, der 1861 als Vikar der Kreuzkirche zu Stromberg starb, hatte Schweigen bewahrt, und selbst der große Brand von 1915, der erhebliche Reparaturen am Kloster erforderlich machte, hatte das Geheimnis nicht zu lüften vermocht. Dadurch vergrößerte sich der erhaltene Bestand aus den westfälischen Klöstern um etwa 20%, auch wenn einige seltene Doubletten wie Francesco Orazio della Pennas Missio Apostolica Thibetano-Seraphica darunter waren oder Lamberto Palmarts Furs e ordinacions fetes par los gloriosos Reys de Arragon. Valencia 1482, womit zum ersten Mal ein Exemplar dieses Werkes rechtsrheinisch nachgewiesen werden konnte. Dies hätte Don Vincente noch mehr aus der Fassung gebracht als das Exemplar im Louvre. Ein besonderer Schatz waren die über zwei Jahrhunderte versteckt vor der offiziellen Kirche angelegte Sammlung von Galileiana und die vollständigen Werke von Pierre Bersuire, Nicolas Oresme und Clément Marot. Wie ein erkennender Blick in die Zukunft erschien nachträglich der Passus der Rede des Stiftungspräsidenten anläßlich der Gründung, in dem er den Vergleich mit der Accademia dei Lincei gewagt hatte, denn viele der verloren geglaubten oder ungemein seltenen Titel trugen das ex libris des Fürsten Cesi, des Gründers der Accademia, darunter die Dioptrice Keplers, die Manuskripte des Dialogo und der Discorsi, daneben unbekannte apologetische Schriften der Jesuiten ultramarinos. Damit stieg die Bibliothek der Johannes-Universität endgültig in die höchste Liga deutscher und internationaler Bibliotheken auf.
Ein einmaliger geisteshistorischer Fund war jedoch bei dieser Gelegenheit die Entdeckung eines Manuskripts von Ciceros verlorengeglaubtem Demetrius, das im Einband einer spätmittelalterlichen Psalmenabschrift als Palimpsest unter Homi­lien verborgen war und aufgrund von Indizien als aus dem Besitz Hermann von Soests stammend identifiziert werden konnte. Also hatte doch nicht die Detmolder Familie Schmerheim den ganzen Handschriftenbestand um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert übernommen. Im Gegenteil veranlaßte dieser Fund alle Verantwortlichen, diese kostbare mittelalterliche Bibliothek wieder zusammen­zuführen, wo anders als eben hier. Damit wurde Gütersloh zum Mekka der Cicero-Kenner der Welt. Symposien wurden veranstaltet, viele Bände veröffentlicht. Die International Society for Research on Demetrius führte die obligatorische website. Und keineswegs zuletzt wurde nach zwei Jahren, nach der ersten Etappe zahlloser Forschungsprojekte, eine große Ausstellung zum Bilde Ciceros seit der Antike in den öffentlichen Teilen und im Freihandmagazin der Universitätsbibliothek veranstaltet. Einen Ehrenplatz erhielt Vincenzo Foppas „The Young Cicero Reading“ aus der Wallace Collection, das so viel anrührender früher als ein Kin­derbildnis Gian Galeazzo Sforzas den Demetrius lesend identifiziert worden war.
Mit jeder neuen Entdeckung, das einzige Buch, das Kardinal Pamphilio in seiner Jugend vom Maler DuMoustier gestohlen hatte, jeder neuen Schenkung durch westfälische Ptolemäer näherte sich die Universitätsbibliothek ihrem Vorbild, dem hellenistischen Alexandria. Gütersloh wurde auf diese Weise kosmopolitisch und bot nurmehr ad Germaniam und in ihrer übersichtlichen Weitläufigkeit einige Jahre nach der Frankfurter Buchmesse Platz für eine Modenschau Valentin Ju­daschkins und Mascha Tsigals, alles jedoch wohldosiert, um nicht die Gütersloher Gesellschaft in ähnlicher Weise intellektuell zu überfüttern wie die Berliner.
In die Verantwortung der Bibliothek fiel gemeinsam mit dem universitären Re­chenzentrum auch das akademische Fernsehen in Anlehnung an ähnliche Versuche des MIT, des Vega Science Trusts in Brighton und der Universität Warschau. Eitelkeit und Schamgefühl verbunden mit der Exzellenz der Gütersloher Dozenten führten dazu, dass die Lehre und ganz besonders die universitäre Didaktik einen ganz speziellen Stellenwert bekamen, allein schon deshalb, weil man sich dem big brother ausgesetzt fühlte und nicht so recht wußte, wie man der Kamera entgehen konnte.
In der von den Verantwortlichen nicht erahnten Endphase der Universität litten zunächst nicht so sehr die altmodischen Bücher, sondern die seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelten verschiedenen magnetischen und elek­tronischen Datenträger. Sie begannen, in den Magazinen zu verstauben, waren dem einsickernden Grundwasser ausgesetzt, so dass sie nur mit Mühe in einer wieder besseren Zeit hätten vorsichtig restauriert werden können. Unschätzbar wa­ren die Verluste an künstlerischen Installationen, an langen Feldforschungs­sequenzen, an längst in ihren Urzustand zerbröselten Archivbeständen einschließ­lich aller Sicherheitskopien, die von den Inkunabeln und Wiegendrucken dieser Welt angefertigt worden waren.

Lesender Weise 17/I

Lesender Weise 17/I



Es wurden weitere Genies mit Diplom erschaffen, die wie Friedrich Sänger, eine weitere jugendliche Größe aus der Johannes-Universität, die political correctness internalisiert hatten, mit Texten und Daten jonglierten und diese den gerade modischen Fragestellungen unterordneten, die wissenschaftliche und gutachter­liche Strenge walten ließen, wenn andere auszuscheren drohten. Wie sollte dies erreicht werden? Zunächst einmal durch den Verzicht auf Fakultäten, durch die Schaffung der großen Gemeinschaft aller Lehrenden und Lernenden, Lernenden und Lehrenden in vertauschten Rollen. Die verschiedenen Nuclei verpflichten die Lehrenden zu dauernder interdisziplinärer Interaktion, zu aktivem und reaktivem Reagieren und Agieren, allerdings auch immer wieder zum Mut zur Lücke, zum Verzicht auf das Persische, wenn man Osmanisch mehr als nur lernen wollte, auf das Griechische, wenn man die Briefe des Apostels Paulus studierte – sie waren eh bereits ausgelutscht, der Mathematik für die Statik, wenn diese durch Ästhetik ersetzt wurde. Auswärtige Einladungen ergänzen das Lehr- und Diskussions­programm, auch wenn die Altmeisterin zur Technisierung der Welt aus Santa Barbara völlig unvorbereitet zu uns stößt, die großen Literaturwissenschaftler von Altdorf bis Zonguldak Kleinkunst betreiben. So bleibt der Geist wach und wird erst vom Erfolg of the fittest fremddominiert, doch dies ist ein dauerndes Wechsel­spiel in der Politeia des Geistes, weil jeder zu einem Zeitpunkt seine Kapazität einbringt. Diszipliniert werden die Geister durch die Überschneidungen der kleine­ren Nuclei in den größeren Nuclei, die etwas vermögen, was die größeren nur selten vermögen, changierend zeitweilig in einem anderen der größeren Nuclei aufzugehen. Das gesamte Angebot der Johannes-Universität wird modularisiert, um jede nur denkbare Kombination von Wissen zu gestatten. Module von zwei Semestern mit insgesamt acht Semesterwochenstunden oder weniger erschließen durch stete Kontaktaufnahme Kontinente des Wissens respektive der Erfahrbarkeit von Wissen. Gepaart wird diese lebendige Welt mit Praktika bei der Europäischen Union in Brüssel, wo man Kontakte knüpft mit EU-Beamten, zu Fachfragen recherchiert oder Geschäftstreffen organisiert. Am Telephon wird keiner merken, ob man diese Arbeit seit Jahren macht oder nur innerhalb eines viermonatigen Praktikums. Und ohne verwöhnt zu sein, vermag man doch in Brüssel seine hohen Ansprüche zu befriedigen, indem man das spärliche Praktikantensalär mit Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der regelmäßigen Teilnahme an abendlichen Empfängen aufbessert, auch wenn man sich davor hüten muß, dass etablierte Eurokraten und Lobbyisten die Kontaktbereitschaft der jungen Frauen und Männer missdeuten.
Aus solchen Praktika und ergänzenden Kursen, geleitet wiederum von Praktikern bis hin zu Journalisten, die ihre fremdlegionären Vietnamerfahrungen überaus kompetent in Wissensautorität über die Nahost-, Iran- und zentralasiatischen Zustände und die Wege der französischen Außenpolitik umsetzen können, turnus­mäßig moderiert von der Professorenschaft der Universität und in Partnerschaft mit renommierten ausländischen Universitäten in Reading, Belgrad und Saloniki werden Studiengänge entwickelt wie der Masters of Science in Real Estate & Construction Project Management. Als Ergebnis werden wir junge überdurch­schnittliche Absolventen präsentieren, die durch Studium, Praktika und Auslands­aufenthalte ein ganzes Gebinde von Fähigkeiten vorweisen können und dennoch bodenständig geblieben sind. Was heißt bodenständig? Diese Frage beantwortet Katharina Stotz von Roche Diagnostics in Mannheim: das sind nicht Leute die sagen: Hoppla, hier komme ich, wo ist mein Super-Gehalt und mein Super-Auto? Vielmehr fördert man Dissertationsthemen durch begleitende Symposien und Forschungscolloquien anläßlich der hundertjährigen Jubileen der Fa. Wilmking bzw. der „Luchs“-Mausefallen oder der Fa. Miele, die 1906 nach den entspre­chenden Genehmigungen mit dem Bau ihrer ersten Fabrik im Amt Gütersloh begonnen hatte. Vor allem dieses letztgenannte Ereignis verlockte interessierte Forscher von China bis Tanzania – oder doch von Albanien bis Zanzibar, um die verschiedenen Entwicklungsstufen und das Weiterleben der von Miele produzierten Haushaltsgeräte von halb mechanischen, halb manuellen Geräten bis zu den jüngsten von digitaler Technik gesteuerten Wunderwerken zu belegen. Dass die osteuropäischen Studenten sich heute lieber gleich für Amerika ent­scheiden, wenn sie auch in Deutschland bereits auf Masters- und Bachelor­studiengänge stoßen, daran brauchen wir uns umgekehrt, aufgefangen durch die gegenseitige Käuflichkeit, ebenfalls nicht stoßen. Dann spielt auch die lästige Frage, ob neunzig amerikanische Hochschulen oder nur 68% von ihnen die deutschen Abschlüsse anerkennen, eine denkbar geringe Rolle.
Und so wird jeder unserer Kunden aus China und den osteuropäischen Staaten erkennen, dass wir den Anforderungen der Gesellschaft gerecht werden, unseren Studenten klare berufliche Profile vermitteln, immer am Puls der Zeit erkennen, was unsere Kunden fordern, so dass nicht mehr natürliche soziale Kompetenz von Bedeutung ist, sondern der Fakt, dass unsere Absolventen von der Johannes-Universität stammen, überdurchschnittlich, universal, umfassend und praxisbe­zogen ausgebildet sind, handhabbar, modellierbar, gegangen durch die Schule der Studienstiftung des Deutschen Volkes. durch die Mühlen einer erfolgreichen Bewerbung um ein Heisenbergstipendium, gepaart mit fraglos anpassungsfähiger hinreichender Intelligenz.
Natürlich können wir sagen, dass der deutsche öffentlich-rechtliche Professor und sein weibliches Pendant – wenn auch vielleicht seltener – faul ist, doch werden wir in Gütersloh bald die sogenannten, doch kostenpflichtigen privaten Rumpfhoch­schulen in den Erfolgsmeldungen einholen und überholen, wenn wir die leistungswilligen, kapitalkräftigen netzwerkbewehrten, in neuartigen Corpora­tionen heimischen Studenten gewinnen. Wir werden die Selbständigen aus Witten-Herdecke, die Finanz- und Consultingbosse aus Koblenz-Vallendar, die interna­tionalen Player aus Berlin, die Unternehmensberater aus Leipzig, die Praktiker aus Oestrich -Winkel und schließlich auch die Spitzenforscher aus Bremen verdrängen, weil wir fast hundertprozentige Jobgarantien und noch bessere Karriereper­spektiven bieten, nachdem wir die Studenten zu käuflichen Seelen degradiert ha­ben. Wie man lernt, in zwanzig Jahren aus neunzig Ländern zu berichten, den Pu­litzerpreis zu bekommen und erst dann entdeckt zu werden, dass man als Schreib­tischtäter nur in Lebensgefahr war, oder die Photographie zur authentischen Lüge seit dem Krimkrieg zu nutzen. Das Problem bleibt, was man als Mittvierziger mit dem Karriereknick beginnen soll und von allen Augen, nicht nur von Ukraine­rinnen, wehrlos ausgezogen werden kann.
Wir werden den Gender-studies einen neuen turn geben, wenn Absolventen der Johannes-Universität am Beispiel Corona Schröters das Vordringen der Frau in eine männliche Domäne untersuchen, die Wandlung der Frauenrolle auf dem Thespis-Wagen des 18. Jahrhunderts, die von August dem Starken instrumentali­siert werden konnte, zum beginnenden Starkult des 19. Jahrhunderts. Wir werden wie im kannibalischen Rausch Wissenschaftspiraterie betreiben und doch das remake verschleiern.
Und dennoch gab es auch an der Johannes-Universität Studenten, die man nicht verderben konnte. Das waren die Erfahrungen des Professors Pierre Guby, den die Kommission in einem Augenblick der Vernunft aus seiner vorher nie verlassenen Niesche in Nanterre herausgeholt hatte, um die scientia scientiarum, immer noch die Philosophie, auch in Gütersloh zu verankern – Guby selbst formulierte es als Durchwanderung des Antares, zu verorten und damit auch die Studierenden, denen, so wie seiner Zeit den Chemikern und anderen Praktikern an der Technischen Universität in Berlin durch Walter Höllerer, ein politisch akzentfreies Tor geöffnet wurde, das sie ihr Leben lang durchschreiten konnten, an einem seiner Torbögen verweilen oder nur das Licht durch die Öffnung sehen. Es war eine komische Mischung nicht korrumpierbarer Studenten, eine kanakische Mehrheit, aufgrund ihrer Verwundbarkeit immer unter Spannung und wachsam, schnell reagierend und eine dörfliche Minderheit, von Natur der kleinere Kern rebellischen Geistes, pendelnd zwischen Zugehörigkeit und Protest, bestehend aus den totgeborenen Löwenjungen, denen am dritten Tag Guby Leben eingehaucht hatte. Beide Grup­pen hatten die letzten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts übersprungen. Sie waren natürlich mit sich beschäftigt, waren in ihrer Resignation dennoch der bescheidenen Hoffnung, ihre Aktivitäten würden mit der Zeit ihren eigenen Sinn generieren. Sie spiegelten sich jedoch in ihrem jeweiligen Gegenüber. Und: sie brauchten eine Gestalt wie Pierre Guby, der nicht darunter litt, die Rolle des Heiligen Clemens von Ohrid spielen zu müssen, den der Vergleich mit einem Flußpferd nicht kränkte, das unbeholfen und absurd, aber lebendig die feuchte Landschaft um sich überragte, der sich auf Maskenbällen mit einem Schild zu behängen pflegte mit der Beschwörungsformel βάρβαρος βαρβαριζούσα ζαβάχωρα βαρβάρων πυρί πυριτουμόλε σώζε τόν φορούντα, und der mit einer seltenen französischen Polyglottie seine Stunden mit französischem Akzent in fast allen westeuropäischen Sprachen bestritt, sich des deutschen Wortes tiefster Bedeutung, des englischen common sense und vermeintlicher französischer Prägnanz bediente, in manchen Kanaken verständlichem Portugiesisch aus den Lusiaden zitierte, wenn er den Aufbruch in die europäische Renaissance erklären wollte. Doch wurde es ernst und wollte er einmal mehr einen Aufruf gegen die Zerstörung des Privaten formulieren, so sprach er französisch vom bösen Zufall in der Geschichte, dem Unterschied von Sünde und Recht und der schmerzlichen Freiheit des einzelnen. Das begrenzte die Zahl seiner Studenten. Ihm gelang, von allzu weni­gen erkannt, der vergebliche Sieg der Philologie über die Ideologie mit dem beglückenden Satz, dass die Sprache nicht Geist, sondern Werkzeug des Geistes sei, ein Gebilde aus geistiger Notwendigkeit und geschichtlichem Zufall. Und doch gehörte er zu den großen Zweiflern, die der Anwendung abstrakter Univer­salien auf das wirkliche, warme und lebendige Leben mißtrauten. Stattdessen hielt er es aber für unvermeidlich, den Schmerz der eigenen Erfahrung und des eigenen Scheiterns zu durchleben. Er erwies sich als destruktives Element, weil er seine Studenten als Erwachsene sah und anerkannte, bis hin zu seinen Prüfungs­gewohnheiten als Menschen behandelte, die ihre Eigenverantwortung kannten und daher nicht kontrolliert werden mußten.
Er war auch der einzige, so Karls Dossier, der nie bei seinen möglichen Begierden ertappt worden war. Es konnte jedoch Dossiers geben mit wenig vorteilhaften Aufnahmen, von schräg unten, mit vor Aufregung vorstehenden Augen, die absichtlich von seinen Gegnern gemacht worden waren. Ein einziges Mal, doch nicht dossiertauglich, hatte er noch in Unkenntnis deutscher Gepflogenheiten die Einladung zu einem öffentlichen Gespräch über Weltverbesserungskonzepte mit dem Ministerpräsidenten der Bundesrepublik Deutschland im Café Janicke in der Kökerstraße, das zu einer Literatur- und Begegnungsstätte mutiert war, ange­nommen. Sehr bald merkte er, dass er nicht in seinem Mettier war, und wenn er gezwungen war, etwas zu sagen, gab er teils charmant, teils hölzern bekannte Welterklärungsmodelle von sich, die nicht falscher waren als das, was von anderen gesagt wurde, aber kaum die Aufmerksamkeit der Zuhörer erforderten. Nie wieder begab er sich in eine solche Situation. Und wie verhielt er sich zur modernen Wissenschaft? Sehr gut, natürlich. Seine Sicherheit vermittelte nicht die Über­zeugung, jetzt sei durch ihn alles gesagt, dadurch wurden keine Besitzansprüche auf Themen angemeldet. Er überließ die modernen kritischen Methoden jenen, die diese am besten verstanden und sie formulieren konnten, in welcher Sprache auch immer, selbst wenn sie der Sozialanthropologie entstammten. Seine Maxime war nur, dass niemand das Recht habe, einem anderen zu sagen, wie oder wie nicht ein Text zu lesen, eine Frage zu behandeln sei. Er war ein ein wenig unduldsam gegenüber Toren, und doch duldete er eher ein bißchen falsch verstandene moder­ne Theorie als die Zwangsjacke eines Quellenforschers ohne Kenntnisse wissen­schaftlicher oder literarischer Komposition.
Ein Ereignis, das niemand der Gütersloher Macher wirklich begreifen konnte, war die Vergabe des Balzan-Preises an Guby. Dafür wurde er in die Villa Farnesina eingeladen, und nicht nur Frau Professor Grebenstein hätte ihn nur allzu gern begleitet und bemühte sich trotz zahlloser Kontakte vergeblich darum.
Dies war der Augenblick, in dem Pierre Guby fälschlich glaubte, seine Stimme werde auch inneruniversitär gehört. Vergeblich schrieb er eines Tages an die Präsi­dentin: „Die Frankfurter Allgemeine Zeitung von Samstag, den 14. Dezember 2002, Nr. 291, S. 55 brachte einen Artikel von Jann Gerrit Ohlendorf, „Gewinner der Zukunft. Neigungsstudium vorteilhaft.“ Hierin wurde erstens eine Studie „Zur Zukunft des Akademikerarbeitsmarktes – Über Nutzen und Risiken von Prognosen und den richtigen Umgang damit“, die von der Vereinigung „Wege ins Studium“ in München vorgestellt worden war, referiert mit dem Tenor, dass Aka­demikerarbeitslosigkeit das geringste Problem in der Gesamtarbeitslosigkeit sei. Darüber hinaus wurde Professor Klaus Landfried als damaliger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz mit einer Warnung für die Schüler paraphrasiert, sich gegen ihre Interessen dem Familienwunsch zu beugen. „Der Rat der Eltern wirkt meist verheerend.“ Weiter hieß es unter Berufung auf alle möglichen Institutionen, Flexibilität sei es, die von den Absolventen erwartet werde und dass für konkrete Berufsentscheidungen die prognostischen Instrumente für die künftige Arbeitsmarktentwicklung nur sehr bedingt ausreichend seien. Ich wundere mich lediglich über das Datum Dezember 2002, da jeder Hochschullehrer, der ein wenig nachdenkt, genau diese Erfahrungen schon immer oder seit langem hätte wahrneh­men können, um nur zwei Beispiele zu nennen: sei es der erziehungswis­senschaftliche Kollege Schniewind in Hamburg oder die moderne Chinakundlerin Ohneschuld in Germersheim, die unabhängig voneinander, wie viele namenlose Hochschullehrer auch, längst entdeckt haben, dass Lernen lernen und sich die daraus ergebende Flexibilität und über allem die Leidenschaft für ein bestimmtes Studium und seine Inhalte entscheidend für den Erfolg unserer Studentinnen und Studenten sind. Die einzige Torheit oder Myopie stammte von Herrn Landfried, der offensichtlich nicht wahrgenommen hat, dass diese Erkenntnis zu mehr Eltern als Hochschullehrerinnen und –lehrern und den universitären Wissenschafts­politikern vorgedrungen ist, wenn wie an unserer Universität ein dauernder Kampf gegen Windmühlen geführt werden muß, weil Studentinnen und Studenten oft zu spät das Gesamtspektrum der möglichen Studienberatungen wahrnehmen und durch das unfertige Prokrustesbett, auf „kompetenten“ Rat hin glauben, Wirtschaft und Philosophie studieren zu müssen, längst unheilbar verbogen sind bzw. ge­samtuniversitäre oder gar gesamt-wissenschaftspolitische Vorgaben wie die Einführung des B.A.-Studiengangs ohne Rücksicht auf Fachinhalte und Grunder­fordernisse wissenschaftlichen Arbeitens den Studentinnen und Studenten ein berufsbildendes Studium vorgaukeln und damit sich selbst und alle Betroffenen langfristig betrügen.
Nach den mir bekannten Strukturplänen der Johannes-Universität soll meine Pro­fessur nach meinem Ausscheiden auf W2 hinabgestuft werden. Die Stelle einer Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bereich der für die Philosophie notwendigen Sprachausbildung trägt einen kw-Vermerk.
Auf dem Papier mag die Philosophie der Johannes-Universität einigermaßen strukturiert wirken, in ihrem Kern ist sie tatsächlich verrottet. Innerfachliche Kommunikation wird von vielen verweigert, gleichgültig, ob es sich um die Bi­bliotheksorganisation, die Lehre oder ad hoc die Philosophie betreffende Fragen handelt. Dieser Vorwurf geht auch formal – nicht nur tatsächlich – in diese Richtung, da sich einzelne viele Jahre als Geschäftsführende Direktoren oder rechtlich nicht legitimiert als Institutsdirektoren geriert haben und auch auf den unteren Ebenen immer wieder einzelne Mitarbeiter Außen- und Innenangele­genheiten des Philosophischen Instituts – Sie verzeihen mir den Verzicht auf den Terminus Modul – selbständig und ohne Rücksprache mit den Betroffenen organisiert haben. (Natürlich nannte Guby Namen, die hier aus Rücksicht auf den eigenen Seelenfrieden unterschlagen werden.) Über Jahre hinweg z.B. hat die Bibliothek nicht interessiert, im Gegenteil wurden alle Vorschläge, die meinerseits diesbezüglich gemacht wurden, abgeblockt, ob es um die Kaufpolitik, Räume oder die elektronische Katalogisierung ging. Im Laufe der Zeit wurden alle Studenti­schen Hilfskräfte aus der Bibliothek abgezogen – möglicherweise einer törichten universitären Politik vorgreifend, diese nicht mehr für den Bibliotheksbereich einzustellen, mit dem Ergebnis, dass ich bei meinen leider auch zu seltenen Besu­chen in der Universitätsbibliothek zumindest einmal erstaunt gefragt wurde: „Wie, Sie kommen selber hierher?“ Offensichtlich sind verbessernde Maßnahmen in der Bibliothek nur möglich, wenn zusätzliche Forderungen an die Universität gestellt werden.
Da nicht einmal im Hause auf Kommunikation Wert gelegt wird, ist es nicht ver­wunderlich, dass dies auch mit benachbarten Disziplinen nicht geschieht, allenfalls in der Form, dass neue oder scheinbare neue Studiengänge – wohl kaum kostenneutral – eingefordert oder eingerichtet werden wie der aus Gründen der political correctness nur schwer angreifbare Gender-Studiengang. Stattdessen wird rücksichtslos die Kompatibilität mit philosophischen Studiengängen anderer Universitäten außer acht gelassen und spielt keine Rolle. Es wurden sogenannte Pilot-Studienprojekte ohne Absprache eingeführt, die zumindest zeitweise den Studienverlauf, die sogenannte Regelstudienzeit erheblich erschwerten und dazu geführt haben, dass ein Teil der Studenten lieber als Gasthörer die überlaufenen, aber vom Aufwand den Anforderungen entsprechenden Lehrveranstaltungen in Bielefeld oder Münster besuchen. Es wurde ein B.A-Studiengang „entwickelt“ und vehement vertreten, der sich grundsätzlich nur durch das Etikett „B.A.“ vom Grundstudium im Magisterstudiengang unterschied. Die Möglichkeiten der Modu­larisierung wurden dadurch ad absurdum geführt, dass die Grundstudiumsanteile lediglich die Bezeichnung „Module“ erhielten, statt die Chance zu nutzen, die vor­handenen Ressourcen besser einzusetzen und damit auch der Vielfalt der stu­dentischen inhaltlichen Studieninteressen entgegenzukommen. Vielleicht wäre es auch eine Nachfrage wert gewesen, warum das Modul der Political Governance im laufenden Semester einen eigenen Kurs „Geschichte der politischen Philo­sophie“ anbietet und durchführt.
Themenfelder werden willkürlich besetzt und nur angeblich vertreten. Gewiß macht es zunächst Sinn, über ihre Arbeitsplatzbeschreibung die Betroffenen abzufragen, welche Bereiche sie vertreten bzw. vertreten können. Dass dies allein genügt, um Kompetenz zu begründen, kann ich mir nicht vorstellen. Wie der Wert solcher Selbstbeschreibungen von Seiten der Universität gesehen wird, scheint mir aus meiner eigenen vor Jahren eingereichten Selbstbeschreibung hervorzugehen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich neben den im Ausschreibungstext genannten Themenkomplexen auch geschrieben habe, dass ich alles das anbiete, was vom sonstigen Lehrkörper nicht angeboten wird, nach meinem Verständnis aber zu den unverzichtbaren Inhalten der Philosophie gehört, d.h. ich habe mich durch Einführungen der Literatur-, Philsophie- und Religionsgeschichte gequält, gewiß nicht meine Kompetenzfelder. Ich nehme an, meine Selbstbeschreibung wurde ungelesen – allenfalls aus denunziatorischem Interesse – abgeheftet.
Im Zusammenhang mit Zielvereinbarungen und Leistungsmittelzuweisungen wird nach meiner Überzeugung viel zu oft nach bloßen Absichten gefragt. Es sollte vielmehr der Ist-Zustand abgefragt und kontrolliert werden. Das gilt für durchge­führte Examina auf allen Ebenen, für Publikationen, vielleicht verbunden mit der Abgabe eines Pflichtexemplars an die UB oder das Universitätsarchiv, und vor allem für Drittmitteleinwerbungen, bei denen in den letzten beiden Durchgängen nach gestellten Anträgen gefragt wurde. Das scheint mir Quatsch zu sein bzw. kann ein solches Abfragen zu einem späteren Zeitpunkt dahingehend pervertiert werden, dass gescheiterte Anträge Maluspunkte verursachen. Gescheiterte Anträge kosten ebensoviel Arbeit wie erfolgreiche, die Gründe für eine Absage jedoch können vielfältiger Natur sein, heute angesichts knapper Kassen oft aufgrund zu hoher Kosten oder fachexterner Relevanzkriterien – Relevanz ist einer der gefährlichsten Begriffe unserer Gegenwart für wissenschaftliches Arbei­ten.“ Später, als er noch weniger zu verlieren hatte und sehenden Auges die Entwicklung der Johannes-Universität beobachtete, erinnerte er sich an jesuitische Aussprüche und übernahm die zeitgebundenen und immer noch zeitgemäßen Worte des Pieter Kanijs: „Wir übertreffen die Juden in Wucher, die Türken in Völlerei und Trunksucht, die Heiden in Geiz und Schlechtigkeit, die Tiere in Unzucht und Ausschweifung. Unsere Universität ist zu einem Schwätz-, Kauf- und Tanzhaus geworden.“

Lesender Weise 17

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Die Hochglanzbroschüren der Johannes-Universität trugen die Überschrift „bologna process: the fulfillment of the european higher education area. wir su­chen die Besten der Besten, um unser Bestiarium zu füllen. Wir wollen die Besten, auch wenn die Besten nicht immer unkompliziert sind, auch wenn die Besten nicht immer die einfachsten sind“. Verborgen wurde die Unmöglichkeit des Universi­tätswechsels hinter dem Slogan: „you will never want to leave John-University again“. Und das trotz einer Unzahl von Partnerschaften mit Universitäten in aller Herren Länder, einschließlich der Sapienza in Rom. Nicht weitersagen: Das ist der Forschungs-, nicht der Studienverbund.
Als gehörten sie nicht dazu, traten die Manager der deutschen Industrie und der deutschen Banken immer wieder in breiter Phalanx auf und äußerten sich auf Talkshows, auf Pressekonferenzen, auf denen es oft galt, Mißerfolge zu erklären, und natürlich in den ihnen zur Verfügung gestellten Spalten deutscher Qualitäts­zeitungen daüber, dass der Standort Deutschland schon seit etlichen Jahren den Anschluß an die Weltkonjunktur verloren habe. Es konnte nicht mit den Wachstumszahlen der Volksrepublik China und in etwas jüngerer Zeit Rußlands konkurrieren. Sie konstatierten, dass Deutschland seine Volkswirtschaft erfolg­reich umbauen werde, so dass der deutsche Aktionär in Gestalt der Großbanken und Versicherungen mit Renditen rechnen können werde, die denen entsprechen, die noch vor einigen Jahren David Beckham und Zinedine Zidane aus ihren Füßen zogen – share holder value. Das geht aber nicht ohne schmerzhafte Einschnitte und ohne mehr Eigenverantwortung des einzelnen, der nicht Aktionär ist. Wir fordern die Aufgabe der sozialen und ökologischen Romantik. Wir fordern aber auch, das angestaubte Gerede über Gemeinkosten-Wertanalysen und strategische Portfolio­analysen aufzugeben, nicht mehr Lean Management, Total Quality Management oder Business Reengineering zu propagieren. Dies wollen wir den Jugendlichen, die jetzt am Beginn ihres Berufsweges stehen, klar machen: Die Eigenverant­wortung wird größer. Wer seine Zukunft sichern will, muß sich heute in stärkerem Maße als früher selber dafür einsetzen. Er darf sich nicht allein auf die Ge­meinschaft verlassen. Und dies wird so formuliert, dass hier die Gemeinschaft, dort Du bist. Die Gemeinschaft sind nicht mehr wir, sondern ein anonymer über­forderter Wohltäter. Und wir, das sind die Parasiten. Aber – und jetzt kommen die Streicheleinheiten – es gibt zahllose Möglichkeiten, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, zu verbessern und zu gestalten. Wer etwas bewegen will, kann gerade auch in der Welt der Technik, aber auch insgesamt als aktives Mitglied der modernen Wissensgesellschaft seinen Weg machen. Wir von Seiten der Wirtschaft werden dafür sorgen – und tun es bereits, vor allem an der Johannes-Universität –, dass der Innovationsgeist unseres Nachwuchses die besten Rahmenbedingungen findet, dass Innovation zu einer Dauerinvasion in den menschlichen Geist wird. Unsere Hochschulpartnerschaften, in denen wir gegenüber den Wissenschaften unsere Erwartungen an diese artikulieren, durch Stipendiatenprogramme und den dualen Weg einer begleitenden Berufsausbildung – eine Unverschämtheit verblen­deter Jugendlicher, wenn sie spötteln: „vom Praktikum in die Rente“, schließlich müssen wir darauf achten, im Interesse der Gemeinschaft unsere Gestehungs­kosten so gering wie möglich zu halten – wirken wir darauf hin. So werden wir weltweit den besten Nachwuchs hervorbringen, einen Nachwuchs in einer Kultur, die die Unersättlichkeit des Lernens so internalisiert hat, dass sie auch im Erfolg nicht nachläßt. Denn auch ein Elefant muß tanzen, er muß Angst vor dem Tod haben. Wenn nicht, stirbt er. So beweisen wir, dass wir uns nicht länger nur auf die Innovation von Produkten beschränken, sondern dass wir einen Beitrag zu einem ernsthaften, konstruktiven Dialog über die Innovation unserer Gesellschaft leisten. Die Besten werden diejenigen sein, die den Elitestudiengang „Finance & Information Management“ absolvieren, zuerst nur an den Reklameplakaten der Deutschen Bank vorübergehen, diese später selber kreiieren. Die Unterschrift unter solchen Aufrufen war schließlich das Kollektiv der Universität, auch wenn der spätere historische Bildungsforscher besonders häufig die der Grebenstein ent­deckte, aber selbst van Groningen ließ sich zur Unterzeichnung verleiten. 
Eine sehr frühe, später zurückgenommene Entscheidung war das in Reaktion auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse und im Interesse späterer Karrieren entworfene Konzept der Doppeldiplome, ein natur- oder sozialwissenschaftliches und zu­sätzlich ein kulturwissenschaftliches Diplom, mit dem aktive sprachliche Kom­petenz, nicht nur Lesefähigkeit und interkulturelle Kompetenz soweit vermittelt werden, dass sich der Chinese wie ein Deutscher und wir uns korrekt chinesisch verhalten, oder aber, ab wann wir in China die Contenance aufgeben können, ohne das Gesicht zu verlieren. So etwas nennt man im Geschlechterkampf Rollentausch, im akademischen Bereich internationale Kompatibilität. Damit erfüllen wir die Forderungen der Wirtschaft nach einem ganzheitlichen Bildungsideal, nach Ge­genwartsbezug, nach teilnehmender Beobachtung im Interesse der deutschen Wirtschaft und Politik, welche elegant auf der Spitze eines Stecknadelkopfes tanzen. Unsere Studiengänge, auch wenn sie seit Bologna die selben Namen tragen, müssen sich nur durch Gleichwertigkeit, nicht Gleichartigkeit auszeichnen, wenn wir auch manchmal durcheinander geraten und nicht mehr genau wissen, ob wir gleichwertig oder gleichartig meinen, was aber angesichts unserer Führungsrolle kaum Bedeutung hat. Auf jeden Fall nennen wir heute interkulturelle Kompetenz, was törichterweise in nationalsozialistischer Zeit als Nationenwissenschaft, nach 1968 als Ausbruch aus dem Elfenbeinturm gefordert wurde, zwar sich selbst zu erkennen, vor allem aber sich selbst in den politischen Möglichkeiten unserer Antipoden zu erkennen.
Stattdessen sind wir voller revolutionärer Pläne und zerstören unsere Revolution, weil wir dem Rest der Uneingeweihten nicht zuviel Fremdheit zumuten wollen. Wir wollen zum Nachdenken zwingen, wollen die Schere, die sich auftut zwischen den Wissensmöglichkeiten unserer Informationsgesellschaft und unserer hirnigen Kapazität, wieder schließen, aber nicht nur das, auch dem Zufall wollen wir wieder eine Chance geben. Im Schutze des von uns kontrollierten wissenschaftlich und in seinen Entscheidungen von Bertelsmann und anderen möglichen Mobbinginsti­tutionen unabhängigen Centrums für Hochschulentwicklung bieten wir bei uns – allerdings, ohne ältere und bewährte Studienmuster aufzugeben – die ganze Liste universitärer Berufsattrappen an, den bereits erwähnten Kulturwirt und Wissens­wirt und Wissensbilanzierer, darüber hinaus aber auch die Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaft, in der Lesen zu einer Anwendung wird. Wir bieten die Angewandte Geschichte der Moderne als Vorbereitung zum Politiker, die Kultur­wissenschaft der Antike als Vorbereitung für Werbung und Sportjournalismus, Interdisziplinäre Mittelalterstudien zur Vertiefung in arbeitsmedizinischen Tätig­keiten. Wir bieten auch Studiengänge zu den verschiedenen erneuerbaren Ressour­cen: man kann Wasser, Luft, Sonne studieren in Verbindung mit ökonomischen Kenntnissen zur mittelfristig tragfähigen Subventionspolitik. Alle diese Studien­gänge werden von Einführungen in Methodik, Didaktik und Präsentationstechni­ken begleitet, e-learning ist längst eine Selbstverständlichkeit, weil damit unser Anhang befriedigt werden kann, auch wenn die Präsenzpflicht bestehen bleibt und ein Großteil der Lehre darauf verwandt wird, Anwesenheit festzustellen. Die wahr­haft tüchtigen Studenten nutzen längst die vielfältigen Möglichkeiten interkom­munikativen Lernens im Internet mit Lernspielen zur Relativitätstheorie mit Hilfe baden-württembergischer Reklametafeln oder zur chinesischen Geschichte mit Katastrophenszenarien bei falschen Antworten. Auf Schleichwegen wollen wir unser Ziel erreichen und bemerken nicht, wie unsere Hintern immer fetter und in einem tollpatschigen Tanz umwerfender und wir von Helden zu Autokraten wer­den.
Im Sinne Heraklits soll es nicht darum gehen, durch das Studium in Gütersloh ein Faß zu füllen, nicht im Sinne des Nürnberger Trichters die Studierenden abzu­füllen, sondern es soll eine Flamme entzündet werden, die von den Absolventen in die Welt hinausgetragen wird, auf dass sie zum Besseren verändert werde und niemand mehr sagen könne, die weitaus besten Männer und Frauen lägen auf den Friedhöfen. Geschehen kann dies durch kleine Seminare, also günstige Dozenten-Studenten-Relationen, durch die Forderung ständiger Mitwirkung und sei es, dass man dafür die Nächte in der Bibliothek mit handgreiflicher oder virtueller Recher­che durchwachen muß, einmal mehr nicht wie in Wiens Hauptbibliothek, da die Außenwelt der Stadt fehlt, die man einbeziehen könnte, etwa in dem Sinne, dass hier Familien Kaffee kochen können. Das bedeutet natürlich, dass ein ganz be­stimmter Studententyp erforderlich ist, der nicht vor dem Zeitgeist kriecht, ihn vielmehr schafft. Es ist zu überlegen, ob man Kriterien der öffentlichen Anerken­nung zu Grunde legt, dass zugelassen neben den Oberstufenabsolventen des Stiftischen Gymnasiums nur Studienstiftler, Fulbrightstipendiaten, Landessieger bei „Jugend forscht“ oder im poetischen Wettstreit mit den Schülern der Poetik am Fürst-Erzbischöflichen Gymnasium zu Kremsier geworden sind oder „A Star is Born“ werden, junge Menschen, die die Hände des Bundespräsidenten oder zu­mindest der führenden Jury-Mitglieder bereits geschüttelt oder big brother und den Dschungel überlebt haben. Eine andere Möglichkeit ist der Nachweis eigener öffentlicher Aktivitäten in politischen Organisationen als Beweis von intellektuel­ler Wachheit und sozialer Verantwortung oder wenigstens eine Befragung für das Politbarometer des deutschen Fernsehens, die Inhabe von Vorsitzen in studenti­schen und anderen Vereinigungen – z.B. die zehnjährige Mitarbeit in und zeit­weilige Leitung der Jugendarbeit in der evangelischen Kirche zwischen sechzehn und sechsundzwanzig, nebenher als Assistentin der Geschäftsleitung eines Fremd­spracheninstituts etc. oder Managerin von Ashoka – mit der dennoch hinrei­chenden Flexibilität, im richtigen Moment sperrig oder nachgiebig zu erscheinen – oder beruflicher Erfolg bereits in jugendlichem Alter im Theater, Film oder durch den Aufbau eines Internet-Start-ups. Auch das konnte natürlich tendenziell ins Auge gehen, so als unter dem Vorzeichen der Universität zwei Studenten eine Internet-Seite einrichteten „Fuck for Forest“, bei der man gegen eine Gebühr von 25 €, die dem Schutz des Regenwalds zu Gute kam, sich bis zu den sekundären Geschlechtsorganen entblätternde Studentinnen und Studenten betrachten konnte, während alle Ebenen der universitären Bewilligungshierarchie vom guten Zweck geblendet wurden. Einen begrenzten herostratischen Ruhm ernteten die beiden zusammen mit der Krombacher Brauerei dadurch, dass sie den juristischen Leh­rern nach dem Herrenreiter und diversen Viagra-Reklamen unter der Gürtellinie einen neuen einprägsamen Fall schenkten. Aber obwohl man auch alle anderen Überlegungen anderer deutscher Universitäten vom Interview mit fachbezogenem Eignungstest bis hin zur Feststellung des IQ durch MENSA gegen vom Studenten zu tragenden Gebühren erwog, wurde schließlich aus Bequemlichkeitsgründen dem schulischen Hintegrund der Vorzug gegeben.
Der studentische Typ entsprach den Vorstellungen, die vor wenigen Jahren der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, in einem Beitrag in der Hauspo­stille der Universität formuliert hatte und den Frau Grebenstein ausgeschnitten und hinter Glas statt des Photos eines geliebten Menschen auf dem Schreibtisch stehen und internalisiert hatte. Sie hatte – und mit ihr die ganze Universität – den Bil­dungsauftrag erfüllt, junge Menschen, fast noch Kinder durch das Studium zu ge­leiten, hatte die Kollegformen geschaffen, die den schulischen Unterrichtstyp mit der Freiheit und gleichzeitig der (Methoden-)Strenge wissenschaftlicher Erkennt­nissuche verbinden, damit es an gelahrten Leuten in unsern Landen nicht Mangel gewinne.
Alle diese Möglichkeiten wurden zumindest in einer gewissen Ausschließlichkeit verworfen. Eines stand fest: obwohl das Studium frei sein sollte (siehe die relativ bescheidenen Mittel, die durch Studiengebühren erwirtschaftet werden können), nur handverlesen sollte die Zulassung zum Studium erfolgen. Nicht gebraucht al­lerdings wurde das beliebteste Privatisierungsargument gegen Studiengebühren, dass nämlich, da diese nur den staatlichen Zuschuß senken würden, auf diese ver­zichtet werden könne, ein schönes Beispiel für den Weg der Akademiker zur Emanzipation vom Staat. Gesucht werden Studierende, die bereit sind Spitzen­leistungen zu vollbringen, geboten wird von der Universität neben der Ermunte­rung, dass sich die deutsche Wissenschaft auf die Hinterbeine stelle, dagegen die Chance „to be free to be excellent“, d.h. mit Eigeninitiative Stipendien, Praktika und Auslandserfahrung zu sammeln und den eigenen so klar vorgezeichneten Karriereweg zu gehen, lediglich mit dem Gütesiegel der Johannes-Universität zu Gütersloh und Coaching-Kursen für den Karrieresprung durch seriöse Coaches, die sich selber supervidieren lassen. Damit haben wir exzellente Programme für die Karriereplanung der Young Professionals, die wir über Gütersloh hinaus mit europäischem Gütesiegel in den internationalen Wissensverbund integrieren, mit Tromsø, Turku, Truro und Tréguier verknüpfen.
Von den Studenten werden gute Dozenten-Studenten Relationen gesucht, der scheinbare Schritt ins tatsächliche Leben, wenn man mit Managern von Bertelsmann oder Miele ganz unmittelbar studieren kann, nicht mehr auf Vorle­sungen angewiesen ist, sondern in der gemeinsamen Auseinandersetzung während des Rollenspiels zu komplexen Fragen komplexe Antworten erkämpft und die Grenzen neuer Theorien und die Möglichkeiten ihrer praktischen Relevanz opti­mistisch desillusioniert erkennt. Sie wollen die Energie entschlossener Kommi­litonen verspüren, auf die vom ersten Tag an Verlaß ist, die aus eigener Initiative Verantwortung übernehmen und Außergewöhnliches tun, statt einfach den Lehr- und Lernplan zu erfüllen. Sie möchten Zeit haben für Fragen, Irritationen und ausgedehnte Antworten. Z.B. soll es nicht mehr ein Wirtschaftsstudium im kon­ventionellen Sinne mit simplen einlullenden Steuerungsmodellen geben, vielmehr soll es von Impulsen aus der Soziologie, Politologie und Philosophie beeinflußt werden. Es soll die Entwicklung von Märkten und Unternehmen vor allem in in­stabilen, turbulenten und unbekannten Kontexten erforschen, Risikomangement und Trendbestimmungen vornehmen und einmal mehr die Wechselwirkung von Wirtschaft und Kultur bestimmen. Es soll der Wohlstand im dritten Jahrtausend bewahrt werden, indem the year 20?? – beliebig –  will be joined to the learning curve of European asset management, die zu Wohlstand und sicheren Häfen führt hinter dem Horizont von 2009/2010, denn je gefährdeter die Welt, desto nötiger der Fortschritt, der bei uns konkretisiert wird. Zu diesem Behufe werden sich der Managing Director and Head of Portofoliomanagement der Hypo-Vereinsbank, das Mitglied of the Board der Union Asset Management Holding, die Executive Director und die Quantitative Strategies & Global Balanced Product Manager der Féderation – unter Einschluß Rumäniens und der Türkei – Européenne et Chinoise des Fonds et Sociétés d’Investissement, der Global Head of Markets Research und Global Markets und die Präsidentin der Services for Asset Managers den bohren­den Fragen der Studenten nach dem technological launch pad, der new distribution power und dem virtual vendor and buyer stellen. Dadurch sollen die portfolio returns by tactical asset allocation verstärkt werden. Die Frage des level playing field oder des playing on different levels soll ebenso angesprochen werden wie prudential standards und portfolio performances. Und eine Herausforderung für Lehrende und Lernende wird wegen der relativ ungewöhnlichen sozialwissen­schaftlichen Orientierung die Auseinandersetzung mit den traditioneller orien­tierten wirtschaftswissenschaftlichen Organen sein, denn Antworten von gestern taugen nicht für Fragen von morgen. Allgemeinbildung in zwei, Eliteausbildung ebenfalls in zwei, Spezialisierungen in einem weiteren Jahr sollen vermittelt werden, lebenslanges Lernen wird in drei Jahren erledigt und dann den Absol­venten als Lebensaufgabe mitgegeben zusammen mit der Fähigkeit zu erfragen, was gelernt werden muß. Dies geschieht durch unsere eigenen Anstrengungen, aber auch durch die vertraglich abgesicherten Synergieeffekte, die sich aus der Beteiligung der Johannes-Universität am virtuellen Hochschulverbund von Bayern, über Hagen bis nach Berkeley und Beijing ergeben. In nur wenigen Jahren werden unsere Absolventen nicht nur mit den besten der Welt konkurrieren, sie werden die besten sein. Um dies zu erreichen haben wir die Trimestereinteilung eingeführt, haben das Lehrdeputat des arbeitenden Teils der Dozentenschaft erhöht und damit eine unvergleichliche Betreuungsdichte erreicht. Ein gewünschter Nebeneffekt ist die dadurch erreichte Bindung der Studenten an unsere Universität, weil wir be­wusst die Kompatibilität mit dem ach so maroden sonstigen deutschen Universi­tätssystem aufgeben und einen Studienortwechsel praktisch unmöglich machen. Und natürlich weisen wir die Vorwürfe von Heike Schmoll, dass wir zur Fach­hochschule denaturiert sind, entschieden zurück. Ist die geglückte Integration der Pädagogischen Hochschulen vor mehreren Jahrzehnten tatsächlich bereits verges­sen?
Und die Johannes-Universität wird diskrete Annoncen placieren in Anlehnung an die im Internet oder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wie z.B. die des Prof. Dr. Wolfgang Scholze vom Institut für Wissenschaftsberatung Dr. Frank Graetz und Dr. Martin Drees GmbH, der bei der legalen Realisierung „Ihres Promotions­vorhabens“ helfen möchte. Sie wird berühmte Jornalisten mit leichtfüßigen Essays promovieren und später für die regelmäßigen Pressekonferenzen der Universität akkreditieren. Und sie wird Auslandsjobs, gegebenenfalls sogar im Irak oder in anderen interessanten Staaten des Nahen Ostens, vermitteln und darüber hinaus darauf achten, dass die Gehälter nicht wie bei amerikanischen Managern stagnie­ren.
Daraus ergibt sich, dass die Studierenden an unserer Universität über analytisches und vernetztes, analysierendes und vernetzendes Denken und über kommunikative und soziale Fähigkeiten verfügen müssen. Englisch wird die lingua franca sein, wenn man von expansionierender Interlektualität – ist das Intertextualität?, die in Containern im Meer versinkt wird – hinter Capri?, so dass die Fischschwärme erschreckend und erschrocken auseinanderstieben – wer erschreckt wen, während er erschrickt?, um schließlich im Konsenz – hinter Konz an der Mosel, beim Zusammenfluß von Mosel, Saar und Ruwer? – wieder zusammenzufinden. Über Partnerschaftsverträge sollen Sprachkenntnisse bei den jeweiligen Eingeborenen erworben werden, die Muttersprache hier im Lande, auf das zumindest das Deutsche beherrscht werde und wir nicht in prähistorische Lallphasen zurück­kehren, weil wir keine Sprache mehr beherrschen abgesehen vom undifferen­zierten Englisch des jeweiligen Ausländers. Natürlich werden wir Kollegen un­serer Partneruniversitäten regelmäßig einladen und so unseren Studenten die Möglichkeit geben, die jeweilige Muttersprache zu hören, nicht nur Englisch der Kreationisten, sondern eben auch Französisch der Resistance, Russisch der Nomenklatura, Arabisch der Aufklärung und Chinesisch des Neokapitalismus. Hindi lernen wir zuerst, dann hören wir es von den Inhabern der Greencards oder den angeblichen Nutznießern des deutschen Einwanderungsgesetzes.
Daraus ergibt sich überdies, dass Forscher, Lehrer und Studenten zu Teilnehmern eines transmutativen Marktgeschehens werden. Die Absolventen werden zu einem Produkt, dessen Wert durch Controlling eruiert wird. Und so benötigen wir auch den fähigen Controller, der als Wissenswirt ausgebildet ist.
Und so wird bei einem der ersten Rankings bereits Gütersloh im Gesamturteil der Studierenden den ersten Platz einnehmen, in einer ganzen Reihe weiterer Kate­gorien – denn auf dem Campus ist die ganze Welt vereint und um die Ecke lockt die jugendliche Kulturszene Güterslohs und seiner Universität, nur wenig weiter die etablierte Kultur Westdeutschlands und der Niederlande gepaart mit schöpferischer Liberalität – und keineswegs zuletzt auch bei den wissenschaft­lichen Veröffentlichungen als Maßstab für die Forschungsleistung führend sein. Keiner hat mehr die Möglichkeit, alles zu lesen – die neue Form des Analpha­betismus, weil erstickt unter den Kissen voller Wörtern – und festzustellen, wie die Versatzstücke aus dem PC purzeln, sich mit den neuesten Internetseiten vermi­schen, so dass es kaum nötig sein wird, deswegen einen Mord zu begehen. Wird man bei studentischen Arbeiten noch Suchmaschinen wie www.google.de oder ähnliche oder www.hausarbeiten. de und www.plagiarism.org einsetzen, wächst das Vertrauen mit dem Erfolg und ein Professor, des Plagiats überführt, wird kaum noch Folgen verspüren, besonders, wenn das Plagiat auf einer Stelle an einer norddeutschen Universität aus Diskretion und kollegialer Solidarität im äußersten Südwesten nicht bekannt wird und daher folgenlos bleibt. Die ersten Schritte können auch folgenlos bleiben, wenn man der modernen Moral der Diskretions­zonen folgt und seine Arbeit zu einem Teil der Prüfungsakte erklärt. Am wirk­samsten jedoch tritt man den interessierten Bösen durch Veröffentlichung von neueren Arbeiten entgegen. Wir montieren Heldenlieder zu Nonsense-Versen von Edward Lear, wir kopieren, was die Copy-Taste noch nicht erfaßt hat oder wenn, transponieren wir Troja in unsere Welt. Jede Überprüfung unserer Arbeit darf nur mit der gebotenen Fairness uns gegenüber erfolgen. Die Erfindung von Ergeb­nissen muß uns nachgewiesen werden. Das gleiche gilt für den Vorwurf des selektiven Ausblendens und Verschweigens unerwünschter Ergebnisse oder ihrer Substitution durch erfundene Ergebnisse. Beweisen Sie mir die mißbräuchliche Anwendung statistischer Verfahren in der Absicht, Daten in ungerechtfertigter Weise zu interpretieren. Was kann ich für die Qualität chinesischer Statistiken, was für die zur Fehlinterpretation einladenden Daten und was dafür, dass ich die neuesten Methoden nicht beherrsche? Unter welchen Bedingungen habe ich Er­gebnisse verzerrt interpretiert oder daraus ungerechtfertigte Schlußfolgerungen gezogen? Wo und wann sind die Grenzen zum Plagiat überschritten, nachdem mich eine westdeutsche Universität trotz solcher Vorwürfe – zu lächerlich, da es sich doch nur um eine graue honorierte Publikation des niedersächsischen Presse- und Informationsamtes gehandelt hat – auf eine Professur berufen hat. Spätestens dann bin ich für die Zukunft exkulpiert. Wie kann ich fremde Forschungser­gebnisse verzerrt wiedergeben, wenn ich sie nicht verstanden habe, und schließlich: wozu habe ich Mitarbeiter, wenn ich deren Forschungsergebnisse nicht unter meinem Namen veröffentliche? Schließlich verdanken sie mir ihre Stellen, und der Weg des Assistenten muß ein Leidensweg sein, wie der Kollege einer künftigen erhofften, doch nicht realisierten Eliteuniversität noch 2004 behauptete. Und dann noch der Kleinkram: Warum sollte ich Mehrfachveröffentlichungen, eine unschuldige Variante der versteckteren Redundanz, die meine Publikationsliste „wattieren“, offenlegen, warum bei der Mühe des Recherchierens und Kopierens die zusätzliche Qual des Zitierens auf mich nehmen, warum nicht lieber zu Ko­pierendes durch Verfremdungsprogramme jagen, um denunziatorischen Abmahn­vereinen zu entgehen, warum nicht die Laienöffentlichkeit so schnell wie möglich an meinen Forschungsergebnissen teilhaben lassen, bevor sie von Zweiflern und Neidern zerredet werden? Warum sollte ich ältere Ergebnisse anderer nennen angesichts der immer kürzeren Halbwertzeit wissenschaftlicher Erkenntnis? Oft sind es meine eigenen, bei denen mich allenfalls der Vorwurf des Wiederholungs­täters treffen könnte, eigentlich aber auch nicht, wenn der Leser nicht in der Lage ist, die so ungemein wichtigen verschobenen Nuancen zu erkennen. Muß man nicht anerkennen, dass sich die wissenschaftlichen Arbeits- und Schreibtechniken geändert haben? Natürlich hat die Johannes-Universität als eine der ersten in Deutschland, als erste von Anfang an – der Vorteil der späten Geburt – Leitlinien für den Umgang mit Plagiatoren in ihre Studien- und Prüfungsordnungen auf­genommen, Plagiat zum Delikt erklärt, das mit der Verweisung von der Universität geahndet wird. Aber das gilt für die Studenten. Für uns Professoren und Dozenten ist dies ein wirksamer Schutzwall gegen Vorwürfe dieser Art gegen uns. Und meinen Mitarbeitern habe ich in der Regel im Vorwort gedankt. Dennoch wache ich wegen dieses Fragenkatalogs schweißgebadet auf und nehme um sechs Uhr früh eine kalte Dusche. Der Kälteschock läßt mich die Realität wieder sehen: das macht man nur in Dänemark so. Und nicht nur das: haben wir doch im Einklang mit dem Centrum für Hochschulentwicklung und von der Deutschen Forschungs­gemeinschaft unterstützt einen eigenständigen Lehrstuhl für Bibliometrie zur Entwicklung eines gerechten impact factors an der Johannes-Universität einge­richtet.
Doch nicht nur die Evaluation durch die Studierenden wird derart positive Ergebnisse bringen, auch professionelle, mitbestimmte Gutachtergremien werden das Bündel innovativer Maßnahmen, Kommissionen und schließlich Forschungen in sich selbst als ebenfalls innovative Leistung ansehen. Neben der Kommission für innovative Strategien und zum Ausbau von Kooperationsnetzen, die Arbeits­gruppe Forschung, Technologie und Innovation, daneben die bloß für Technologie und Innovation, die Bildung eines Technologierats, Initiativen, die Impulse für Fortschritt und Innovation liefern, die Forschergruppe für ökologisch-soziale Innovation und sanfte Gentechnik bis hin zur allgemeinen Innovation Deutsch­lands, das Institut für Zukunftstechnologien, das Rechtsinstitut Gerechtigkeit und Innovation, das Institut für Bildungsstandards, wo normierte Testaufgaben zur Evaluation von Schüler- und Studentenleistungen, nachdem zunächst Bildung selbst normiert worden ist, entwickelt werden, wodurch die Universitäten selb­ständig in die Lage versetzt werden, sich der in der Lehre erreichten Leistungen zu vergewissern. Hierfür wurde überdies nicht ein Professor aus Erlangen, sondern auf direktem Wege der Bildungsguru der OECD gewonnen. Und schließlich die Federführung in von der Bundesregierung eingerichteten Innovationsräten.
Nicht zu vergessen das Kontrollnetzwerk, das man selbst kontrolliert, so dass Schreibtischtäterschaft nach menschlichem Ermessen nicht entlarvt werden kann, selbstverständlich Aufmerksamkeit erfordert. Dies ist die einzige schwache Stelle: durch Gewohnheit entschärfte Umsicht. Noch besser ist es, wenn der Betrogene und Betrüger zugleich ein Leibniz-Preisträger ist. Dann kann man sich einmal mehr auf die Lichtenbergsche Übersetzung eines Butlerschen Distichons zurück­ziehen: „Gewiß hat beides sein Vergnügen, Betrogen werden wie Betrie­gen.“ Subsumiert wird ein intensiver wissenschaftlicher, komplexitätsreduzierter Ausstoß schließlich wissenschaftlicher Kreativität. Tun kann man dies auch durch umfangreiche Selbstzitate oder die Aufnahme überflüssiger Teile wie Literatur­listen oder gar Bibliographien statt eines bloßen Verzeichnisses der benutzten Literatur oder durch leicht überarbeitete Tabellen und Schaubilder. Und alle berufen sich wie amerikanische Präsidenten auf Paulus, der den Ephesern (4,25) schrieb: „Darum leget die lügen ab, und redet die wahrheit, ein jeglicher mit seinem nächsten, sintemal wir untereinander glieder sind“. Also, unsere Studenten sollen lernen, wie man Erfolg hat, sich nicht auf die Fälschung spektakulärer Forschungsergebnisse einläßt, die nur den aufmerksamen Neid der Kollegen und unerwünschte Reaktionen der Geldgeber provozieren. Viel sicherer ist es, tatsäch­lich geleistete Forschung als relevant zu verkaufen, wie z. B. in welcher Jahreszeit und dann sogar vielleicht aus welchen Gründen die meisten Kinder gezeugt werden – dann könnte ein Großteil der Geburtskliniken geschlossen oder zumindst für zehn Monate im Jahr umfunktioniert werden. Oder man führt spektakuläre Forschungen über die männlichen und weiblichen Geschmacksnerven durch, um hinterher festzustellen, dass die besseren Bier-Verkoster die Frauen sind Es ist lediglich der vergebliche Aufstandsversuch der Kleingeister im Mittelbau, wenn einer von ihnen zu fragen wagt: „wie, Sie lassen nicht forschen?“ Das sind doch nur die Kritiker an Jayson Blair, die die Effizienz des Spiels vergessen, entweder mit Enthüllungen zu drohen oder die Ergebnisse anderer unerfragt und nicht gewürdigt zu übernehmen. Wie oft wird denn eine Versuchsreihe entlarvt? Wie oft der Geldgeber eines Forschungsberichts? Was für eine Freude, welch ein Ansporn es ist, mit den Geldern der Autoindustrie die Sicherheit und Schadstoffarmut der Autos, mit denen der Pharmaindustrie den Nutzen von Medikamenten, mit denen der Klein- und Mittelunternehmen die Folgen des Subventionsabbaus abzu­schätzen, zu verdrängen, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir die verfügbare Masse nur noch verschieben, um Wachstum zu beweisen, die Bundes­länder für Investitionen bezahlen, der Bund für Exporte die finanziellen Garantien übernimmt, alles in der Hoffnung einer wundersamen Vermehrung. Und damit wird die Johannes-Universität zu einer blühenden Landschaft, und weiter bedeutet es für die Johannes-Universität, den besonderen Geist einer besonderen Universität sichtbar zu machen. Was aber auf keinen Fall geschehen sollte: wegen fehlender Modernität zu dauernder Modernisierung gezwungen zu werden. Die Offenheit der Lehre und des Studiums bedeutet die dauernde Chance zu unangestrengter Innovation. Doch auch unmittelbare akademische Ehren werden auf diese Weise erworben, so dass eine Absolventin der außereuropäischen Kunst unter dem Schutz von Frau Kim-Sebestyn, Caroline Brückner, zählbar unter die oberen Zehntausend der deutschen Akademia, zu den oberen Hundertausend der deutschen Gesellschaft schon sehr bald mit den höchsten akademischen Ehren Deutschlands ausgezeichnet werden wird, wobei die laudatio einem großen Biologen, dem Vizepräsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Präsidenten einer renommierten deutschen staatlichen Universität und naivem Huldiger arkanisierter und damit populärer Wissenschaft obliegt: