Donnerstag, 7. Oktober 2010

Lesender Weise 6

Öffnung

Wieder war der Zugang Karls voller Schmerzen. In Wien hatte er an der Theke einer kleinen Weinwirtschaft gestanden, nicht weit von seiner Bleibe im XIV. Be-zirk. Auf seinen Wegen durch die Stadt – nach der ersten Tramfahrt hatte er seine Füße in die Hand genommen und ließ sie die Stadt erkunden – hatte er sie entdeckt. Die Schritte schluckten nicht genügend Zeit, während er zwei Tage darauf gewartet hatte, David anrufen zu können, der ihn bei seinen Freunden einführen sollte, damit er nicht so allein sei, so hatte David gesagt in Verkennung der Bedeutung der Augen. Solange er ging, ging Karl schneller als nötig, um so das Unbekannte zu überwinden. Vor Schaufenstern mit Öfen oder Malbedarf wurde er ungeduldig, ängstlich, die Zeit zu versäumen und ging weiter, bevor er die Ausstellungsstücke wahrgenommen hatte. Als ob er so den künftigen verabredeten Zeitpunkt versäu¬men könne. Fast unbemerkt war er nach planloser Wanderung in die Wirtschaft gelangt, nachdem er mehrfach vor ihr auf und ab spaziert war. Er glaubte, wenn er sie beträte, verstohlene Aufmerksamkeit zu erregen. Und so war er zahllose Male bis zu einer der häßlichen Vorstadtkirchen gegangen, häßlich, da 1890 noch nicht allzu weit zurücklag, hatte unzählige Male vor dem Schild einer Baugrube gehalten, wo die Kommune baute, Karl jedoch aus Mangel an Geduld nie wahrnahm, was. Schließlich stand er an der Theke und sah zunächst niemanden als den Wirt würfelspielend dahinter. Dieser griff ungefragt nach einer Weinflasche, füllte ein Glas bis zur österreichischen Hälfte, und Karl wagte gar nicht erst zu widerspre¬chen. Der Wirt kehrte zu seinem Würfelspiel zurück. Karl starrte die Flaschen¬hüllen entlang und bemerkte ein Photo des rufenden Berges mit einer Widmung. Das Glas war geleert und wurde nachgefüllt. Die daraus entstehenden Verpflichtungen gegenüber dem Wirt beruhigten Karl. Jetzt verlor sich der Makel, nur Laufkundschaft zu sein, und er wagte es, seine Umgebung und Bruchstücke der Unterhaltung wahrzunehmen. Es waren kaum Gäste da. Der Wirt würfelte mit einer üppigen, bunten Frau, die mit ihren gewaltigen Ohrgehängen sexuell anziehend war. Sie hieß Sonja und war ganz eigentlich unerträglich wie das Michelinmännchen. Zwei Männer beteiligten sich am Würfelspiel, von denen der eine im lokalen Fußballverein spielte, der andere Nachtportier in zwei Bars war, die Sonja gehörten, und der Sylvester hieß. Ein dritter junger Mann spielte in Abwesenheit eine etwas undurchsichtige Rolle in einem giftgrünen Porsche und als von Karl vermuteter Geliebter Sonjas. Als die Stimmung zu aufgeladen wurde, erzählte der Wirt von seinem Sohn, der ihm die Flaschen mit den Kerzen auf die Tische gestellt habe, den er viel zu selten sähe, da er nach der langen Nacht bis elf Uhr schlafe. Dann sei der Sohn in der Schule. Wenn er am Mittag die Wirtschaft öffne, käme der Sohn gerade nach Hause. Und schließlich war es tatsächlich Zeit, David anzurufen.

Dieser Nachmittag, zu dem David Katherine und Karl gebeten hat, zu dem auch Emma und als zweites noch fremdes Wesen Gertrud zugesagt hatten, war von David als rites de passage Karls intendiert. Karls Vater hatte nicht mit weißen Gamaschen am Nachtleben der zwanziger Jahre teilgenommen, er hatte keinen Onkel, der ihn mit sechzehn im Freudenhaus hätte initiieren wollen. Seine wichtigste Erfahrung war der Wohnzimmerteppich, auf dem er sich beständig, aber wahllos erahnend, irgendwann wissend durch die heimische Lektüre fraß, das Geflüster und die Prahlereien der Klassenkameraden als bloße Bestätigung des nur Gelesenen zur Kenntnis nahm.
Gertrud kannten David und Katherine eher flüchtig. Sie war etwa so alt wie David, eine vorsichtig gierende gebildete höhere Tochter mit enttäuschten Erwartungen, etwas üppig und erfüllt von naiver Freundlichkeit in der begehrlichen Hoffnung, diese möge einmal erwidert werden.
David erwartete sie. Katherine war die erste, die nach fünf Stockwerken, nur Juden und Verrückte rauchen bergauf, die Atelierwohnung erreichte, und alle haben wir etwas von einer Gertrud in uns. Sie freute sich, David wiederzusehen, so sehr, dass sie sich auf seine Verschwörungspläne einließ, auf sein Spiel einging, doch, wie er, den Ausgang ungeplant ließ. Es kamen Karl und nach ihm Emma. David zelebrierte seinen griechischen Kaffee, plauderte über Josephine und die Schweiz, sprang hinüber in seine kurze Kölner Vergangenheit, vielleicht noch etwas kritischer als in seinen damaligen Tagen, doch für Karl ohne weiteres wiedererkennbar. Denn es war dies das Verständnis von fairplay, das David besaß, niemanden auszuschließen. Katherine spöttelte mit ihm und erzählte Kuriositäten von gemeinsamen Athener Bekannten mit einer Neigung für Schwächen und verunglückte Situationen. Emma schwieg, oder, wenn sie etwas sagte, waren es nur Laute, die ihre Anwesenheit bekräftigten. Karl nahm sich zurück, lächelte wiedererkennend oder interessiert in der menschlichen Weise, wie Hunde einander kennenzulernen versuchen. Doch gleichzeitig warb er mit dauernden Selbstbespiegelungen wie seiner Zeit Sofronisba Anguiscola und meinte: „Ich bin immer so schüchtern.“ Auf diesen geschickt idiotischen Satz reagierte Katherine mit der Überlegenheit und dem Vergnügen der erwachsenen Frau: „Damit tust du den ersten Schritt, deine Schüchternheit zu überwinden.“ Dies brach tatsächlich ein wenig das Eis, und die Unterhaltung umfaßte jetzt alle. Karls Lachen hatte etwas so unbewußt Verlockendes, dass Katherine zu David meinte, er müsse eingeweiht werden, da er jetzt doch einer von ihnen sei. Gedankenlos fand Karl den Plan einen riesigen Spaß und Katherine sagte: „Wenn du nachher so charmant bist, verpatzt du alles.“ „Das wäre doch schön.“ Und Katherine hörte sich sagen: „Und du musst so tun, als seist du in mich verliebt.“ Karl hörte es auch.
Gertrud war, soweit es ihr Körper zuließ, gut gekleidet, was für sie nicht unwichtig war, man sah ihr so etwas wie Bogner an, mit einer fast natürlichen Dauerwelle, mit vorläufig eher nur angedeuteten Säcken unter den Augen, nur ein ganz klein wenig vermittelte sie den Eindruck, als wolle ihr Körper sich aus seiner diskreten Pracht heraussprengen. Aber es war noch nicht die Zeit, in der man sagen konnte: „ich liebe jede meiner Schwabbelstellen wie mich selbst.“ Und dazu das Dauergeräusch naiv erstaunter Plauderei mit recht heller Stimme. Und so glaubte sie auch, sofort Davids Wohnung in Besitz nehmen zu können. „Wie herrlich! Eine Idealwohnung! Wollen Sie sie nicht mir überlassen?“ Gertrud stürmte über die Begrüßung hinweg zum Fenster. – „Diese Aussicht! Sie verstehen nicht, sie zu würdigen! Um das zu können, muß man Poesie besitzen. Hier würde ich rauschende Feste feiern, nicht mehr studieren!“ – Seit zwanzig Jahren studierte Gertrud Kunstgeschichte und beschäftigte sich für ihre Dissertation mit der Typisierung chinesischer Keramik aus Banpo. „Ich würde leben!“ – „Trinken Sie Wodka?“ Und David goss allen ein. Er saß selbst auf dem Bett, Gertrud nahm den einen übriggebliebenen Sessel, im anderen saß Katherine. Emma und Karl hockten auf den Stufen der kleinen Empore vor dem Fenster. – „Kennen Sie Herrn Atat? – Wissen Sie es noch nicht? Ja, ich meine den Pianisten“ – Spielt man Triolen bei Brahms?. „Wissen Sie es nicht? Er hat Selbstmord begangen. Doch, ganz bestimmt. Ich weiß es von seinem Bruder.“ Gertrud hatte einen ernsten intelligenten Gesichtsausdruck. Es war ihr wert, dass sie etwas vor den anderen wusste. Das galt auch für den Slibowitz, den sie in der Bognergasse für nur 35 Schilling den Liter kaufen konnte. So lag ihr ernstes Gesicht nicht allein an der berichteten Tragödie, auch wenn dies kein abendfüllendes Programm sein konnte, sie wusste etwas und vertrieb sich und den anderen eine Stunde mit Überlegungen über den Selbstmord. Nach drei Wodka mußte sie wieder die Aussicht bewundern, was in dem kleinen Raum eine eher größere Unruhe verursachte.
David ließ zunächst die Dämmerung und schließlich die Dunkelheit den Raum besetzen. Mit den Fingern konnte man die Gläser ertasten und gefahrlos füllen, indem man mit einem Finger den Pegelstand maß. Wie auf einer Reise nach Jerusalem wechselte man die Plätze. Gertrud schloß sich David auf dem Bett an, Emma übernahm ihren Sessel, und Karl und Katherine – so meinte Karl – entzogen sich der Gemeinschaft auf den Treppenstufen der Empore, zunächst als ausgeschlossene Betrachter der Welt unter ihnen, indem sie einander zu ihren Vertrauten machten. Doch zurückgezogen hatte sich nur Emma, gleichsam in den Mutterschoß, wo sie die Unbequemlichkeiten des embryonalen Stadiums spürte. Daran erinnerte sie sich, wenn ihr linker Arm zu schmerzen begann, wenn sie spürte, dass ihr großer flächiger Körper keinen Platz mehr im Raum zu haben schien und Reste der Placenta ihr glattes schwarzes Haar verklebten. So verfiel sie in abwesende Schweigsamkeit.
Das Gespräch und Getuschel beschränkte sich auf den Nachbarn. Katherine wollte Karl provozieren. Er war so viel jünger als sie, so bewusst seiner physischen Sperrigkeit, fühlte sich selbst und den anderen im Wege. Doch der leicht spöttisch wohlwollende Beschützerinstinkt Katherines verwandelte sich nach kurzer Zeit in den Wunsch, beschützt zu werden. Der erste Schritt dorthin war, Karl aus seiner Rolle als Mitopfer der Verschwörung zu befreien und ihm scheinbar amüsiert zu erzählen, daß David und sie geplant hatten, Gertrud dazu zu bringen, sich eine Blöße zu geben. So flüsterte sie und gewann damit Karl, der dennoch noch nicht seine Buchdeckel verlassen konnte, sich auf den mörderischen Gesualdo kaprizierte im Wunsch, der Floh zu sein auf Katherinens Brust, nicht einer der vielen in der Renaissance. Doch half die Dunkelheit, und seine unkundigen Hände begannen, auf duldendem Terrain zu wandern, normalisiert durch Bemerkungen und Lachen, um jederzeit ohne Gesichtsverlust sich trennen zu können und unbefangen einander wieder zu begegnen. Die besondere politische Beziehung war vollkommen, als in den Gesprächsfetzen der künftige Stern der österreichischen Ostforschung auftauchte, der Professor Nowak.
Der Zustand unausgesprochenen Glücks zerbrach, als sich Gertrud nackt und schluchzend an ihnen zum Fenster vorbeitastete und hinausspringen wollte. David folgte im gleichen Zustand. Katherine und Karl halfen auch, und Gertrud konnte von einem Sturz in die Nacht abgehalten werden.
Karl traf Gertrud einige Jahre später wieder. Ihre Typologie hatte sie erfolgreich beendet, doch sie war immer noch auf der Suche, älter geworden, voller vergeblicher Sehnsucht und süßtrauriger Erinnerungen, so hockten sie über einer Flasche Wein in der ererbten elterlichen Wohnung, und Karl wurde veranlasst, zwei Dutzend Austern zu öffnen. Sie sprachen behutsam über bescheidene Gemeinsamkeiten. Gertrud wurde gerettet.

Katherine, Emma und Karl aber verabschiedeten sich und wanderten durch eine Wiener Märznacht zur Herrengasse, erfüllt von unberechtigtem Gelächter, das Herz voller unerfüllter, weil unausgesprochener Versprechungen, jedoch mit der Preisgabe der Telephonnummer. In Anlehnung an den bengalischen Freund wanderte Karl weiter durch die Nacht und schlich sich glücklich verwirrt in den frühen Stunden des Morgens in sein Zimmer bei seinen Leuten im 14. Bezirk.

Als er am Vormittag die ihm von Katherine gewährte Nummer anrief, war sie zwar noch da, hatte jedoch für ihn an den beiden nächsten Tage keine Zeit. David mußte sich wieder Josephines annehmen. Gut, Karl würde sich in einigen Tagen wieder melden. So leicht war die Welt, die er sich seit der letzten Nacht aufgebaut hatte, wieder eingestürzt. Norditalien und Frankreich rückten näher. Er packte seinen Koffer, erstaunte mit Maßen – doch sicherlich erleichterte er sie auch – seine wohlwollend gleichgültigen Gastgeber, die ihn schließlich nur seinem Vater zu Liebe aufgenommen hatten, als er ihnen mitteilte, dass er seine Zelte ihn Wien abbrechen werde. Er blätterte im imaginären Stapel väterlicher Empfehlungsschreiben, traf eine mißverstandene Verabredung und fuhr mit dem Zug nach Halbthurn.
Nie war ihm der Koffer so im Wege, als er auf dem Bahnhof dort zum Tee abgeholt wurde. Tausend Mal entschuldigte er sich dafür, dass er ein so unförmiges Gebilde mit sich herumschleppe, aber er wolle am Abend weiter nach Eisenstadt. Er konnte doch nicht sagen: „Wir behausen jeden Gast, und wenn er zwischen der Trockenwäsche schlafen muss.“ Mit dem Herrn des Hauses durfte er den Grund und Boden in der weiter oben beschrieben Weise abschreiten. Mit ihm und der Dame des Hauses den Tee aus zarten Tassen zusammen mit trockenem Gebäck nicht nur in einem kontinentalen Salon Jane Austens, sondern auch in der formellen Art eines ersten und in diesem Falle einzigen Besuchs einnehmen. Die Dame des Hauses betrieb Konversation, und so begann Karl eine parallele Reise durch die Architektur Hildebrandts, doch seine Torheit hinderte ihn daran, diese Lebensweise eines konzilianten Besenstiels von außen zu genießen. Hier auch erlebte er zum ersten Mal die demokratischen Züge des osteuropäischen Feudalismus, das merowingische Verwandtschaftsnetz des Erzhauses, den Handkuss einerseits und die Vertraulichkeit mit der Dienerschaft, die Gleichberechtigung im täglichen Leben, während das Charisma der Geburt eine ganz andere Kategorie war. Nicht entscheidend war, dass man Namen fallen lassen konnte, man kannte einander.
Er nahm den Bus nach Eisenstadt, fand ein Zimmer im Gasthaus mit dem Türkenkopf – ein vor Entsetzen versteinerter Belagerer Wiens – dem Schloss gegenüber, hockte allein in der Schankstube, kam sich nicht speziell verloren vor, sondern war entschlossen, dass man mit sich selbst zufrieden sein könne, vielleicht eine Sternstunde seines Lebens, aber kaum eine Erkenntnis zur Förderung der Soziabilität. Am nächsten Tag und für alle Zeit blieb ihm nur der kleine Pavillon im Schlosspark in Erinnerung, denn nicht nur tat er die ersten Schritte in Richtung Pannonien, sondern wanderte zwei Tage nach einander an diesem Pavillon vorbei ins Leithagebirge einmal nach Loretto, als er noch nicht wusste, dass das berühmtere in Italien lag, einmal fast bis nach Wiener Neustadt. Es hätte der Teutoburger Wald sein können mit Markomannen hinter jedem Baum, und sein Gehirn wurde eins mit den Füßen, und diese fütterten die Augen mit sich immer wiederholender Schönheit. Jeden Abend, vier Abende lang, saß er in der gleichen Schankstube, erfuhr den Geschmack kleinstädtischen Essens und trank Ruster Wein, lange vor einem entdeckten Glykolskandal.
Ähnliche Wanderungen folgten später, entlang Offa’s Dyke auf der Grenze zwischen Phantasie und realem Überleben, von Minden nach Osnabrück zwischen den römischen und germanischen Schlachtreihen, auf dem Ausonius-Pfad durch den Hunsrück und schließlich von Mainz nach Fulda, um den schlecht balsamierten und allmählich stinkenden Leichnam des Bonifatius noch einmal zu geleiten, immer allein, weil die zufälligen Partner die Strecken mörderisch fanden, noch mörderischer, wenn man auf den Spuren seines Schülers Sturm zu Fuß bis in die Diemelgegend vorstieß Dies waren doch Wege, auf denen man zueinander zu finden hoffte, und doch wurden sie zu nie erfüllten Hoffnungen des Gleichklangs.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Davon habe ich noch weniger Ahnung

Stephen Henighan, teaching Spanish American literature at the University of Guelph, Ontario, hat im Times Literary Supplement vom 17. September 2010, S. 25 "The Cambridge History of Canadian Literature", eds. Coral Ann Howells and Eva-Marie Kröller. 802 pp. Cambridge University Press (zum Preise von 90 £ bzw. 165 $) besprochen. Darin schreibt er u.a.: „Literature in French – roughly one-quarter of all the literature in the country’s history – returns in three brisk summary chapters at the volume’s conclusion. The last of these, on French-Canadian fiction, is perfunctory and particularly inadequate in its coverage of the past thirty years. The fact that fiction in French since 1837 is accorded twenty-three pages, while aboriginal literature since the 1960s gets thirty-seven, gives an idea of this volume’s priorities.!” Wie viele Seiten bekommt die Poesie?
Manchmal frage ich mich, wie ein Buch zerlesen werden kann. Da stand ein zerfetztes Exemplar aus der Bibliothek der Association des Amies du Foyer Franco-Scandinavie, ausgeschieden oder von meiner Mutter durch ihren Namenszug enteignet im Regal. Es gehörte zu den Büchern, von denen ich wusste, dass sie existieren. Und doch habe ich es erst jetzt aus Pietät, auf dass keine Seite beim Wegwurf verloren gehe, aufgeschnitten, eine "Anthologie des Poètes Canadiens", composée par Jules Fournier mise au point et préfacée par Olivar Asselin. Montréal: Granger Frères 1920. Abgesehen von einigen wenigen Fachbüchern ist es, glaube ich, das einzige in Kanada erschienene Buch, das ich in der Hand gehabt habe. Dafür habe ich aber Mazo de la Roches (1879-1961) Roman "Quebec" aus dem Josef Schaffrath Verlag gelesen, das mich durch den historischen Tod von James Wolfe und das dazugehörige Gemälde – von wem nur? – sehr beeindruckte. Noch schlimmer: Ich kenne nicht einen aus der langen folgenden Liste der Autoren, muss es vielleicht auch nicht nach einigen kurzen Blicken. Vielleicht gefällt mir das erste Gedicht des ersten Autors Joseph Quenel am besten. Meine Eintragungen stammen meist aus dem Internet – so auch die Anmerkungen zu einigen der Autoren. Wenn man sich intensiver für die franko-kanadische Literatur interessiert: Ab Der Halden, Ch.: "Études de Littérature canadienne-française"; "Nouvelles Études de Littérature canadienne-française"; Roy, Camille: "Nouveaux Essais sur la Littérature canadienne"; "Érables en Fleurs"; "A l'Ombre des Érables"; "Regards sur les Lettres"; "Poètes de chez nous"; "Manuel d'histoire de la Littérature canadienne de langue française", 21 ème edition, revue et corrigée par l'auteur, Montréal, Beauchemin, 1962 [1939], 201p., pp. 102-125; Dandin, Louis: "Poètes de l'Amérique française"; "Émile Nelligan et son ouevre. La préface"; Harvey, Jean-Ch.: "Pages de critique"; Hébert, Maurice: "De Livres en Livres"; "Et d'un livre d l'autre"; Bernard, Harry: "Essais critiques"; D'Arles, Henri: "Eaux fortes et Tailles-douces"; Maurault, O.: "Brièvetés"; "Marges d'Histoire", I; Dugas, Marcel: "Littérature canadienne"; Montpetit, Édouard: "Au Service de la Tradition française"; Fournier, Jules: "Anthologie des Poètes canadiens"; Arnould, Louis: "Nos Amis les Canadiens"; Charbonneau, Jean: "Des Influences françaises au Canada". I; Lozeau, Albert: "La Préface pour le poème Le Cap Éternité de Charles Gill"; Lamarche, R. P. M.-A.: "Ébauches et Nouvelles Ébauches critiques"; Grignon, Claude-Henri: "Ombres et Clameurs"; Marion, Séraphin: "En feuilletant nos écrivains"; "Sur les pas de nos littérateurs"; Beaulieu, Germain: "Nos immortels"; Brouillard, P. Carmel: "Sous le Signe des Muses"; Desrochers, Alfred: "Paragraphes"; Pelletrier, Albert: "Carquois"; "Egrappages"; Léger, Jules: "Le Canada français et son expression littéraire"; Dandurand, Albert: "La Poésie canadienne-française"; Turnbull, Jane M.: "Essential Traits of French-Canadian Poetry"; Fraser, Ian Forbes: "The Spirit of French Canada".
Und jetzt die Liste, die aus dem Internet unterfüttert ist, auch wenn jedem Dichter in dem „entsorgten“ Band eine Kurzbiographie und Werksliste beigefügt ist:

1. Napoléon Aubin (1812-1890)
2. Guillaume Barthe (1816-1893)
3. Hermas Bastien (1897-) Er veröffentlichte "Les Eaux grises" (1919), leichte und angenehme Gedichte.
4. Nérée Beauchemin (1850-)
5. Germain Beaulieu (1870-)
6. Alphonse Beauregard (1881-[1924]) hat zwei Sammlungen veröffentlicht, "Les Forces" (1912) und "Les Alternances" (1921). Die zweite ist ein Fortschritt gegenüber der ersten, aber seiner Dichtung fehlt, so die Kritik (and how should I know?) aufgrund der philosophischen Tendenzen Farbe und Spritzigkeit. Die Sprache entspricht nicht den hohen Gedanken.
7. Isidore Bédard (1806-1833)
8. Michel Bibaud (1782-1857)
9. Arthur de Bussières (1877-1913)
10. Jean-Baptiste Caouette (1854-)
11. Georges-Étienne Cartier (1814-1873)
12. William Chapman (1850-1917)
13. Jean Charbonneau (1875-), einer der Gründer der École littéraire. Veröffentlichungen: "Les Blessures" (1912), "L'Âge de Sang" (1921) , "Les Prédestinés" (1923), "L'Ombre dans le Miroir" (1924), "La Flamme ardente" (1928), "Tel qu'en sa solitude" (1940). Prosa: "Les Influences françaises au Canada", drei Bde. (1917, 1918, 1920), und eine Arbeit über die Ursprünge und die Einflüsse der École littéraire de Montréal (1935). Und wieder sekundär : Er gefällt sich in philosophischen Spekulationen und behandelt die großen Probleme der Menschheit. Er scheint einem inkonsistenten Pantheismus zu huldigen, sucht die Rätsel der Dinge zu ergründen, ohne eine Lösung zu geben. Seine Gedichte sind überfrachtet und er folgt den Eingebungen der Muse. Glücklich sind bei ihm die gewählten Bilder, und so findet man in seinem Werk Bilder, Zusammenstellungen und Konstruktionen, die wahre Kunst ausmachen. In den drei Bänden "Les Influences françaises au Canada" findet man wieder den Mangel an Präzision, den Geschmack für zu vague Synthesen, die seine Dichtung gelegentlich zur Qual machen. Neben Seiten die zutreffend und intelligent sind, gibt es solche mit diffusen Entwicklungen, zu ausschweifend und Erinnerungen an Lektüren (ach Du meine Güte! Damit hat es mich aber erwischt.), an denen sich die Gedanken des Autors reiben.
14. Pierre Chauveau (1820-1890)
15. Édouard Chauvin (1894-) 1918 publizierte er Figurines, eine Sammlung lustiger kleinerer und längerer Gedichte. Seine nächste Veröffentlichung von 1921 "Vivre" zeigt nicht die gleiche Meisterschaft, sagt jemand, der ihn hoffentlich gelesen hat.
16. Rodolphe Chevrier (1868-)
17. René Chopin (1885-) Er veröffentlichte "Le Coeur en Exil" (1913) und "Dominantes" (1933). Er zählt zu den Dichtern des Parnass, (fremde Präzision:) der seine Verse ziseliert, sie mit Bildern, Rhythmen und Klängen füllt. Darin – zumindest in seinem Exotismus – ähnelt er Paul Morin. Er huldigt der Religion der Schönheit, der schönen Form, das ist das Bekenntnis in seinen Gedichten. Eine Art vagues Heidentum mischt sich in seine Inspiration. Oft sucht er, um seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, nach Wörtern, die das Auge oder die Vorstellungskraft anregen, manchmal bis hin zu gewagten Neologismen. Daher legt er mehr Wert auf die Worte und die Form als auf den Inhalt. Sein Heidentum verleitet ihn zu Melancholie und Pessimismus. Seine „kanadischen Bilder“ sind nur dem Namen nach kanadisch. Aber man muss anerkennen, dass M. Chopin preziöse Dichtung schafft, eine fruchtbare Phantasie und Sinn für Harmonie besitzt.
18. Éphrem Chouinard (1854-)
19. Alonzo Cinq-Mars (1881-) Er hat in seiner Sammlung "De l’Aube au Midi" von 1924 ernste und leichte Gedichte zusamengestellt, die in ihrer Empfindung aufrichtig erscheinen, deren Sprache aber Feinheit und Anmut fehlen.
20. Octave Crémazie (1827-1879)
21. Louis Dantin (1870-), hat sich besonders in der Literaturkritik hervorgetan. 1932 veröffentlichte er "Le Coffret de Crusoé" (1932) (der Titel ist auf jeden Fall ansprechend, auch wenn vielleicht ein wenig gesucht), ausgefeilte, kunstfertige Gedichte, die den verschiedensten Gefühlen Ausdruck verleihen, vom Optimismus, der sich überall in der Schönheit findet bis zur den Liebesgefühlen eines immer leidenden Herzens. Zwischen diesen beiden Bewusstseinspolen gibt es die ganze Reihe von Eindrücken, Erinnerungen, Sehnsüchten und den Gefühlen einer exaltierten Seele, der Gesänge der Natur und des Lebens und des irdischen Horizonts ohne das letzte Glück erfassen zu können.
22. Guy Delahaye (Guillaume Lahaise) (1888-) (le docteur Guillaume Lahaise) ist der erste unter uns (ein exklusives „uns“, aber was bleibt mir anderes,),der sich dem Symbolismus verschrieben hat. Seine Sammlung "Les Phases" (1910) setzt sich aus einer Serie von Triptycha zusammen, in denen die Musik der Worte die Gedanken durchdringt, ihnen größere Kraft verleiht, sie aber weniger einsehbar bis hin zur Unverständlichkeit macht Es gibt ein echtes Gefühl in seinen Gedichten mit intensiven Visionen und neuen Bildern, eine Kunst, die danach strebt, möglichst persönlich zu sein. Allerdings hat der Dichter das Versprechen seines Talents später nicht eingelöst. "Mignonne, allons voir si la Rose" (1912) ist nicht anders als kapriziös zu nennen, wobei er sich in Phantasien ergeht. Dabei sind es nur epigonale Nachahmungen anderer Autoren wie Paul Valéry oder Paul Claudel, in denen es sich im Symbolismus und in freien Versen übt.
23. Gaston DeMontigny (1870-1914)
24. Hector Demers (1878-) Die Sammlung "Voix Champêtres" (1912) gehört zur l'École littéraire de Montréal. Die Dichtung hat mit ihren Längen sehr viel Ähnlichkeit mit Prosa.
25. Amédée Denault (1870-)
26. Gonzalve Desaulniers (1863-1934) war einer der Gründer der l'École littéraire de Montréal. Advokat und Richter hörte er nie auf, das Schreiben zu kultivieren und widmete sich der Poesie. Er las vor an den Abenden im Château de Ramezay (auch das kann man überaus erfolgreich googeln), wo sich die Gruppe der Schule von Montréal zu Dichterlesungen versammelte. Er wartete bis er siebenundsechzig war, bevor er seine Gedichte in dem Band Les Bois qui chantent (1930) sammelte. Wahrscheinlich wollte der Künstler seine Verse vor einer Veröffentlichung sorgfältig polieren. Sie zeigen, wie an ihnen gefeilt worden ist. Er hat auch einen der besten Sammelbände der Schule von Montréal herausgegeben, und deren Titel zeigt die romantische Inspiration des Dichters. Er ist ein Träumer, ein Melancholiker, der die Natur liebt. Es gefällt ihm, die Gefühle zu äußern, die Wald, Felder und das Meer in ihm hervorrufen. Er erhebt nicht seine Stimme, ist ohne Pathos, aber aufrichtig. Er repräsentiert bei uns (schon wieder) die Romantik Lamartines. Seine Poesie ist eher sanft als nervöse, ohne Tiefe und manchmal zu flüssig. Manchmal aber erweitert er auch die Strophen, hebt den Ton und schenkt uns Seiten eines Epos wie in Les Voix du Golfe. (Das hört sich aber doch verdammt konventionell und ein wenig oberlehrerhaft an.)
27. Alphonse Désilets (1888-) hat sich seit seinen Collegetagen mit den Dingen auseinandergesetzt, die uns (wem? Den Kanadiern ?) nahe sind. Die "Heures poétiques" unter dem Pseudonym Jacquelin (1910), "Mon Pays, mes Amours" (1913), "!Dans la Brise du Terroir" (1922) beschäftigen sich alle mit uns, unserem angenehmen und einfachen Leben und unserer einfachen Geschichte. Er wechselt in seinen Gedichten oft den Modus, aber gelegentlich mit Strophen, die nicht auffliegen wollen, aber immer wirken sie echt und gewinnen durch die Präzision im Detail.
28. Henri Desjardins (1874-1907)
29. Émery Desroches (1877-1903)
30. Louis-Joseph Doucet (1874-) hat sehr viele Gedichte ungleicher Inspiration veröffentlicht, manche davon brillant, andere flach (und jetzt besorg Dir die Gedichte und versuch zu kategorisieren), "La Chanson du Passant" (1908), "La Jonchée nouvelle" (1910), "Sur les Remparts" (1911), "Les Palais chimériques" (1912), "Les Grimoires" (1913), "Près de la Source" (1914), "Palais d'argile" (1916), "Au Vent qui passe" (1917), "Idylles symboliques" und "Vers les Heures passées" (1918). Doucet besitzt eine große Sensibilität für das Preziöse, was ihn veranlasst, über das Exquisite zu schreiben, aber er macht sich das Leben schwer, indem er sich einer Sprache bedient, die er nicht ohne weiteres meistert. In Prosa hat er publiziert: "Contes du vieux temps" (1910), "Pages d'Histoire" (1914).
31. Albert Dreux (mit richtigem Namen Albert Maillé (1887-), hat "Les Soirs" (1910) und "Le Mauvais Passant" (1920) veröffentlicht. In "Les Soirs" schreibt er nur über die Liebe, in "Le Mauvais Passant" zeigt er ein größere Themenbreite, aber er bleibt sehr ungleichgewichtig und nur selten steigert er sich zu hoher Kunstfertigkeit.
32. Clovis Duval (1882-)
33. Eudore Évanturel (1854-1919)
34. Albert Ferland (1872-), war Sekretär und Präsident der l'École littéraire. Er veröffentlichte "Mélodies poétiques" (1893) und "Femmes rêvées" (1899), in einer Zeit als er viel mit den Poeten der École und auf den Soirées im Château de Ramezay verkehrte. Er hat sich vielen aus den Gefühlen oder der Natur herrührenden Inspirationen hingegeben. Später hat er sich ganz der Aufgabe, das Land und die Wälder Kanadas zu besingen, hingegeben. Unter dem Obertitel "Le Canada chanté", veröffentlichte er "Les Horizons" (1908), "Le Terroir" (1909) , "L'Âme des Bois" (1909) und "La Fête du Christ à Ville-Marie" (1910). Später hat er in den "Mémoires de la Société Royale du Canada" und in den "Soirées de l'École littéraire" (1925) weitere Gedichte veröffentlicht. Und jetzt lasse ich einmal eine Passage der französischen Auskünfte über ihn und sein Werk auf Französisch stehen (bestimmt aus dem Internet, denn woher sonst sollte ich solche tiefschürfenden Auskünfte und ein so schönes Französisch herhaben ?): Sa poésie , délicate sans assez de force d'abord, et souvent gracieuse, a pris plus d'ampleur dans les poèmes du Canada chanté. Albert Ferland essaie d'y donner aux vers une facture artistique, et de la plénitude. Il évoque avec une vision personnelle le paysage canadien. On regrette que l'inspiration ne soit pas plus abondante, ni davantage continue. Autodidacte, habitué à se replier sur lui-même, Albert Ferland concentre son émotion jusqu'à ne pas assez la faire paraître. Il est plus ému qu'il ne le dit. Le sentiment chrétien et celui de la nature sont tous deux au fond de sa conscience. Il les exprime avec une simplicité sincère parfois trop sèche : le plus souvent agréable ou touchante.
35. Édouard Fabre-Surveyer (1875-)
36. Louis-Joseph Fiset (1827-1898)
37. Louis Fréchette (1839-1908) (Für ihn muss man mit copy and paste – ich bin in der Schuld des Autors dieser Aussagen – in der sekundären Quellensprache bleiben) Literary Montreal: Unofficial Poet Laureate of Quebec (From Writers of Montréal). As a little boy growing up in the 1840s in Lévis across the St. Lawrence from Quebec City, Louis Fréchette played street games in which he invoked the name of Louis-Joseph Papineau, the leader of the 1837-38 Rebellions in Lower Canada. And, as he wrote in his memoirs a half century later, he would gaze across the river toward the Plains of Abraham where "dominating the high mounds, there loomed in the distance the rounded stumps of heavy Martello towers, advanced sentinels of the haughty citadel of Quebec encircled by cannons, where the English flag waved." The little boy who would try to explain to himself why that flag hung there when "nous étions français, nous! Nous parlions français, nos livres étaient français. . ." grew up to become the principal literary figure of French-speaking Canada, its unofficial poet laureate, the only nineteenth century French-Canadian writer to be well known outside Canada. His move to Montreal in 1877 from Quebec City also signalled Montreal's newly-assumed status as literary and cultural capital of the province. In a life that included a stint in the proverbial garret and was capped by the Montyon Prize of the Académie Française, Fréchette was, for more than a quarter of a century, the symbol of the ideal man of letters: a poet who had penned over 400 verses, a playwright, essayist, folklorist and short story writer. Radical in his politics, he was also constantly embroiled in polemics, and something of a fraud. The second half of his career was dogged by frequently validated charges of plagiarism (Für meinen Teil gebe ich es zu!). A symbolic precursor of this charge, and one for which Fréchette was not to blame, was his play, "Félix Poutré". A popular historical drama based on the memoirs of one Felix Poutre who claimed to have been a leader of the 1837-38 Rebellions, its hero later turned out to be a paid informer working for the military police against the Patriotes. Critics of his day acclaimed Fréchette as "the Lamartine of Canada," evoking the name of the great French Romantic poet and revolutionary politician. His first collections were alternately romantically, then politically inspired. Many of his early lyrical verses were sparked by amorous adventures and bore titles such as "Corinne" and "Juliette." His second book "La Voix d'un exilé", was written in Chicago where he exiled himself in 1866 in disgust over the approach of Confederation, which he deemed would end the future of the French-Canadian nation. "La Voix d'un exilé" was used as propaganda by the Rouge party in Canada. One twentieth-century critic has called its "violence of ... language" unsurpassed in Canadian literature. (A typically incendiary poem implied that Thomas D'Arcy McGee had met his end by assassination for his betrayal of the Irish people.) According to what may be an apocryphal account, when Fréchette became the province's establishment poet in 1880, he bought up all the copies of "La Voix" he could find and burned them. A lawyer by profession, Fréchette made a stab at politics when he returned to Canada from Chicago in 1871. He sat in the House of Commons for four years but failed to get re-elected.
His marriage at age thirty-eight to a Montreal heiress in 1876 changed the course of his life. While he continued to have strong political opinions (his anti-clericalism, in particular, was very controversial in his time), he no longer needed to worry about his financial future and could write full time. Ensconced in a mansion on St. Louis Square, he wrote "Les Fleurs boréales", the collection that won him the Montyon prize and assured his reputation. He may have been the first (but would certainly not be the last) Canadian for whom fame abroad meant recognition at home. "La Légende d'un peuple", a series of historical tableaux interpreting the emergence of the French-Canadian nation, was published in 1887 and is regarded as Fréchette's finest work. This collection of epic poems reminiscent of Victor Hugo reflects the cult of great men popular in the nineteenth century. Several poems take as their subjects heroes of French Canada such as Dollard des Ormeaux, Jolliet and Papineau. When Fréchette died some twenty years later, few people attended his funeral. Tastes had changed, romanticism was becoming passe, new literary movements frowned on his imitative talent. Yet Fréchette at his best could rise above his own mediocrity. His description of the immense Mississippi, for instance, in the long poem "Jolliet" still stirs the imagination, still plucks at the heart. From "Jolliet" in "La Légende d'un peuple" by Louis Fréchette: "Poésies choisies", Volume I (Montreal: Beauchemin, 1908), 99-100. "Le grand fleuve dormait couché dans la savane./Dans les lointains brumeux passaient en caravane/De farouches troupeaux d'élans et de bisons./Drapé dans les rayons de l'aube matinale,/Le désert deployait sa splendeur virginale/Sur d'insondables horizons.
Juin brillait. Sur les eaux, dans l'herbe des pelouses,/Sur les sommets, au fond des profondeurs jalouses,/L'Été fécond chantait ses sauvages amours./Du Sud a l'Aquilon, du Couchant a l'Aurore, /Toute l'immensité semblait garder encore/La majesté des premiers jours."
38. Englebert Gallèze (Lionel Léveillé) (1875-) hat "Les Chemins de l'Âme" (1910), "La Claire Fontaine" (1913), "Chante, Rossignol, chante" (1925) und "Vers la Lumière" (1931) herausgegeben. Er hat einige der besten Heimatgedichte geschrieben. In der ersten Sammlung unterbricht er seine Heimatlieder mit moralphilosophischen Gedanken. Später ist er seinem Weg zielbewusster gefolgt. Seine dörflichen Erinnerungen, seine Zuneigung zum Land und zu den Sitten des Volkes waren immer wieder eine Quelle der realistischen Darstellung, gelegentlich ein wenig matt, aber meistens lebendig und elegant.
39. Alfred Garneau (1836-1904)
40. François-Xavier Garneau (1809-1866)
41. Antoine Gérin-Lajoie (1824-1882)
42. Charles Gill (1871-1918). Mit neunzehn studierte er Malerei an der École des Beaux-Arts in Paris, wo er fünf Jahre blieb. Er malte die Natur und Portraits. Nach seiner Rückkehr nach Kanada wandte er sich der Dichtung zu, und zur Erholung besuchte er die Freitagstreffen im Château de Ramesay. Er träumte von einem epischen Gedicht oder lyrischen Epos, über unseren Fluss, den Saint-Laurent – so wie die Traube Sanktlaurent eines etwa gegenwärtigen Modeweins – ausgeschmückt mit alledem, das Geschichte und Ledgende bevölkert. Das Gedicht sollte zweiunddreißig Gesänge in mehreren Büchern haben. Nur ein Band "Le Cap éternité" mit den beiden ersten Gesängen wurde vollendet. Der erste ist eine Beschwörung der Vergangenheit, die die Glocken von la cloche de Tadoussac ertönen lässt. (http://www.scribd.com/doc/7794272/Charles-Gill-Le-cap-Eternite) ist gewiss eine Seite, die es sich lohnt anzuschauen. Sie ist nicht die einzige, die den Text des Gesanges wiedergibt, aber durch das Vorwort von Lozeau die mir sympathischste. So steht denn auch auf der Internetseite http://www.wildwomenexp.com/paddling.html: “We then head north into the fabled and lovely Charlevoix region where we hike in the Laurentian mountains and sea kayak on the Saint Lawrence. Next we head farther north to Tadoussac, one of the worlds' most beautiful bays and home to beluga whales. In Tadoussac, we ride zodiaks to observe whales and marine life closer up.” Eine wirklich schöne Seite ist allerdings http://www.erudit.org/revue/haf/1947/v1/n1/801342ar.pdf, und wenn ich ein Kanadier wär‘, dann wüsste ich längst, dass Tadoussac auf dem gesuchten Weg nach China liegt, und dann kann man immer weiter suchen. Die Verse, die die Klage über die untergegangene Nation der Montagnais enthalten, zeugen von großer Kraft. (Anm.: Nitassinan, the Montagnais homeland, is a vast area which includes most of Quebec east of the St. Maurice River extending along the north side of the St. Lawrence to the Atlantic Ocean in Labrador. To the north, their territory reached as far as the divide between the St. Lawrence and James Bay drainages. There were three divisions: the Montagnais along the St. Lawrence between the St. Maurice River and Sept-Iles; the Naskapi east of them in Labrador; and the Attikamek on the upper St. Maurice River north of Montreal (http://www.dickshovel.com/mon.html)). Der zweite Gesang, "Le Cap Trinité", ist gleichzeitig beschreibend und philosophisch. Die Verse sind im allgemeinen kräftig, und beide Gesänge charakterisieren den Stil von Charles Gill: ein Dichter, angezogen von den Extremen der Natur und des Denkens, so dass seine Muse manchmal der Erschöpfung und dem Schwindel erliegt. Sein Gesang "Stances aux Étoiles" zeigt in seiner philosophischen Inspiration Ähnlichkeiten mit "Cap Trinité".
In seinen kleineren Arbeiten kann er graziös und elegant sein, nachzulesen in “Les deux étoiles” und “Chanson” in den "Étoiles filantes". Seine Werke wurden nach seinem Tode in einem Band veröffentlicht, "Le Cap Éternité", gefolgt von "Étoiles filantes" und "Traductions d'Horace" (1919).
43. abbé Apollinaire Gingras (1847-)
44. Casimir Hébert (1879-)
45. Michel Helbronner (Jacques Savane) (1876-)
46. Wilfrid Lalonde (1876-)
47. Blanche Lamontagne (1889-) war nach 1900 die erste, die die von Quebec in 1902 ausgehende literarische Bewegung der Regionalisierung durch die Société du Parler français aufgriff und innerhalb dieses Bereichs ihre Themen suchte. Die Bemühungen um die Volkssprache führten allmählich auch zur Behandlung vertrauter Themen aus der Tradition, den Sitten und dem Arbeitsleben, die sich in dieser Sprache behandeln ließen. Hiervon machte Blanche Lamontagne Gebrauch. Der erste Kongress des Parler français in Kanada krönte 1912 ihr erstes noch unausgegorenes Werk, die "Visions gaspésiennes" (1913) (Anm.: Das Gebiet der Halbinsel Gaspésie ist eine Reise wert. Gaspésie, eine weitläufige Halbinsel, die vom Sankt-Lorenz-Strom sowie vom Sankt-Lorenz-Golf begrenzt wird, ist ein geheimnisvoller Landstrich. An den Ufern fallen die Chic-Chocs Berge als schroffe Felsenküste zum Sankt-Lorenz-Strom ab. Die kleinen Fischerdörfer, in denen die Tradition noch sehr lebendig ist, bieten eine hervorragende Gelegenheit, die Gastfreundlichkeit der Bewohner auf die Probe zu stellen und die leckeren Meeresspezialiäten zu probieren. Der berühmte Percé Felsen ist eine ganz außergewöhnliche Sehenswürdigkeit: Das Dorf ist vom Cap Blanc sowie vom Mont Sainte-Anne, vom Mont Blanc, von den Trois Soeurs und dem Cap Barré umgeben. Die herrliche Aussicht von besagtem Felsen, der mitten im Meer liegt, sollte man sich nicht entgehen lassen. Der Forillon-Park, der an einer steilen Felsküste liegt, hat eine ganz außergewöhnliche Flora und Fauna zu bieten: ein Paradies für Hobby-Ornithologen und Tiere. Der Name der Region Gaspésie leitet sich vom Wort ?Gaspé? ab, das in der Sprache der Micmacs, die die Gegend seit tausenden von Jahren bewohnen ?Ende der Welt? bedeutet. (http://www.easyvoyage.de/kanada/die-halbinsel-gaspesie-578). In den späteren Sammlungen reifte sie, in "Par nos Champs et nos Rives" (1917), "La vieille Maison" (1920), "Les Trois Lyres" (1923), "La Moisson nouvelle" (1926), "Ma Gaspésie" (1928), "Dans la Brousse" (1935).
Blanche Lamontagne schöpft aus den Kindheitserinnerungen und der Natur ihrer engeren Heimat Gaspésie. Ihre Gedichte sind realistisch und deskriptiv und zeigen das einfache Landleben, sie sind gleichzeitig durchdrungen von einem wahren Idealismus, der ihnen einen tieferen Sinn verleiht und unsere besten Werte in religiöser Hinsicht vermittelt. Ihre Dichtung ist aufrichtig und in der Substanz kanadisch, allerdings wiederholt sie sich in ihren späteren Gedichtsammlungen. Sie hat auch in Prosa veröffentlicht: Récits et Légendes (1922) und einen Roman über kanadische Sitten: Un Coeur fidèle (1924). (Ich glaube, dies ist die einzige Frau in der doch langen Liste.)
48. J.-A. Lapointe (1878-)
49. Charles Leconte (1881-)
50. Napoléon Legendre (1841-1907)
51. Pamphile Lemay (1837-1918)
52. Joseph Lenoir-Rolland (1822-1861)
53. Albert Lozeau (1878-1924). Geboren in Montréal, wo er nach einem leidensvollen Leben, in dem das Leid eine harte Maitresse des Dichters war, auch starb. Mit vierzehn zog er sich eine Krankheit zu, die ihn ab achtzehn endgültig an das Bett oder den Krankenstuhl fesselte. In der Abgeschlossenheit seiner Kammer suchte er in den Büchern, in der klassischen und modernen Poesie, in den Werken, die er mochte, Trost in einem zerbrochenen Leben.
"L'Âme Solitaire" (1907), "Le Miroir des Jours" (1912), "Lauriers et Feuilles d'Érable" (1916) sind die drei Sammlungen, die er veröffentlichte. Nach seinem Tode wurden seine "Poésies complètes" (1926) in drei Bänden herausgegeben: "L'Âme Solitaire", "Le Miroir des Jours", "Les Images du Pays". Der letzte Band enthält vor den "Lauriers et Feuilles d'Érable" unveröffentlichte Gedichte, die der Autor noch selbst ausgewählt hatte. Es handelt sich also um eine definitive Ausgabe im Sinne Lozeaus. Man muss auch drei Serien der "Billets du Soir" (1911, 1912, 1918) erwähnen, die als kurze delikate Prosagedichte in Zeitschriften erschienen waren. Er meditierte über fast alle lyrischen Themen. Die Liebe, über die er in seiner Kammer träumte, inspirierte ihn zu feurigen kurzen, manchmal etwas artifiziellen Ausbrüchen. Die Einsamkeit, die Vergänglichkeit der Dinge und religiöse Gefühle ließen ihn Gedichte voll aufrichtiger Gefühle schreiben, so wie sie auch von seinen schmerzhaften Erfahrungen getragen werden. Obwohl er die Natur nur von seinem Fenster aus wahrnehmen konnte, setzten sich Formen und Farben wie kostbare Bilder in seinen Gedanken fest.
Albert Lozeau liebte es, seine Inspiration in die Form des Sonnetts zu fesseln, was seinen Niederschlag in der Wortwahl und im Stil findet. Einige Gedichte ähneln feinen Stickereien, und sie sind sehr überladen. Dennoch zählt sein Werk zur besten psychologischen Poesie, die bei uns in den ersten Jahren des 20. Jhs. erschienen ist.
54. Roger Maillet (1896-)
55. Félix-Gabriel Marchand (1832-1900)
56. Ernest Martel (1882-1915)
57. Édouard Massicotte (1867-)
58. Joseph Mermet (1775-1820)
59. Benjamin Michaud (1874-)
60. Dominique Mondelet (1799-1863)
61. Augustin-Norbert Morin (1803-1865)
62. Paul Morin (1889-) hat 1911 "Le Paon d'Émail" veröffentlicht. Dieses Buch war für unser Publikum eine Überraschung. Durch ihn gelangte die Kunst des Beschreibens um der Beschreibung und des Darstellens um der Darstellung willen in unsere kanadische Poesie und die ausschließliche Beschäftigung, die feinen Linien und die harmonischen Farben zu zeigen. Diese dilettantischen Arbeiten sind im Grunde heidnisch, aber sie zeugen von handwerklichem Geschick und Talent. Marmor und Blattwerk, Visionen des Orients und der griechischen Welt, Phantasien und Gefühle plastisch ausgedrückt, sind Hauptthemen des "Paon d'Émail". Eine weitere Sammlung sind die "Poèmes de cendre et d'or" (1922), die formvollendete Stücke enthält, aber eben auch Spuren einer Phantasie der Schwäche. Andererseits wird das Thema viel weiter ausgebreitet als in "Le Paon d'Émail"; der Dichter mischt Meditation in seine Beschreibungen, und gleichzeitig gibt es in dieser Sammlung einige der schönsten Gedichte, die je bei uns geschrieben wurden.
M. Paul Morin hat sich auch in freien Versen versucht und hat in Prosa eine thèse pour le doctorat dès lettres en Sorbonne: "Les Sources de L'oeuvre de Henry Wadsworth Longfellow" (1912) veröffentlicht.
63. Alfred Morisset (1843-1896)
64. Émile Nelligan (1882 [1879]-1941) war eine der größeren Hoffnungen der école littéraire. Seine Begabung wurde durch seine Depressionen verdunkelt. Er wurde in Montreal als Sohn eines Iren und einer Franko-Kanadierin geboren. Er war von lebhafter Intelligenz und vereinte in sich den gallischen Schwung und den keltischen Träumer. Diese Mischung erschöpfte sich in den Launen einer unbezähmbaren Jugend, die nur den krankhaften Gefühlen eines jungen Mannes weichen konnten. Er konnte seine klassischen Studien nicht vollenden und verzweifelte bei dem Gedanken, auf prosaische Weise seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Dies kommt in seinen Versen zum Ausdruck, die die ganze Unruhe seiner Seele offenbaren. Er definierte sich selbst in zwei unendlich traurigen Gedichten: "Mon âme" und "Le Vaisseau d'or". Seine Poesie geht aus dem Fieber seiner Vorstellungen und Gedanken hervor, zeigt ein überhitztes Temperament des Dichters, den die Traurigkeit übermannt, Begierden quälen und ohne Sinn für unsere nationalen und religiösen Traditionen, aber all dies beweist die Seele eines Künstlers, die sich sichtbar von Paul Verlaine, Charles Baudelaire oder Maurice Rollinat (Anm.: Wie blamabel! Ich lese den Namen bewusst zum ersten Mal: Maurice Rollinat: Son père, François Rollinat, était député de l'Indre à l'Assemblée constituante en 1848 et fut un grand ami de George Sand. Issu d'un milieu cultivé, Rollinat se met très tôt au piano, pour lequel il semble avoir de grandes facilités. Dans les années 1870, il écrit ses premiers poèmes. Il les fait lire à Sand, qui l'encourage à tenter sa chance à Paris. Il y publie son premier recueil Dans les brandes (1877), qu'il dédie à Sand mais qui ne connaît aucun succès. Il rejoint alors le groupe des Hydropathes, fondé par Émile Goudeau, où se rassemblent de jeunes poètes décadents se voulant anticléricaux, antipolitiques et antibourgeois. Plusieurs soirs par semaine, la salle du Chat noir, célèbre cabaret parisien, se remplit pour laisser place à l'impressionnant Rollinat. Seul au piano, le jeune poète exécute ses poèmes en musique. (Il mit aussi en musique les poèmes de Baudelaire). Son visage blême, qui inspira de nombreux peintres, et son aspect névralgique, exercent une formidable emprise sur les spectateurs. De nombreuses personnes s'évanouissent, parmi lesquelles notamment Leconte de Lisle et Oscar Wilde. Ses textes, allant du pastoral au macabre en passant par le fantastique, valent à Rollinat une brève consécration en 1883. Cette année-là, le poète publie Les Névroses, qui laisse les avis partagés. Certains voient en lui un génie ; d'autres, comme Verlaine dans Les Hommes d'aujourd'hui, un « sous-Baudelaire », doutant ainsi de sa sincérité poétique. Cependant, grâce aux témoignages et aux travaux biographiques, nous savons que Rollinat fut toute sa vie très tourmenté et que ses névralgies ne l'épargnèrent guère. Son ami Jules Barbey d'Aurevilly écrira que « Rollinat pourrait être supérieur à Baudelaire par la sincérité et la profondeur de son diabolisme ». Il qualifie Baudelaire de « diable en velours » et Rollinat de « diable en acier ». Malade et fatigué, Rollinat refuse d'être transformé en institution littéraire. Il se retire alors à Puy-Guillon, puis, en 1883, à Fresselines, proche de l'École de Crozant dans la Creuse, pour y continuer son œuvre. Il s'y entoure d'amis avec lesquels il partagera les dernières années de sa vie. En 1886, il publie l'Abîme, puis Paysages et Paysans ainsi qu'un recueil en prose, En errant. Alors que sa compagne, l'actrice Cécile Pouettre, meurt de la rage, Rollinat tente plusieurs fois de se suicider. Son ami le peintre Eugène Alluaud le veille et s'inquiète. Malade, probablement d'un cancer, le poète est transporté à la clinique du docteur Moreau à Ivry où il s'éteint en octobre 1903, à l'âge de 57 ans. Rollinat repose au cimetière Saint-Denis de Châteauroux. Il en était venu à être oublié de ses contemporains. Un de ses premiers biographes, l'écrivain et dramaturge Hugues Lapaire, rapporte que lors de l'enterrement, quelqu'un demanda à un vieux Berrichon qui était celui qu'on enterrait ; le vieux répondit : « un fameux pêcheur à la ligne ». La poésie de Rollinat : de la Nature à la condition humaine (http://fr.wikipedia.org/wiki/Maurice_Rollinat)), jedoch gibt er seinen Imitationen eine überaus sorgfältige Form. Er sucht nach bildhaften und originellen Wörtern, die Bilder oder die Harmonie wiedergeben. Nachlässigkeiten, die gewollt erscheinen, und unstimmige Exzentriken sind die Münze einer subtilen Kunst, die noch nicht ausgereift ist. Die Dichtungen Émile Nelligans sind in die Sammlung "Émile Nelligan et son oeuvre" (1903) aufgenommen. Mit neunzehn Jahren stürzt sich der kranke Dichter in die Traurigkeit seiner unerfüllten Träume. Er hatte einige unserer schönsten Verse geschrieben und gab zu den größten Hoffnungen Anlass. Lange war er der Ruhm und der lebende Kummer der École littéraire.
65. Jean Nolin (1898), qui a coloré des Cailloux (1919) jolis et légers.
66. Antonio Pelletier (1877-1917)
67. Pierre Petitclair (1813-1860)
68. Adolphe Poisson (1849-)
69. James Prendergast (1858-)
70. Joseph Quesnel (1749-1809)
71. Lucien Rainier (abbé Joseph Melançon) (1877-) hat mit "Avec ma vie" (1931) eine der besten frankokandischen Gedichtsammlungen geschaffen, eine Poesie des Bewusstseins, heiter und unruhig, befriedigend und schmerzlich. Er durchstreift die Windungen der Seele mit romantischem Selbstvertrauen in kurzen expressionistischen Gedichten, er tritt aber auch aus sich selbst heraus und sucht lyrische Themen in der Natur, um die Natur mit seinem Inneren zu verbinden. Andererseits jongliert er auch durch die Formen des Traums und Denkens, und diese schön, fein und ziseliert sein.
72. Adolphe Routhier (1839-)
73. Joseph-Hormisdas Roy (1865-)
74. Benjamin Sulte (1841-)
75. abbé Alfred Tremblay (1861-1921) Derpla (= abbé Alfred Tremblay), le poète de "L'Oiseau Mouche du Séminaire de Chicoutimi", dont on a rassemblé les Poèmes (1932), où parfois surgit une inspiration délicate et rêveuse.
76. Ernest Tremblay (1878-)
77. Jules Tremblay (1879-1927) Journalist, Übersetzer in Ottawa, schrieb zahlreiche Gedichte und Prosa. Gedichtsammlungen sind "Des Mots, des Vers" (1911), "Du Crépuscule aux Aubes" (1917), "Les Ferments" (1917), "Aromes du terroir" (1918), "Les Ailes qui montent" (1918). In Prosa veröffentlichte er zahlreiche Studien und kürzere Beiträge, vor allem einen aufwendigen Essai über die Regional bzw. Heimatliteratur, "Trouées dans les novales" (1921). Er hat künstlerischen Geschmack, einen speziellen Sinn für ausgefallene Effekte, neu, gesucht und so zu künstlich. Er bedient sich der Kunst für die Beschreibung, für den Ausdruck philosophischer und religiöser Gedanken und für patriotische Themen. Er hat mehr Erfolg mit den uns betreffenden Dingen als mit den großen philosophischen Themen.
78. Remi Tremblay (1847-), ein ungleichgewichtiger Autor mehrerer Gedichtsammlungen, darunter "Vers l'Idéal" (1912).
79. Joseph-Édouard Turcotte (1808-1864)
80. Émile Venne (Léo d’Yril) (1896-)
81. Émile Vézina (1876-)
82. Denis-Benjamin Viger (1774-1861)

Ein paar lose Enden habe ich noch:
Jean Bruchési, qui n'a donné que ses premiers "Coups d'ailes" (1922).
Françis des Roches, qui a chanté à Québec les "Brumes du soir" (1920).
Joseph Harvey, qui nous a donné, de l'Ouest canadien où il vit, un recueil aux grains très mêlés, intitulé "Les Épis de blé" (1923).
Louis-Joseph Chagnon, dont "La Chanson des érables" (1925) est d'une fort inégale harmonie.
Ulric Gingras, qui, s'inspirant surtout du terroir, a publié "La Chanson du paysan" (1917) et "Du soleil sur l'étang noir" (1933).
Jean Gillet qui, après de bien fragiles Paillettes (1933), a chanté "Brunes et Blondes" (1936).
Le Docteur Georges-A. Boucher qui, aux États-Unis, se souvient avec attendrissement de Québec, et a publié "Je me souviens" (1933) .
Gérard Martin a publié Le Temple (1939), que couronna le prix David.

Leider finde ich ein einzelnes Flugblatt nicht, das ich 1980 in Nanjing von einem englisch schreibenden kanadischen Dichter bekam - ich glaube, er war tatsächlich ein solcher, vielleicht ein wenig zu sehr shakespearisch. Wenn ich es finde, werde ich davon berichten.

Aus einer späteren Anthologie Junge amerikanische Literatur, herausgegeben von Walter Hasenclever. Berlin: Ullstein 1959 (Ullstein Buch 241) erfahre ich die Vornamen von Salinger, nämlich Jerome David und dass er schon mit fünfzehn Jahren Geschichten zu schreiben begann – und doch ist aus eigenem Recht wohl noch immer Thomas Chatterton – nicht wie der König von Rom aufgrund seiner Geburt – die jüngste Eintragung in verschiedenen Auflagen des Brockhaus.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Lesender Weise 5

Geld
Karl hatte sein Studium der Geschichte abgeschlossen, war Assistent gewesen, hatte sich leichten Herzens hochgedient, nur nach seiner Überzeugung – ohne sich zu prostituieren. Er war bedeutend genug, um bekannt zu sein, nicht bedeutend genug, um Ängste zu erzeugen. Kluge Menschen merkten bald, dass er nicht mehr wollte als das Leben zu Ende zu bringen, auch die klugen Menschen merkten nicht, daß in einem nur ihm bekannten Winkel der Seele er immer noch Katherine Mansfields something childish but very natural bewahrt hatte, obwohl er in schwachen Augenblicken, wenn er einem Menschen verfiel, an den er zu glauben glauben konnte – eine gefährliche Parallele zu „nicht Müssen müssen“, immer wieder versuchte, dieses Geheimnis einer fortbestehenden Kindheit preiszugeben.
Sein Glück verließ ihn nicht, und er war in Berlin Professor geworden, weil alle anderen ernsthaften Kandidaten sich in den Netzen rivalisierender, sich gegenseitig zerstörender Seilschaften verfingen und er selbst sich den Ruf eingehandelt hatte, er tue, was man ihm sage. Er war weiter gewandert und war bekannt genug geworden, so dass man mit seinem Namen nicht viel, aber hinreichend viel verband.

Ohne Vorbedingungen, d.h. nur gebunden an die Verfügbarkeit durch Karl, war Hannelore Münchberg bereit, hundert Millionen € in eine Stiftung für eine Universitätsgründung zu zahlen, eine schier unglaubliche Summe, mit der man als Köder viel, im laufenden Betrieb nicht ganz soviel erreichen konnte. Doch, sie hatte als ökonomisch denkende Frau mit sentimentalen Neigungen einen Wunsch, dass so bald wie möglich eine Dependence in Indien gegründet werde, ein College in Darjeeling und Acquirierungsbureaus in Agra und Madras in Anlehnung an das German Institute of Science and Technology der Technischen Universität München in Singapore, doch ohne unmittelbares Mitspracherecht der deutschen Industrie. Hier sollten die fähigen Köpfe für Deutschland ausgebildet werden, aber auch als Multiplikatoren für Deutschland in Indien selbst. Ausgebildet werden sollte in den Grenzbereichen zwischen Wirtschaft und Technik und in theoretischer Mathematik. Hannelore Münchberg hatte in Indien erfahren, wie alle zusammenströmenden Einflüsse in Indien ineinander glitten, Hinduismus, der Islam, das Christentum, der Säkularismus, Stalinismus, Liberalismus, Maoismus, der demokratische Sozialismus und der Gandhiismus. Es gab nicht einen Gedanken in Ost oder West, der nicht einem Inder durch den Kopf schoss. Sie war gefangen von der kulturellen Heterogenität und dem politischen Experiment der indischen Demokratie, glaubte, als Besonderheit die Kraft und das Selbstbewusstsein der indischen intellektuellen Traditionen im Kontrast zu jedem, aber auch zu seinem größeren Nachbarn China zu erkennen, dessen wissenschaftliche Traditionen durch den Totalitarismus zumindest eingeschläfert worden waren.
Durch diese finanziellen Möglichkeiten entfiel die Notwendigkeit, von Sozialingenieuren auf der grünen Wiese eine Eliteuniversität errichten zu lassen in der Art, wie das Fernsehen den klügsten deutschen Professor sucht. Es entfiel auch der Zwang, sich dem Vorbild der corporate university anzuschließen, man musste nicht Rädchen in einem Wirtschaftskombinat werden, sondern konnte selbst Zentrum eines Wissenskombinats sein. Man brauchte nicht darüber nachdenken, ob die Bezeichnung „Universität“ zu hoch gegriffen sei, ob nicht corporate academy die Intentionen besser träfe, oder management institute, oder leadership excellence, corporate learning oder learning & development, und doch sollte auch die universitäre Neugründung so effizient sein, dass sie wie ein Düsenjet während des Fluges betankt werden könnte.
Wie waren sie auf die Möglichkeit einer Stiftung gekommen? Natürlich hatte Karl im späteren Verlauf ihrer Freundschaft wie von Kinderseelen von seinen Plänen berichtet, doch vorsichtig darauf verzichtet, dabei seinen Zynismus zu zeigen. Es schien für Hannelore Münchberg nach zunächst langem Schweigen eine Möglichkeit, ihre einsam gewordene Intelligenz mit Sinn zu füllen. Sie befragte Karl nach den Finanzierungsmöglichkeiten, und er berichtete von seinen Versuchen in Wien, die er von seiner Seite abgebrochen hatte, von seinen jetzigen Überlegungen in Deutschland, dass der Kreis der Interessenten zwar groß sei, dass er fast überall Zustimmung erfahren habe, das Finanzierungsproblem jedoch nicht gelöst sei. Seine Hoffnungen, über die Kulturstiftung des Bundes – zur Anstalt denaturiert, da sie am Tropf der Gnade des Finanzministers hing – eine Anschubfinanzierung zu erreichen, seien nur gering, überhaupt sei der Anstoß das schwierigste.
Als Einzelkind und selber kinderlos begann Frau Münchberg, sich für den Gedanken einer Stiftung zu erwärmen und beriet sich mit ihrem Steuerberater und Anwalt. Gemeinsam kamen sie zu dem Ergebnis, dass, um die junge Universität auf sichere Beine zu stellen, neben der Siftung ähnliche Summen notwendig seien wie die, die Bayern München für seine Vermarktungsrechte erhielt. Ohne dass er es wusste, half überdies ein alter Freund Frau Münchbergs, der sich um Stiftung und Gemeinwohl der Universität Witten-Herdecke kümmerte und das Gesamtspektrum der möglichen Steuerbefreiungen in Deutschland kannte. Überdies veränderte sie zugunsten der Universität ihr Testament, wodurch diese nach ihrem Tode in den Besitz größerer Ländereien in Bayern und ganzer Häuserzeilen in München kommen sollte, ganz wie die reichen Klöster des Mittelalters und der frühen Neuzeit vor der Säkularisierung 1803. Hannelore Münchberg und Karl nahmen eine Korrespondenz der Freundschaft auf, die moderner als im 18.Jahrhundert sich aus Briefen, Telephonaten, Emails und SMSs zusammensetzte, je nachdem wie dringlich ein Gedankenaustausch war, ob es um das Glück kongenialer unbefangener Seelen ging, um juristische Finessen, schnelle Entscheidungen oder Hilferufe und sich doch nicht so sehr von den unbewussten Vorbildern unterschied in der vorsichtigen Annäherung und dem gegenseitigen Vertrauen, das alle Freiheiten ließ.
Mit diesen verbrieften Zusagen war Karl erfolgreich hausieren gegangen, denn eine solche immense Einzelstiftung war schließlich bisher nur aus den USA bekannt, die letzte der großherzig verführerischen Ruth Lilly für das Poetry Magazine in Chicago. Und so war Karl schließlich im Verbund mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung, dem Centrum für Hochschulentwicklung und dem Hause Bertelsmann einig geworden, den Versuch mit Gütersloh zu wagen. Karls Erfahrungen mit Gütersloh reichten bis in seine Kindheit zurück. Von dort stammte ein brauner Strickanzug, den er noch in der Erinnerung hasste. Dort hatte er Anfang der sechziger Jahre eine einsame Nacht eingeschlossen im Warteraum des Bahnhofs verbracht, als kurz vor der Raststätte Gütersloh das Auto endgültig zusammengebrochen war. Dort auch nahm er zum ersten Mal bewusst die wilhelminische Architektur wahr, ohne zu begreifen, dass sie sechzig Jahre später denkmalwürdig sein würde.

Samstag, 2. Oktober 2010

Lesender Weise 4

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Er kehrte von dem hoffnungslosen Versuch im österreichischen Wien nach Jahren in seine alte Heimat, in die föderale Bundesrepublik Deutschland zurück. Endlich hatte er seine pubertären Relikte hinter sich gelassen. Kurz nach Katherine war der Vater gestorben, weil er auch nach sieben Jahren nach einem mächtigen holländisch-chinesischen Essen der Versuchung nach einer Zigarette nicht widerstehen konnte und nach zwei Wochen bei seinem alten Pensum von zwei Päckchen Players am Tag, damals noch ohne Filter, angelangt war, und dies trotz der Ängste, die ihn sich an seine Frau klammern ließen, ihm angstvolle Nächte verursachten, nach den blutdrucksenkenden Pillen und dem Fläschchen mit Nitroglycerin greifen ließen. Nach nicht einmal einem halben Jahr war er vom Sessel gesunken, röchelnde Geräusche schienen zu zeigen, dass er noch lebte, doch war es vorbei in einer Zeit, in der die invasiven Eingriffe am Herzen noch nicht möglich waren. Die Mutter erinnerte sich, er war am Tag vor seinem Tode gewesen wie mit fünfundzwanzig Jahren vor etwas mehr als derselben Zeit, als sie sich umdrehte und ihn zum ersten Mal auf den Gartenterrassen von Schloß Augustusburg sah.
Karl war leichtfüßig durch die Welt getaumelt und hatte scheinbar Glück gehabt. Er hatte beruflich Fuß gefasst, ohne seine eigene Rolle einschätzen zu können. Er tanzte mit sich und war nicht in der Lage, seine Wirkung auf andere Menschen zu erkennen. Und so gelang es ihm nicht, Seelenfreundschaften zu schließen. Die anderen erkannten eine gewisse Freundlichkeit in ihm, nicht aber seine kaltschnäuzige Gleichgültigkeit. So näherten sie sich ihm, um sich bald wieder zurückzuziehen, und es blieben die Anlehnungsbedürftigen. Er lachte und scherzte mit einem milden Zynismus, echauffierte sich resignierend, las aber die Gesetze und Verordnungen und ließ sich so nicht ans Bein pinkeln.
Doch sind Erinnerungen vielleicht wieder einmal nur die Frage des Winkels zur Wahrheit. Es war jedesmal dasselbe, ein Mensch näherte sich ihm, und das machte ihn glücklich, weil er es selbst nicht vermochte. Vielleicht konnte er zeigen, was er meinte, aber nicht sagen, was er dachte. Das Leben war eine erinnerte distanzierte Zugreise nach Wien, bei der man auf dem Gang Mrs. Dalloway begegnete, oder ein bloß erhoffter osmotischer Vorgang. Der diskrete Charme allein genügte nicht. Er verstand nur das unmittelbare, nicht mehr verborgene Verlangen und verdeckte sein Unvermögen mit immer wiederholten Flirts um ihrer selbst willen, ohne auf die Wirkung zu achten. Doch das war nur seine Beziehung zu anderen Menschen, denn sein äußeres Glück ließ ihn nicht im Stich. In seiner Ehe lebte er neben einem anderen Menschen, meist mit Gleichmut und Hilfsbereitschaft. Er hatte es aufgegeben, Gedichte zu schreiben, es aufgegeben zu malen, weil es ihn verraten hätte, die Helligkeit eines Bildes als Fleck in der Mitte, der nicht der Austritt ins Licht war, sondern ein weiter verschwindender Rest, das Ende, nicht der Anfang von Mittelerde. Das Herz schmerzte, wenn die Zunge plauderte. Es gelang ihm, die Welt zu betrügen, sich scheinbar hinzugeben, seinem Gegenüber den Eindruck von Einzigartigkeit zu vermitteln. Aber nicht auf Dauer.
Karl hatte aber tatsächlich nichts dazu gelernt, im Gegenteil hatte er völlig verlernt, auf einen anderen Menschen zuzugehen, ihn aus Interesse, aus einem Bündel schließlich geordneter Gefühle zu verstehen. Für ihn selbst war das Ergebnis keineswegs strahlender. Eine Geschichte, die er nicht nur erzählen, sondern aus der er herauswachsen wollte, hatte ein Ende gefunden und ihn von einer weiteren Entwicklung ausgesperrt. Der Tod Katherines, seiner ersten fiktiven Liebe, und der seines Vater, dieses zurückhaltenden, nach innen lächelnden Menschen, der dadurch anderen einen Zugang gewährte, bedeutete, dass alle Netze, über denen Karl getanzt hatte, entfernt worden waren. Die starke Mutter war nur solange stark als sie vom Vater getragen wurde. Und so brach vieles vom Umfeld zusammen, nicht die praktische Seite, die plötzlich entdeckt wurde, als es notwendig wurde, sich durch das Leben zu schlängeln, weil es einen anderen Ausweg nicht gab. Und so gelang es Karl, mit minimalem Aufwand hinreichende Erfolge zu erzielen. Den Tanz durch mehrere deutsche Universitäten gab er auf, auf den Treppenstufen in der Sonne vor dem Freiburger Hauptgebäude auf sogenannte Freunde zu warten, die ebensowenig Lust hatten, sich in den Hörsaal zu begeben oder auf dem Rasen vor der Hamburger Mensa das gleiche zu tun, kehrte fast nach Düsseldorf zurück, das heißt, er gelangte bis Köln und begann, am Innenleben desinteressiert, für eine Scheinwelt zu leben.
Wie brachte Karl es nur fertig, daß alle, seine Mutter und Schwester, eine zeitweilige Clique in Wien, ihn entweder als Störenfried – du bist ein Bastard – oder als gestört ansahen? Sollte man alles nur auf Eifersucht zurückführen, die Possessivität der Mutter, das Familienbewußsein der Schwester, die Entlarvung der erwählten Führerin durch ihre irregeführte Hingabe? Oder war es das Halbe, nicht Vollzogene, das die anderen nicht wussten, aber spürten und wodurch sie sich gestört fühlten? Die Mutter versuchte, Karls Seele zu retten, der Vater hatte als einziger gelächelt, weil er die Halbheit erkannte und meinte und sicherlich nur hoffte, es werde vorbeigehen.
Für Karl hatte es nach einem Intermezzo zwischen Abitur und Studium in Wien ein erstes noch ernstgenommenes Semester in Hamburg gegeben, in das er Wien hineinzutragen suchte, das Leben mit Katherine. Dies war schwierig, wenn im Alsterhaus zu Kartoffeln als Gemüse Spaghetti serviert wurden. Voller Ernsthaftigkeit wollte er ein Seminar zu Römischer Rechtsgeschichte besuchen, wurde für zu jung befunden und abgelehnt. Er hatte ein merkwürdiges Zimmer hinter der Hoheluftbrücke in Eimsbüttel, im Erdgeschoß, mit einer Tür zum Vorgarten und einer fetten soldatischen Vermieterin, die stolz darauf war, die einzige Frau in der Waffen-SS gewesen zu sein. Sie war bereits Untermieterin, pflegte aber in Harvestehude einen kranken Mann, und Karl war Unteruntermieter mit dem Ergebnis, dass oft, wenn er nach Hause kam, sie überbordend in seinem Zimmer saß, einem engen Schlauch, der noch enger wurde, durch ein nicht benutzbares, weil abgeschlossenes Buffet – in der Sprache seiner Vermieterin ein Bévé, in dem sie ihr bestes „Servi“ aufbewahrte, durch einen Schrank, der sich ihm entgegensenkte, wenn er dessen Tür öffnete und durch eine Chaiselongue, auf der er mit verkrümmtem Rücken zu schlafen versuchte. Als er schließlich nach Wochen begann, die Zimmertür zu verschließen, gab es eine hässliche Auseinandersetzung um „mein“, „nein mein Zimmer“. Und doch genoss Karl die Skurrilität seiner Bleibe.
Es war ein schöner Sommer, wie alle Sommer der Vergangenheit. Vor der Mensa wurde gestreikt und gesonnt, und es war ein Jahr, in dem man Pettycoats zählte, besonders dreist war, wenn man am Saum bis sieben gelangte. Draußen in Flottbeck mähte man den Rasen, um sich das Abendessen zu verdienen, schaute den Mädchen zu, wenn sie mit Schaum auf einem Lotusblatt damit beschäftigt waren, sich die Beine zu rasieren, und man war von all den Sehnsüchten erfüllt, die ein Mensch haben kann, auch wenn man sich gleichzeitig wohlig schaurig an unter Strümpfen fixierte schwärzliche Haarkringel an Mädchenbeinen auf dem gymnasialen Schulweg erinnerte, etwa so wie an die Handschuhe auf Cranachbildern, auf denen die Ringtaschen Geschwüren ähnlicher waren als der Schönheit, der sie Raum gaben.
Danach kehrte man zurück in die schäbigen sonnigen Buden, so wie Karl. Es war ein genüsslicher Sommer voller Erwartungen und Hoffnungen, von denen er wusste. In der Pfingstwoche war er in den Harburger Bergen in einem kleinen Gasthof, dessen Wirt in eine von Karls Tanten verliebt gewesen war, als diese noch eine Schönheit war, Musikunterricht gab und nicht verriet, dass sie schwer in den Hüften und Beinen werden würde, so schwer, dass sie sich kaum mehr bewegen konnte und an ihrer Schwere starb. Karl lernte, worauf man in der Schokoladenproduktion achten musste, wie der Kakao gemahlen und wie man im Geschäft übers Ohr gehauen werden konnte. Und zu Himmelfahrt lagen die Schnapsleichen in den sandigen Hügeln. Es war ein wunderbarer Frühsommer, und niemand holte sich einen Schnupfen, nachdem er im Freien seinen Rausch ausgeschlafen hatte. In Bergedorf erntete man Erdbeeren vom Feld, und sie waren herrlich ekelhaft voll Würmer. Und bei einer alten Dame in der Johnsallee wohnte ein Jugendfreund von Karls Vater, der entsetzt darüber war, dass ein Junge auf der Reeperbahn nach unerfahrenen homosexuellen Erlebnissen Selbstmord beging, während er dabei versuchte, Karls Bauchdecke zu streicheln. Karl kannte ihn seit seiner Kindheit und schaffte es, der Berührung zu entgehen, eine Situation, in der ihm das auf dem häuslichen Teppich erworbene Buchwissen zur Hilfe kam. Doch ging das Bild eines guten Onkels verloren.
Vor dem Theater traf Karl einen berühmten Geiger, der den Abend mit ihm verbringen wollte, ihn mit auf sein Hotelzimmer in St. Georg nahm, sich in Unterhosen zeigte – doch konnte man unbeschadet durch die Welt gelangen und damit Voltaire bestätigen, und der Abend endete in einer chinesischen Budike dem Atlantic gegenüber mit einem Aufstand des Kochs, als Karl aus schlechter Gewohnheit zur Sojasauce griff und lernte, erst zu probieren, bevor er einen beabsichtigten Geschmack erstickte.
Dazwischen die Universitätsveranstaltungen noch im alten Gebäude auf der Moorweide oder in einem niedergelegten Reedereikontor an der Außenalster. Im Hof sah man noch die Umrisse des alten Namens, und über den Buchstabenschatten im ersten Stock tobte jede Woche ein Professor mit der immer gleichen Drohung, dass er auch noch den letzten Studenten aus seinen Lehrveranstaltungen ekeln werde, so gründlich, dass er aus dem Fenster springen würde. Einige hielten das aus, und auch Karl überlebte dieses Semester wie viele andere danach, professorale Aberrationen, dumme Witze wie den, dass jetzt etwas besprochen werde, währenddessen alle Jungfrauen den Hörsaal verlassen müssten, eine Provokation, um den jährlich wiederkehrenden Witz loszuwerden.
In diesem wunderbaren Sommer gab es auch einige Tage auf Sylt, die auf ihre Weise mit einer Linda hätten erfolgreich sein können, wenn Karl nicht so sicher gewesen wäre, wenn er nicht den Witz von Petru hätte widerlegen wollen, der herzzerreißend schluchzend hinter dem Sarg seiner jungen Frau Tamara wandelte und von einem Freund getröstet wurde: „Ja sie war eine wunderbare Frau, aber in sechs Monaten wirst du eine neue gefunden haben,“ und Petru erwiderte, „ja, in sechs Monaten, aber was mache ich heute abend?“ Tatsächlich tat er einem Menschen weh. Und er schämte sich deswegen sein Leben lang. Er sollte damit angeben, die Gelegenheiten ausmalen und überhöhen, hinreichend Erkundigungen anstellen, um seinen Lügen Authentizität zu verleihen, wenn in den nachfolgenden Sommermonaten Katherine ihn wegen seiner unvollendeten Ausschließlichkeit provozieren zu wollen schien und doch nur Bestätigung wollte, ausschließliches Objekt seiner Begierde zu sein.
Damals erinnerte sich Karl noch des Morgens an seine Träume. Er erwachte in steinerner Umgebung zu Füßen einer riesigen Statue und merkte, er war nackt. Doch blieb ihm keine Zeit, sich zu orientieren, da er Stimmen hörte und eilends sich, vor allem seine Scham – was für ein diskret die Phantasie weckendes Wort – zu verbergen suchte. Die Stimmen gehörten den Adoranten der steinernen Figur, die vor ihr ihre unverständlichen Anrufungen vornahmen. Aus seinem Versteck sah Karl zu ihnen und der Statue hinüber. Diese war nackt wie er und ihm ungemein vertraut, denn sie hatte seine Gesichtszüge, und so entdeckte er, er war ein Gott, ohne noch seine Macht zu kennen. Er war sich nicht sicher, wie die Gemeinde auf seine Entdeckung reagieren würden. War er nur ein Mäuseheros wie Apoll oder mächtig wie Marduk, der, ein eiserner Stier, in seiner Bauchhöhle die Opfer verglühen ließ? Es geschah in einer früheren Zeit, und Karl fürchtete, zu einem versklavten Gott zu werden und zwang sich aufzuwachen, zurückzukehren. Später erfuhr er, daß Phyromachos von Pergamon sein Schöpfer gewesen war.
Manchmal waren es Träume kaum mit einer Handlung, manchmal war der Schlaf im Traum sonnig und gleißend schön, dann war er ein Kind ohne Beine auf einem Eisblock, der wiederum auf einer Schaukel lag, die ohne Ende in einem kühlen grünen Gartenwinkel hin und her pendelte, den ganzen Tag des Traumes hindurch. Ohne ihre Bedeutung zu kennen, liebte er seine Träume, denn alles Unangenehme wurde in den Farben verschönt, auch eine entlang des Brustbeins gespaltene nackte Frau.

Das Zuhause bröckelte trotz verzweifelter Versuche der Mutter nur scheinbar langsam weg. Die Schwester verstand es, sich unauffällig hinauszustehlen, was ihr bis zum letzten aber nie gelang, so dass beide, sie und Karl, im Laufe der Jahre am schmerzhaften granny bashing beteiligt waren, groß und drohend über einer im Sessel sich vor sinnloser Verzweiflung krümmenden Mutter, da sie diese nicht bei sich behalten konnte.
In der Universität dachte Karl, an die enttäuschenden Anfänge in Hamburg zurück, viel zu früh hatte er dort im ersten Semester die Chance gehabt, einen Großmeister seines angeblichen Faches kennenzulernen, ohne dies wirklich zu erkennen. In Freiburg gab es nur eine Vorlesung, von der er erfüllt wurde, und dies war die Rechtsgeschichte bei Erik Wolf, der die ganze Empore des Vorlesungssaales zu füllen schien, wenn er über römisches Recht oder Radbruchsche Rechtsphilosophie sprach mit einer weißen Löwenmäne, als gehöre er noch zum George-Kreis, eine Erinnerung, die Karl lange weitertrug, bis auch diese befleckt wurde. Da Karl nie in der Jurisprudenz heimisch wurde, hatte er nur seinen persönlichen Eindruck mitgenommen, bis Jahrzehnte später jemand Erik Wolf zum Nationalsozialisten erklärte und Karl den teilweise tauglichen Versuch unternahm, mit Hilfe einer rundlichen und klugen Studentin seine naive Schwärmerei im Archiv zu retten.
Einer Corporation beizutreten, das brachte er nicht fertig, obwohl er sich einmal überreden ließ, an einem Kommers teilzunehmen, er allein nicht uniformiert, was aber auch nicht nötig war, da er zwar nicht nie, aber doch selten die Fassung soweit verlor, einen betressten Schutz tragen zu müssen. Die Corporation war bedeutend genug Anfang der sechziger Jahre, so daß er zum Corporationsball auf das Heidelberger Schloss eingeladen wurde und mit seiner Tischdame – wie schön konnten wir auch damals in anderer Weise den Schein waren –, die in ihrer Handtasche verborgene Whiskyflasche teilte. Sie hatte bereits Erfahrung, so wie kundige Reisende in den siebziger und noch achtziger Jahren Käsedosen auf ihren chinesischen Reisen mit sich führten. Stattdessen gab es den Sozialistischen Deutschen Studentenbund, der damals schon ernsthaft, aber eher darauf achtete, daß man nicht in eine Corporation eintrat, dafür aber das Hambacher Fest als Vorläufer des Nationalsozialismus ansah, doch beschränkte sich die Ernsthaftigkeit gern darauf, darauf zu bestehen, daß man nicht wie im Byzantion in Athen vor der Mensa zu viele Stühle belegte oder die Schuhe auf einen davon legte, d.h. er war also weniger amüsant als die Vereinigung der studentischen Photofreunde. Gobineau war nicht mehr bekannt, dafür aber Max Stirner wieder. Viele Jahre später, als Karl schon glaubte, Corporationen hätten sich längst überlebt, hatte seine Tochter plötzlich einen Freund aus diesem Milieu, und die ganze Familie suchte gemeinsam nach Entschuldigungsgründen: wenn schon nicht die Corporierten die ganze Alexanderschlacht nachstellen konnten, so ließ sich doch der Freund als halber Kanake für die Guten retten.
Und so eilten die Jahre davon mit nächtlichen Reisen durch Teile von Deutschland, oft in den Westerwald in ein zerschlafenes Bett, um kurze Abenteuer zu erleben, um Pläne zu machen, von denen man wußte, daß es nur Pläne waren. Karl fing ein und wurde eingefangen bis zu Augenblicken, in denen die andere glaubte, jetzt könnten sie gemeinsam an die Einrichtung einer bürgerlichen Wohnung gehen. Es war noch eine Zeit, wo der etwas ältere Freund Karls, Werner, davon sprechen konnte, daß ihm sein Schwiegervater noch ein Herrenzimmer schulde für die Vierzimmerwohnung in Gehweite vom Monte Scherbelino.
Die Autos, die man fuhr, wurden immer rostiger, und schließlich kannte man ohne Diagnosegeräte alle ihre Innereien, nachdem man fast ungebremst vom Hunsrück ins Moseltal zu gelangen gesucht hatte. Und an sommerlichen Nachmittagen suchte man sich ein Plätzchen, um mit Glasfaser die Roststellen abzukleben, oft war es eine stillgelegte Mühle zwischen Düsseldorf und Kaiserswerth, mit verblichenen Liegestühlen, von denen aus man Arbeit, Libellen und den Wind beobachten konnte. Sie gehörte einer Künstlerin, die aus Fischgräten und Stoffstücken dämonische Puppen schuf. Dies war dann auch der Ort, wo man über die anderen Ungerechtigkeiten dieser Welt diskutierte, an wen nämlich in diesem, im letzten oder im kommenden Jahr die Gelder für Kunst an öffentlich-rechtlichen Bauten gefallen waren, fallen würden und hätten fallen sollen, wo der inflationäre und überteuerte Einsatz Moorescher Liegender und Marinischer Reiter bis in die Kleinstädte hinein und vor nachgeordneten Regierungsstellen beklagt wurde und stattdessen dem Gummibaum im Verein mit den eigenen Arbeiten der Vorzug gegeben wurde. Karl nutzte diesen Ort nicht nur für die Reparaturen am Auto, sondern auch, um sich auf seine Examina vorzubereiten und zwar von relevanten Personen unbeobachtet fast mit langfristigen Folgen eine doch nur zeitweilige Freundin zu treffen.
Karl mochte die Menschen einschließlich seiner eigenen Person nicht mehr, und das Dasein wurde zu Spielerei. Er begann, Dossiers über die Menschen anzufertigen, die er traf, möglichst mit den dazugehörigen Photographien, am liebsten in der Art von Fahndungsphotos, mit Verzeichnissen ihrer Fähigkeiten, ihrer Selbsteinschätzung, ihrer Schwächen und ihrer Verbindungen. Die Erkenntnisse übertrug er auf Lochkarten, und des Nachts schlich er dann in die verschiedenen Keller seines Lebens, um die entsprechenden Profile zu sichten. Und diese erweiterte er fast jeden Tag, um sie vielleicht bei Gelegenheit zu nutzen.
Es war wohl nur ein Sommer in dieser Idylle in einer Künstlerkolonie am Rande der Stadt. Karl gehörte nicht dazu, nur als Anhängsel zu zwei Damen hatte er ein schwaches Hausrecht, und eine von ihnen verfügte über ihn, die andere zeigte sich wenig später im Herbst als Heiliger Georg. Dazwischen lagen die eindeutigen Vereinnahmungsversuche, die Forderungen nach der Aufhebung des Karl so passenden Schwebezustands, indem eben öffentlich von gemeinsamem Möbelkauf, Vorhängen und der dazugehörigen Wohnung gesprochen wurde. Und im Herbst war er schuldlos und im Innersten gern allein und wurde einmalig von der Heiligen Georgina im kleinen Schwarzen gerettet nach einer zunächst aggressiven und giftigen Konversation, die in gegenseitigem Verständnis nach Waffeln, Weißwein, sich Übergeben, die sauren Lippen küssen und einander streicheln endete. Karl sah Georgina nie wieder, doch der gegenseitige Abschied nach vergeblichen kichernden Vereinigungsversuchen ohne Zorn und Verzweiflung um drei Uhr nachts und am nächsten Tag geschriebene Briefe voller gegenseitiger befriedigter Zuneigung hatte beiden für Jahre Kraft gegeben, den Glauben, verstanden zu werden.
Zweifellos geschah eine Menge in der Welt, die hinter dem Studium und dem Geldverdienen, abendlichen Skat- oder Pokerpartien in der Kneipe an der Oper mit dem aufdringlich verliebten Wirt und einem kleinen engeren Freundeskreis zur Bedeutungslosigkeit schrumpfte. Da waren die merkwürdiger Weise skurrilen Gesellschaften in der britischen Militärkolonie zwischen Düsseldorf und Rheindalen mit unbefriedigten Offiziersfrauen, ratlosen Töchtern zwischen verkommenden Ehen, allzu wichtigen Männern und Vätern, die am späteren Abend wegzudösen pflegten und Müttern und Ehefrauen, die sich benahmen fast wie auf einer Mutzborgschen Party, bei denen Henry, der Gastgeber, immer wieder passend das Licht ausmachte und im falschen Augenblick wieder an. Aber oft war dann bereits geklärt, ob zu einem späteren Zeitpunkt die Hand zum Handschuh passe, und alle Beteiligten – selbst die am Anfang ihres Lebens – gaben sich dem Glauben hin, sie lebten noch.
Da waren die selteneren Ausflüge an die holländische Küste mit Spannungen, Auseinandersetzungen und Lügen durch das Telephon. Davon geblieben sind die Holbeinteppiche auf den Gasthaustischen in Amsterdam, der geeiste Sherry, die Fachkenntnisse über die verschiedenen Sorten Genever und eine Anknüpfung an das intellektuelle Herz der Niederlande, Leiden, wichtig für die Zukunft als Uni-
versitäts- und Verlagsort. Da waren die jährlichen Reisen nach Norwegen, mit heimlichen anonymen Abstechern nach Kongens Næstved, doch mit Kontaktaufnahmen in Oslo und København, dazu in Oslo die langen Sitzungen in Damms Antikvariat in Eckersbergsgaten, wo lange im Keller verborgen eine japanische Ausgabe des Sancai tuhui, der illustrierten chinesischen Sammlung alles menschlich Erfassbaren aus dem 18. Jahrhundert stand, die dem Arzt Adolf Fonahn gehört hatte, zu teuer für Karl, bis sie eines Tages von einem Künstler mit Staatsunterstützung erworben wurde, der sie zu Collagen verarbeitete; wo Karl an einem Straßenstand für fünf Kronen The Waves von Virginia Woolf in der Erstausgabe, allerdings ohne Schutzumschlag, auftreiben konnte, für hundert Hehns Kulturpflanzen aus der Bibliothek Harry Fetts, während er in København für Three Guineas mit Schutzumschlag fünfunddreißig zahlen mußte, für Hundhausens Reisen eines Secretarius nach China sogar einhundertundfünfzig. Sie allerdings landeten sehr viel später als Geschenk in van Groningens imponierender Bibliothek.
1966 wurde die Geschlechtertrennung in deutschen Studentenheimen aufgehoben, so dass allmählich der Reiz des Verbotenen und die Ingeniösität im Schaffen von Möglichkeiten in Vergessenheit geriet. Karl erinnerte sich an endlose Diskussionen über eben dieses Thema, wenn sie um einen großen Tisch zusammen saßen und die erste der Damen aus der randständigen Düsseldorfer Mühle in Anlehnung an napoleonische Karikaturen ihre Finger nicht zwischen die Knöpfe seiner Jacke steckte, sondern unter dem Tisch in Karls Hosenschlitz. Sie lehrte ihn auch, wie man einander nicht noch näher kommen konnte. Danach verzweifelte man nicht mehr über verschlossene Türen oder im Erdgeschoß klemmende Fenster. Dies war ein erster Schritt zu den folgenden Revolutionen.
Auch hier füllte er seine langsam anwachsenden Dossiers mit den schriftstellerischen Versuchen dänischer Professoren, den Autovorlieben norwegischer und den verschiedenen Vorlieben in seinem Umfeld. Und er nahm sich die Gewissenhaftigkeit seiner Schwester zum Vorbild, mit Grüßen zu den Feiertagen und intelligenten Anfragen – da sie dem Gefragten schmeichelten – die meisten Kontakte aufrechtzuerhalten. Überhaupt strotzten die kleinen europäischen Länder von angelsächsischer Nachkriegsinternationalität. Deutsch wurde abgesehen von Zahnmedizinstudenten und Teilen der älteren Generation nicht mehr gesprochen. Hier knüpfte Karl Freundschaften fürs Leben, zum Teil, wie sich zeigen sollte, über die nächste Generation hinweg, und diese nicht nur mit den „we were the children“ von Arthur Ransome, sondern auch mit Menschen, die auf der Toilette Partituren oder Kulinarisches lasen.
Karl wurde promoviert, bevor die nachfolgenden Studentenjahrgänge mit unbelastetem Gewissen erneut das Leid dieser Welt auf sich nehmen konnten und sie verbessern wollten, während er selbst noch mit Erinnerungen aufgewachsen war, wenn auch ohne das Empfinden, Schuld auf sich geladen zu haben. An der Universität zu Köln, die gewiß nicht zu den Zentren des neuen Aufbruchs gehörte, wurde von Studenten der neue Namenszug Rosa-Luxemburg-Universität über dem Haupteingang angebracht, die Verantwortlichen ließen im Gegenzug die Türen an der Front des Hauptgebäudes zuschweißen. Im Rücken dieser Aktivitäten strömten wie eh und je andere Studenten von Köln-Süd durch die Hintereingänge hinein, in die Cafeteria, die Hörsäle und Seminarbibliotheken. Man sah – gewiss bereits die meisten – oder hörte und las von Berlin, Heidelberg oder Frankfurt, doch hatte Köln wenigstens Professor Rubin, der die Gemüter erhitzte und seinen kleingewachsenen japanischen Assistenten zum Schutz vor den Angreifern unter die Türklinke schob, nachdem dieser gerade seine schöne Dissertation über Prokops Rätselwort mit genüßlichen Passagen aus Horaz über die dekadente römische Verwendung chinesischer Seide abgeschlossen hatte. Die Geräusche aus der großen deutschen Welt in Verbindung mit dem globalen antiamerikanischen Widerstand pro Vietnam drangen gedämpft auch bis Köln. Unter den Assistenten rumorte es ein wenig, und es bildeten sich neuartige Verbünde mit den alten Methoden des Telephonzirkels. Zu einer Lichtgestalt wurde der Germanist, Professor Conradi, als sanfter und schließlich resignierender Empörer.
Nicht auf dem Heidelberger Schloß, sondern an der dortigen Universität traf Karl Anfang der siebziger Jahre auch Inez Jentner wieder. Dies war eine schwache, falsche Erinnerung an Wien. Noch immer studierte sie Germanistik und Soziologie, war fortgeschrittene Studentin, saß an ihrer Dissertation über kommunistische Historiographie als literarisches Genre, und ihre Acne hatte Spuren hinterlassen, war aber ausgetrocknet und vernarbt. Nicht aber ihre Seele, verwundbar, leidenschaftlich und böse wie eh und je, als habe sie alle Gefühle, zu denen sie fähig war, in den Haß gelegt. Sie war auf dem Weg, ihr Fach, die Universität, das Land und schließlich die Welt in Grau zu revolutionieren. Nichts durfte schöner sein als sie. Die Freude mußte erstickt werden. Wegen der größeren Spielwiese und geringeren Konkurrenz hatte sie die Fächer gewählt, die sie studierte. Hier hatte sie ihre Rolle als Jeanne d’Arc mit kleinbürgerlichem Pathos wider die eigene Enge, die sie bei allen anderen vermutete, gefunden. Sie schrieb noch vor 1968 ihre ersten Beiträge in studentischen Blättern über das „Erkenne dich selbst“ in deinem Beschäftigungs-, natürlich Forschungsgegenstand, und sie glaubte, erkannt zu haben, dass ihre Wissenschaft die Akteure ihres Gegenstandes vernachlässige und sogar verachte, zumindest aber missachte. Sie vermutete überall die gleiche von ihr selbst sublimierte Unfähigkeit kritischer, heiterer, leidenschaftlicher Akzeptanz. Nicht Hinschauen, Lesen, Wahrnehmen war ihr Metier, sondern die Annahme des Bösen in ihrer Gesellschaft. Und so fragte sie anlässlich eines unbefangenen Vortrags zur Geschichte ihrer Fächer, „es kann doch nicht sein, daß europäische Gelehrte so bereitwillig wie vorgetragen ihre chinesischen oder arabischen Kollegen in die wissenschaftliche Gemeinschaft aufgenommen haben.“ Sie schuf sich eine manichäische Welt, ohne zu wissen, dass es diese Vorstellung längst gab und immer wieder überwunden wurde und suchte bei den Antipoden das Weiße, Gute, Helle aufgrund ihrer Wahrnehmung des eigenen, übertrug ihre eigene Wahrnehmungsfähigkeit auf die anderen, und nur selten brach eine schnell wieder zurückgedrängte Ahnung von bestehender Unbefangenheit hervor. Im Gegenteil war sie eine Meisterin der Guillotine.
Das Treffen war zufällig, da sie keine gemeinsamen Fächer hatten, und ihre erste, von Karl längst vergessene Begegnung war noch gewesen, als Karl nur Katherine wahrgenommen hatte, noch nicht mit den Dossiers über die verkrüppelten Enden des Menschen begonnen hatte. Sie saßen also auf einem der informellen Treffen am Anfang der siebziger Jahre zusammen, in denen sich der Hass auf die repressive Toleranz der Elterngeneration Bahn brach, nicht mehr die Restauration einer vor unserer Zeit verlorenen Welt versucht wurde, sondern die Zukunft utopisch gestaltet werden sollte, die Relevanz der Ernsthaftigkeit und Verbissenheit postuliert wurde, der absoluten Innovation der Weg frei gemacht werden sollte. Und da eben saß auch Inez Jentner als Vertreterin ihrer die Wahrheit gefunden habenden Gruppierung auf dem Marsch hinaus aus dem Elfenbeinturm der Universität, als ungeduldige Jugend, die nicht mehr auf die Macht warten wollte bis sie selbst so muffig war wie die, die sie als fressendes Gift bekämpfte, und den Nowak hatte sie noch nicht verschlungen. Und der Nowak war noch nicht dorthingegangen, wo sich die civiliter Seeligen aufzuhalten pflegen, an jenem Ort, der Ausland genannt werden könnte, und von dem aus sie am Tage die Freiheit haben, spuken zu gehen.
Sie sprach mit leiser bis ins Mark überzeugter Stimme von einer neuen gerechten Welt, in der die Guillotine nicht zur Ruhe kommen sollte, bis jene Hydra des verrotteten Establishments endgültig ausgemerzt sei. So bekamen die Wörter aus dem Wörterbuch des Unmenschen eine sinnhafte, wieder vertretbare Bedeutung im Kampf gegen das angenommene Böse. Was Karl damals noch auf dem Treffen am besten gefiel, war die Schnelligkeit, mit der unter anderen auch von Inez Jentner die Finger zum Redebeitrag gehoben wurden, da man nicht zuhörte, aber wusste, dass die anderen Unsinn vortrugen. Für sich genommen war dies Treffen nur eine Episode, aber für einige wie Karl ein Fingerzeig dafür, dass ein neuer, noch miefigerer Wind durch Westdeutschland wehte, der Beliebigkeit und Vielfalt nicht dulden wollte, zweifellos ein Grund, das Dossier in den Abend- und Nachtstunden nach solchen Erlebnissen Seite um Seite zu füllen. In dieser Zeit saß Karl gerade auf seiner ersten Assistentenstelle, antichambrierte im Ministerium mit dem vermeintlichen Interesse, Universität und Schule enger miteinander zu verknüpfen, aber so lernte er die Leute kennen, die er als sein Netzwerk bezeichnen konnte.
Er kümmerte sich um sein berufliches Fortkommen, besuchte Kongresse, publizierte ein wenig, saß an seiner Habilitation, erkannte nicht, wie valiumgesättigt die Mutter war. Die Sorge um sie war eine dieser törichten Ausreden, die man findet, wenn man zur Hingabe nicht mehr fähig ist, es nie war. Einen Sommer fuhr Karl genüsslich allein drei Monate durch England bis zur Lehmhütte in Hope Cove zu Barbara Biggs und Bronwen Godfrey-Evans und durch Schottland bis nach Peterhead, um das Gefängnis aus der Kriminallektüre zu sehen. In der Erinnerung blieb eine Museumsdame in Edinburgh, mit der er nie in Berührung kam, und doch tauchte sie später immer wieder mit sehnsüchtigem Bedauern in seiner Erinnerung auf, wie sie auf Holzpantinen in der Mittagspause über die Georgestreet klapperte und wo er sie immer wieder wohl tatsächlich in den drei Wochen, die er blieb, zufällig traf. Sie war ein weiteres Bruchstück nicht erinnerbarer Erinnerungen. Getroffen hatte er sie bei einer Führung, wo sie eine besondere schottische Stickweise, eben nicht petit point erklärte. Nie war er ihr näher und kurz davor, sie zum Essen einzuladen. Dann war auch diese Gelegenheit vorbei. Von dieser Reise blieb seine Zuneigung zu George Borrow. Es blieb aber auch der Haggis im Beehive und der unvergeßliche Geschmack, der sich aus Orangen und mit Fischmehl gemästeten Enten entwickelte.
Und weiter gingen die Jahre. Nicht die Revolution, sondern die Revolutionäre im zweiten Glied, die die Revolution für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert hatten, die mitgelaufenen Revolutionäre siegten physisch, indem sie nun die Träger der Gesellschaft waren und Erklärungen oder Ausflüchte suchten wie die, die sie ihrer Elterngeneration vorgeworfen hatten. „Nur, wer dabei war, kann unser Handeln oder Nichthandeln verstehen.“
Es kam zum Siegeszug der Sozialwissenschaften über die Geisteswissenschaften mit der vordringlichen Zielsetzung, sich selbst im anderen zu erkennen, auch wenn es einige als Wunsch formulierten zu erkennen, was die Welt im innersten zusammenhält, andere darunter die Behandlung der Gegenwart als Geschichte verstanden. Neugier war nicht mehr erlaubt. Es wurden Studienordnungen in den Universitäten erstritten, in denen die Gegenwart mit einer Stunde Null begann, weil die Nachkriegsverdrängung verdrängt, die Sünden der Eltern- und Großelterngenerationen verdammt, der europäische Imperialismus, der westliche Kolonialismus als Schandmal, die eigene Gesamtgeschichte als angeborener Fehler, das eigene Urteil als Wahrheit postuliert wurden. Und allen, die dem Glaubensbekenntnis des wertfreien und doch determinierten Globalismus nicht folgten, wurde voller Verachtung geraten, sich an eine andere Universität zu begeben. Einmal mehr suchte man bei den Antipoden die Erlösung von dem Übel. War es in den zwanziger Jahren östliche Esoterik, war es jetzt die gesellschaftliche Realität und die Rettung durch die chinesische Große Proletarische Kulturrevolution, die einige mit der gleichen Begeisterung erlebt hatten wie ihre Initiatoren die britischen Strafvollzugsreformen im 19. Jahrhundert, wenn sie auf dem Sportplatz der Pekinger Universität schweres Sportgerät von der einen Ecke in die andere und wieder zurück tragen durften. Dieses Hin- und Herschleppen im Verein mit einem Sommeraufenthalt in der Bekaa-Ebene prägte auch Inez Jentners Weltbild in den künftigen Jahren, doch nichts nützte mehr als die regelmäßigen Besuche im Zwiebelfisch. Hier traf sie sich mit Gesinnungsgenossen, mit denen nämlich, die nach oben wollten, und sie dachten geringschätzig von dem Bierdeckelmaler, der ihre Lebenslinie von links unten nach rechts oben vorzeichnete, von der glühenden außerparlamentarischen Opposition zum Einsatz der Instrumente zur Machtvermehrung und zum Machterhalt, so erfolgreich, dass jede ihrer einstweiligen Verfügungen gegen die Behauptung, sie seien IMs gewesen, von Erfolg gekrönt war.
Es war dies dieses spezielle Verhalten sich bildender Großreiche der Weidenomaden. Wie zur Wahl des Häuptlings waren die Prätendenten gleichen Willens nach West-Berlin geströmt, und die Klügeren, die mit dem besseren Geruchssinn, hatten sich regelmäßig im Zwiebelfisch getroffen.
Und so machte sie sich selbst vergessend in der ständigen Wiederholung – oder wie sie es nannte: Erneuerung bzw. Innovation, in genialer Epigonalität im deutschen universitären Leben unentbehrlich, berief sich auf Francis Bacon, der die Zeit zur mächtigsten Erneuerin erklärt hatte, und – wenn ihr Entdeckung drohte wie den Schneidern – kämpfte sie erfolgreich mit ihrem Netzwerk der inzwischen verschleierten Spartakiade, ihrer Unentbehrlichkeit, weil unbegrenzten Willigkeit, mit provokativen Handlungen, indem sie sich selber faule Sardinen in den eigenen Briefkasten bugsierte, Loyalität und Unterstützung fand, die sie gnädig honorierte wie ein bestechlicher Beamter in den öffentlichen Baudezernaten und schließlich mit ihrem schamlosen Willen zur Macht.
Sie hatte schweigen gelernt, was ihre Person anbelangt, kannte die für weiterführende und erfolgreiche Diskussionen notwendigen Versatzstücke von Bourdieu bis in die Unendlichkeit, und versagte ihr gerissener Intellekt, dann hatte sie entweder genügend Sozialkapital angehäuft oder sie beherrschte die unendliche zermürbende Beharrlichkeit der Verweigerung, und versagte auch dieses Talent, blätterte sie in ihren Dossiers nach zur Durchsetzung ihres Wollens geeigneter Tabubrüche gegen deutsche political correctness durch ihre Gegner. Dazu hatte sie Telephonaten gelauscht, heimlich Kassettenrecorder mitlaufen lassen, hatte auf den Schreibtischen ihrer Chefs und Mitarbeiter und selbst in den Papierkörben gewühlt und nicht zuletzt zwischen den Zeilen gelesen, zu allerletzt zu Lügen gegriffen, die sie im nächsten Augenblick wieder verdrängte, wenn der Betroffene sie zu spät, weil bereits gesagt, widerlegen konnte. So konnte sie auch rigoros die differenzierende, in den Nuancen nachvollziehbare Verteidigung des Vaters durch den Sohn rigoros verwerfen, wenn es galt, kostenlos und im Nachhinein noch Heidegger oder Erik Wolf zu vernichten. Was sie tat, hatte große Ähnlichkeit mit nicht justiziablen Insidergeschäften, und sie tat es keineswegs ungeschickter als Martha Stewart mit offener handfester Bereitwilligkeit, Aufgaben an sich zu ziehen und erfolgreich zu bewältigen, die den Kollegen lästig waren. Gleichzeitig war sie zur meist nicht erkennbaren Intrigue fähig, ihre Gegner oder nur Rivalen so zu vereinzeln, dass nie der Teppich sichtbar wurde, den sie knüpfte, bevor er nicht vollendet war. Und erst als letzten, wenn auch sich häufenden Ausweg mobilisierte sie ihre grenzenlose Hartnäckigkeit und begab sich dann in einen Zustand der Totenstarre, in dem sie zur Wahrnehmung ihrer schließlichen Torheit nicht mehr fähig war, um unvermittelt aus Jahrhunderte alter Erfahrung, dass Beharrlichkeit den Gegner auslaugt, zur scheinbaren Vernunft zurückzukehren.
Die Spielernatur Karls war dieser Konsequenz, wenn sie aufeinanderstießen, nicht gewachsen. Es fehlte ihr das Lächeln und der bewusste Mut zur Lächerlichkeit. Und, um es mit der Wahl von Waffen zu vergleichen, die Konsequenz und Hartnäckigkeit war schwerstes und unelegantes Geschütz. Aber keineswegs war Karl der einzige, den sie an sich zerschellen ließ. So mancher überschätzte sich in der Auseinandersetzung mit ihr, weil er die Truppen hinter ihr nicht erkannte und sich die treffenden Waffen leichtfertig aus der Hand schlagen ließ. So war es Professor Altmann ergangen, einem dieser strahlenden davongekommenen Achtundsechziger, der sich von seinem zugegebenermaßen brillanten Intellekt und aus der sich daraus ergebenden trügerischen Souveränität dazu hatte hinreißen lassen, ihren aufstrebenden Einfluß im Keime ersticken zu wollen, indem er einen offenen Brief an die gemeinsame Universitätsspitze schrieb, ihr Netzwerk der immer einflussreicheren Mittelmäßigkeit zu zerreißen. Er ließ sich verleiten, rechts und links der physischen Promiskuität und gegenseitigen Förderung zu verdächtigen, als habe er unter dem Bett gelegen und gelauscht. Das Ende war, dass er sich auf diesem Nebenkriegsschauplatz verteidigen und schließlich entschuldigen musste, so dass der klamme, zähe Aufstieg kein Thema mehr war, sondern weiterging und Inez Jentner, diese scheinbar unscheinbare Frau einen kaum mehr anfechtbaren Status erlangte. Wäre sie eine Ptolemäerin gewesen und als Nebengottheit mit einem granitenen Standbild im Tempel geehrt worden, wäre ihre von Acne zernarbte Haut nicht erkennbar gewesen, jedoch ihr oft und fast praxitelisches Lächeln. Auch spätere Versuche eines ungeduldigen Kollegen, in der Taz eine diffamierende Schmierenkomödie zu inszenieren, konnten ihr danach nichts mehr anhaben. Im Gegenteil verschob sich die Außenansicht derart, dass es selbst in einem sonst wohlwollenden Nachruf auf ihn hieß, er habe zu sehr das akademische Ränkespiel geliebt, obwohl er nur jedesmal zu unvorbereitet in die Schlacht geritten war. Sie glitt auf der Frauenschiene erfolgreich und strafend durch die Landschaft wie auf einem Hexenbesen, und alle, die zu bequem, nicht in Berlin gewesen waren oder glaubten, auf die üblich angenommene Weise aufsteigen zu können, konnten sich nicht vorstellen, dass die nächtlichen Sitzungen im Zwiebelfisch für eine Karriere so wichtig gewesen sein konnten. Sie verstand sich auf das Geschäft. Vor Dritten ging sie lächelnd auf ihre möglichen Feinde zu, um ihnen den Judaskuss zu geben, versuchte aber nie, sich der dreißig Silberlinge zu entledigen. Niemand, den sie nicht berührte, konnte verstehen, dass dies oft ein Todesbiss war, als schnelle der überlange Hals des Protorosauriers Dinocephalosaurus orientalis mit dem Kopf und dem Maul voller Reißzähne kaum sichtbar für sein Opfer hervor.
Erst als sie auf dem Höhepunkt einer begrenzten Macht angekommen war, aufgestiegen war zu einer der an ihrer Universität gehörten mitbestimmenden Stimmen, verlor sie die Machbarkeit und die notwendige Geduld ein wenig aus den Augen. Sie lehnte alles ab, was ihrer Machtbehauptung abträglich erschien, beanspruchte arbitrix Germaniae elegantiarum zu sein, Maßstäbe zu setzen wie der chinesische Kaiser in Kalligraphie, Malerei, Poesie und Wissenschaft, doch war sie nicht konsequent, weil sie die zunächst Verurteilten hinterher umarmte und bedauerte, als sei ein anderes Ich für die Vernichtungsaktionen verantwortlich. Zu viele ihrer Zwiebelfisch-Genossen hatte sie überdies gefressen, so dass ihr Flankenschutz schließlich geschwächt war. Sie hatte daraus gewonnene Pfründen anderer an sich gerissen und ein wenig das Augenmaß für das Mögliche verloren. Doch genügte eine einzige überlebende Zelle, damit sie sich wieder generierte. Und immer wieder, wenn er mit ihr zusammenstieß, fragte sich Karl, ob sie einen intellektuellen Kern besäße – oder nur ein dichtes Bündel von Instinkten sei und durch ihren Machtwillen die anderen gefügig mache.
Es war auf dem direkten Aufstieg zur Macht, dass anlässlich der Vorstellung eines Bandes mit osteuropäischen Quellen zu einem größeren Aufstieg in den zwanziger Jahren der Nowak eingeladen und geschmeichelt, wie es sich für halbe Prominenz gehört, nach Berlin kam. Er ahnte nicht, dass seine Wiener Parties mit seinen eigenen Reaktionen gegen Ende eben dieser mit Versteckspielen hinter den Sesseln „huhuhu, wo bin ich?“, ihn zum Samenspender in den Jentnerschen Planungen qualifiziert hatten und ihn zum zu verstoßenden Vater eines Ludwig-Friedrich machen sollten. Dass er sich hinterher mehr als elend fühlte und mental bis zu einer beschleunigten Demenz nur noch besoffen war, bedeutete nur, dass er sich für weitere Erfolge disqualifiziert hatte. Unter schriller Musik ging er mit gerötetem Gesicht und benebeltem Hirn in den Keller und kämpfte dort mit dem Teufel, dem er unterlag. Der kleine Ludwig-Friedrich wurde unterdessen zum Instrument des Frauseinbeweises. Und der Nowak? Irgendwie war er doch um die fünfundvierzig geworden, hatte seine Kindheitsträume und –erlebnisse gehabt und diese wieder vergessen, als die jeweilige Gegenwart immer wichtiger wurde. Er füllte bestimmte Maße in Zentimetern und Gramm aus, hatte seine unveränderlichen Kennzeichen, die ihn aber kaum wiedererkennbarer machten. Nach dem Ludwig-Friedrich gab es eine Wohnung, die von Unbeteiligten aufgelöst werden mußte, eine Monographie, die ein seltenes Mal von Studenten eingesehen wurde, die sich mit den finsteren Jahrzehnten Osteuropas beschäftigen mussten, er war eine Karteileiche in einem Kirchenbuch geworden und blieb für seinen künftigen Sohn eine unbekannte Gestalt. Das wäre sie wahrscheinlich auch unter anderen günstigeren Bedingungen geblieben, da Ludwig-Friedrich zwar etwa zwei Jahre lang den Inhalt eines bedeutsamen Körbchens bildete, das vor unterschiedlichen Konferenzräumen abgestellt wurde, mit dem man sich überdies in Krisen beraten konnte. Dann aber verschwanden Ludwig-Friedrich und sein Körbchen aus der Öffentlichkeit – eigentlich eine traurige Geschichte: Ludwig-Friedrich entwickelte sich niemals.
Nach ihrer Promotion wurde Inez Jentner zunächst Assistentin und machte sich ihrem ausländischen Professor unentbehrlich, erstens ganz einfach, weil er auch nach fast dreißig Jahren die deutsche Sprache nicht hinreichend beherrschte, weil seine neuen Landsleute zu lange seine Wortwahl und seinen Akzent apart gefunden hatten und er seine Sprachmängel schließlich aus Koketterie internalisiert hatte, zweitens, weil sie gemeinsam das politische Spektrum der Universität kontrollierten, er konservativ mit Freundschaften im älteren unversitären Establishment, die er sich durch Koffertragen und Einladungen in seine alte Heimat erkaufte und indem er für seine Lebensgefährtin die abgetragenen Strumpfhosen der Präsidentengattin als huldvolle Gabe entgegennahm, während sie mit ihren Spartacusverbindungen und dem gemeinsamen Willen zur Macht das sogenannte linke Spektrum zu Solidarität zwingen konnte, wenn jemand von ihnen sich zu emanzipieren suchte.
So hatten beide im Verein mit Professor Gordon das Institut, den Fachbereich, die Universitätsverwaltung und –spitze kontrolliert und mit jedem Tag an Macht gewonnen und sich selbst befriedigt. Alle drei beherrschten die Verfahrensregeln perfekt und hatten sich in den anderen Gruppen der Universität Zöglinge herangezogen. Ein Weg führte mit Gordon über Betten, Küchentische und sommerlich nächtliche Wiesen, und diese Vertrautheit ließ, nachdem die Bereitschaft honoriert worden war, die entsprechenden Telephon- und Zwiebelfischzirkel in allen Bereichen der Universität entstehen. Andere Eitelkeiten wurden durch Promotionen oder Magistrierungen befriedigt. So erhöhte sich die Zahl der Doktoren mit verlorener Dissertation, der Magister aufgrund von Seminararbeiten.
In dieser Hinsicht waren alle drei sogar ein Genuss, neben den Professoren, die sich durch ihre zeitweilige Macht blenden ließen zu glauben, sie brauchten die Spielregeln nicht zu lernen und darüber untergingen wie ein katholischer Theologe, ein Kunsthistoriker und viele andere, meist Männer, weil ihnen die Beharrlichkeit der willensstarken mit Schlauheit gepaarten Dummheit fehlte. Man konnte von ihnen sagen, daß alle drei Talente hatten, um zusammen einen bedeutenden Menschen auszumachen.
Ja, so war Inez Jentner hinter und unter den Größen wie Otto oder Gordon groß geworden und hatte viele von ihnen hinter sich gelassen. Sie war unglaublich gut im schamlosen Lügen. Sie war weniger gut, auch wenn sie den Brustton der Überzeugung beherrschte, in einer inhaltlichen Diskussion. Unübertroffen jedoch war sie, wenn sie nicht gerade einen ihrer lähmenden Hassanfälle hatte, in politischen strategischen Spielen. Gelang es ihr, einen klaren Kopf zu behalten, spielte sie jeden, auch ihre Lehrmeister an die Wand, so wie sie ihren hauptsächlichen Mentor kalt und überlegt in die Rente kippte und seine Schuhe übernahm. Dessen ohnmächtige Rache versuchte es vergeblich mit Freunden in der überregionalen Presse. Die einzige Befriedigung, die ihm schließlich blieb, war, seine Bücher nach Erlangen und nicht an das ehemals gemeinsame Institut zu geben, in dem sie mehr als einmal gemeinsam ihre Gegner in Fliegerstellung einem höhnenden Publikum vorgeführt hatten.
In Einzelfällen reichte ihr Netz über Berlin hinaus, weil sie von Gordon gelernt hatte, mit unerfüllbaren Versprechen wie mit realer Gewissheit zu jonglieren, junge Leute zu kaufen, denen sie dann befehlen konnte, das Feld zu bestellen. Brach ein seltenes Mal jemand aus, strafte sie unerbittlich mit Liebesentzug, setzte ihn mit Enthüllungsdrohungen geschickt, kenntnisreich und mit Augenmaß unter Druck und wurde danach noch misstrauischer. Schien dieses Vorgehen immer noch nicht erfolgversprechend, stellte sie wahre Begebenheiten in unmögliche zeitliche Zusammenhänge, verstand, ihre Insinuationen so zu verwirren, dass das Opfer sich dennoch verfangen musste. Doch besaß sie weder das Fleisch, noch das Blut, noch die Lust großer Kaiserinnen – nie verbarg sie Münchhausen unter ihrer Krinoline. Sie hatte sich so oft im Spiegel gesehen, daß sie den Himmel nicht mehr sah.
Als sie starb, ob am n-ten Gehörsturz, durch heimlichen Mord eines ihrer vielen Opfer – nach den Spuren zu urteilen erschlagen mit einem Spaghettilöffel oder durch den Stich mit einer mit Polonium vergifteten Regenschirmspitze, weil sie ihre eigenen Abhängigkeiten und Verpflichtungen vergessen hatte und Enthüllungen welcher Art auch immer inzwischen in der Verjährung untergegangen wären, hieß es dennoch „nihil nisi bene“, doch das war viel später und zu spät. Tatsächlich gab es nach ihrem Tode polizeiliche Ermittlungen, weil zu viele von zu vielen Drohungen gehört hatten, in Kneipenrunden Aufforderungen und finanzielle Angebote an Kleinkriminelle erlauscht hatten. Und natürlich war sie in das Unglück von Gütersloh verwickelt. Dennoch gab es keine eindeutigen Kausalketten, vielmehr gab es zu viele Mörder und keinen Mord. Daher wurden die Verdächtigungen archiviert und vergessen.