Samstag, 22. Januar 2011

Lesender Weise 15

Die Professur zum Nachweis der Notwendigkeit von Utopien
Auch eine solche Ausschreibung machte Sinn, auch wenn sie aus dem Augenblick heraus geboren wurde, als die Nachricht lanciert wurde, die Stuttgarter Akademie für Technikfolgen-Abschätzungen solle geschlossen werden, die so herausragende Ergebnisse publiziert hatte, wie die größere Angst vor Rinderwahn als vor dem Rauchertod – sollte man einer Neunzigjährigen das Rauchen verbieten? –, die größere Angst vor einem Klimawandel als vor dem täglichen Verbrechen, ganz zu schweigen von der möglichen, jedoch seltenen Gefahr, selbst in der unbefangeneren chinesischen Hochkultur Opfer von Kannibalismus zu werden. Es hatte die Unlust der jungen Bevölkerung untersucht, Ingenieur oder Naturwissenschaftler zu werden, den Wunsch des amerikanischen Präsidenten nach einem Häuschen auf dem Mond. Natürlich sollten die Gütersloher Konzepte straffer formuliert und (hoffentlich) auch durchgeführt werden. Nach Klärung der Landeplätze der Nazca-Indianer sollten mit dem notwendigen Zukunftsoptimismus erklärungsbedürftige Produkte aus Medizin z.B. zur Steuerung der Comt-Gene, aus der Finanzwelt oder ... eingeführt werden, die neuen Techniken in der Nano- – diese vielleicht gar als Amalgamwissenschaft noch ein nucleus – und Gentechnologie ebenso auf ihre Möglichkeiten und Gefahren abgeklopft werden, um die Ängste von Prinz Charles zu zerstreuen, ebenso wie die gesetzlich sanktionierte Erlaubnis, Tötungsverlangen zu befriedigen oder radikalere Überlegungen zur Bewältigung des Rentenproblems. Man wird den Überlegungen von He Zuoxiu zur Ausweitung des Konzepts des Hirntods nachgehen, wenn man nämlich den Hirntod als Tod akzeptiert, kann man auch die Tötung eines Embryos, dessen Gehirn noch nicht voll ausgebildet ist, bis zu einer gewissen Frist zulassen und diese unter Berufung auf Paolo Zacchias Beseelung des menschlichen Fötus widerlegen. Auch in diesem Falle war der unmittelbare Kontakt zur Politik im Interesse ihrer Protagonisten zwingend, diesen klar zu machen, dass Wirtschaftsprognosen nicht Wahrsagerei sind, nicht jeweils verschiedene Daten, sondern unterschiedliche Bewertungen zu divergierenden Aussagen führen. Man wird sich an der Suche nach der meiststelligsten Primzahl und solchen paarigen ebenso beteiligen wie an der Suche nach Genomen, die noch kleiner sind als die im Erbgut des Picrophilus torridus. Dies war gewiß die Professur mit der größten zu erwartenden Öffentlichkeitswirkung. So nah an der Realität mußte ihr Inhaber, mit großer Gewißheit Professor Schneider, fast täglich den politischen Entscheidungsträgern Deutschlands und der Welt zur Seite stehen.
Bei Abendessen mit den beratenden Kommissionen, in den Fraktionssälen unter den Abgeordneten, Ministern und Schattenministern mit strahlenden Augen, großem Selbstverständnis und gar nicht zu seinem souveränen Auftreten passender Stimme, die den Stimmbruch nicht überwunden hatte, wurden später die Forschungsergebnisse, oder, wenn es an diesen mangelte, die neuen Forschungsthemen verkündet, und sie flossen in die politische Arbeit, in die Planungen ein und initiierten immer neue Kampagnen, während Professor Schneider kurz nach Gütersloh zurückkehrte, in dieses stille intensive Refugium der Forschung, um die neuesten Ergebnisse einzusammeln.
Dieser Professur oblag auch die Aufgabe, den elitären Nährboden durch Reformen des Schulwesens zu schaffen und eine Lösung für die Realisierung der Forderung, immer mehr Inhalte in eine kürzere Schulzeit zu stopfen, zu finden, über Rezeptionsästhetik und Intertextualität und Performitivität aufzuklären und dazu beizutragen, dass Reformen immer nötig sein würden. Alle sprachen sich für diese Notwendigkeit aus, auch wenn Professor Schneider so heimlich wie möglich nach einer Schule alten Stils für seine Kinder zu suchen begann.
Auf den Sinn einer solchen Professur kam man bald nach einem Vortrag von Emil Du Bois-Reymonds, der mit den Grenzen der Wissenschaft dieser den notwendi¬gen Freiraum schaffen wollte. Die versammelte Gütersloher intellektuelle Elite hörte sein ignorabimus. Und je nach Veranlagung sollte dieses Hindernis mit den Mitteln des Spiritismus und der Parapsychologie, durch einen kirchenrechtlichen Prozeß oder eben durch die Errichtung veränderlicher Grenzen überwunden werden.
Nicht nur Frau Siborska scheiterte ein weiteres Mal, sondern betrüblich, wenn auch verständlich, David Hieronymus Grindel. Dieser hatte Pharmakognosie studiert, war Professor geworden, Rektor seiner Universität gar, bis er sich entschloß, noch jung an Jahren in das studentische Dasein zurückzukehren und ebenso erfolgreich Medizin studierte. Die Mehrheit der Kommissionsmitglieder roch die Gefahr, die von einem solchen Menschen für die Bewahrung ihres eigenen Status ausgehen konnte. Und van Groningen fragte, ob die Allegheny-Berge von“Allah geniş“ – Gottes Grőße ihren Namen erhalten haben kőnnten. Van Groningen fragte immer, so auch nach dem Sinn der Doerferschen Behauptung, dass in der chinesischen Schrift –l und –t sehr ähnlich seien.
Diese Professur könnte als weitere Kernprofessur der Global Governance ange¬sehen werden. Zunächst hatte man im Gründungssenat davon gesprochen, ein Institut für die Wissenschaften vom Menschen als flankierende Professur zur Global Governance einzurichten, verstanden als Institution innerhalb einer westlichen Bürgergesellschaft mit republikanischem Ethos auf der Folie der Krise des Sozialstaats, samt zerbrechendem Konsens über die Umverteilungsmodalitäten innerhalb einer globalisierten Marktwirtschaft. Karl kannte ein derartiges Institut aus Wien, das geschaffen worden war, weil schon durch seine Gründung der Austausch von Wissenschaft und Praxis, von Denken und Politik effizienter, vielleicht sogar erfolgsträchtiger geregelt wurde. Sehr schnell hatten politisch bewegliche und aktive Leute bemerkt, dass sich hierdurch nicht nur ein Netz von Informationen, sondern auch von persönlichen Beziehungen aufbauen ließ. Und so waren Namen wie der des damals noch deutschen Außenministers Joschka Fischer und des damaligen Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen, Kurt Biedenkopf, sehr bald mit dieser Institution verknüpft. Dennoch entschied man sich sehr schnell gegen die Übernahme des Wiener Modells, um nicht einen verspäteten Lysolgeruch in die Johannes-Universität dringen zu lassen. Und man wandte sich an die jüngere Garde internationaler Politiker, um die geschliffene diplomatische Polyglottie eines Ian Figel zu genießen und zu nutzen. Sehr früh schon lancierte Inez Jentner für diese Professur Frau Siborska. Und van Groningen fragte einmal mehr, ob Alabama nicht „Allah bamya“ – Gottes Friedhof bedeuten kőnne.

Sluggan gehörte zum Netzwerk aller internationalen Konferenzen, aus denen die Fachleute der UNO rekrutiert wurden, und Sluggan hatte nicht nur den Namen sei¬ner berühmteren mütterlichen Vorfahren angenommen, die vor tausend Jahren Dublin mitregiert hatten – sonst wäre er ein lächerlicher James gewesen und seine trojanische Herkunft wäre verborgen geblieben. So brauchte er nur seinen unionistischen Urgroßvater unterschlagen, der aber global genug war, um 1894 in der American Antiquarian Society einen Vortrag zu halten „The Past in the Present in Asia“, in dem er die Beziehung aufzeigte, die zwischen modernen Werkzeugen und Methoden und den alten immer noch in Transkaukasien angewandten bestand, vergleichbar mit dem Ausspülen von Druckköpfen in klarem Wasser. Mit dem Spürsinn des Globalisten, der die Bedeutung des Parochialismus erroch, hatte Sluggan den mütterlichen Hintergrund in die überregionale irische Zeitschriftenlandschaft gebracht, z.B. mit einem Artikel über das mittelalterliche Dublin und sein Wicklower Hinterland, er hatte die irische Karte im fernsten Asien gezogen mit einem überaus erfolgreichen Beitrag zu einer Unabhängigkeitskonferenz „The Ballot and the Bullet“ und einen weniger ausgefeilten zum Aufstand von 1798 in County Down gehalten, indem er nicht nur sich selbst mit Robert Emmet und der Anti-Apartheid-Bewegung identifizierte, sondern den irischen Unabhängigkeitskampf zum nachahmenswerten Vorbild, nein Paradigma gelungener Unabhängigkeitsbewegungen erhob. Oft ließen sich Wahrheit und Mythos in der Sluggan’schen Selbstkonstruktion nicht unterscheiden. Waren es seine eigenen Erinnerungen an Colleville-sur-Mer und an Wicklow? War Maud Gonne auf verschlungenen Pfaden schließlich doch seine Urgroßtante? Sehr viel typischer irisch konnte er kaum sein. Sluggan hatte auch die Welt bereits in Bosnien, Kambodia und Sri Lanka in Ordnung gebracht, jedes Mal in einem neuen Jahrhundertwerk zur Konfliktforschung im Rahmen einer Neubestimmung des Versöhnungsbegriffs Lösungen angeboten, die jeder ernsthafte Ethnologe ungehört widerlegen hätte können. Besonders berühmt hatte ihn sein Buch über den Genozid in Kambodia gemacht, so dass man nach der Lektüre überzeugt war, er habe gar nicht stattgefunden. Es stand im Bücherschrank jedes Politologen und hatte die Welt wieder schöner gemacht, ohne den Utopisten ihre Aufgabe zu nehmen. Auch wurde bereits die Werbetrommel geschlagen für sein nächstes bereits im Druck befindliches Buch The English Taliban Movement During the Sixteenth Through to the Mid-Seventeenth Century, so dass heute von abertausenden Holzkreuzen des englischen Mittelalters nur mehr die Fragmente von vieren aus abgelegenen Dorfkirchen erhalten sind. Alle englischen Marien sind Opfer der englischen Ikonoklasten geworden, so dass auch die Kirche in Burford erst ab 1650 langsam wieder zum Leben erwachte. Dieses Werk wurde später von ihm als Vorarbeit zu seinem Jahrhundertwerk Die postnationale demokratische Gerechtigkeit erklärt, in dem er sich zum Sprecher all derer machte, die einen Weg zur Rettung vor dem amerikanischen Fundamentalismus suchten. Er hatte seine zweifellos witzigen Seiten, wenn er entgegen seinem gegenwärtigen politischen Verständnis die wissenschaftlichen Leistungen der imperialistischen Mächte in ihren Kolonien während des 19. Jahrhunderts pries. Doch brauchte er sie als Folie für seine Kritik an der amerikanischen Politik. Witzig war er auch in der Auswahl seiner Gastredner, als er z.B., als die Erinnerung an das fußballerische Weltereignis noch nicht verblaßt war, Otto Hartge einlud, einen seiner sportkritischen Vorträge zu halten: „Das Überhandnehmen des Sports verlangt, dass wir gegen dessen Auswüchse vorgehen. Der europäische und internationale Sportbetrieb erinnert peinlich an die Zeiten des römischen Verfalls und hat einen großstädtischen proletarischen Zug bekommen. Und so versagt der Sport als Erholungsmittel. Im Gegenteil stählt der moderne Sport nicht, sondern verweichlicht häufig. Er gewöhnt den Mann an verfeinerte Körperpflege und verwöhnt ihn durch die raffinierten Zurichtungen des Platzes und der Geräte.“ Die oft bereitwillige Zustimmung der Zuhörer zu solchen Äußerungen wurde immer wieder wegen der fehlenden politischen Rücksichtnahme verhindert.
Warum wurde nicht eine Professur für Konflikt- und Institutionenforschung ausgeschrieben? Es hätte wunderbar in die allgemein angestrebte globale Interkulturalität gepaßt. Mit dieser Professur sollten die Probleme erfundener Rechte, der Menschenrechtsdebatte in ihrer globalen oder partikularen Ausformung, die zwingende Interdependenz von Zivilgemeinschaft und Multikulturalität gelöst werden. Daher wurde sehr bald der Campus der Universität über alle Vorstellungen hinaus erweitert, als vertraglich vereinbart werden konnte, Absolventen rechtsrelevanter Teilstudien auf die Werkbank der Welt, nach China, zu schicken, wo man bereits seit Jahrzehnten Rechtsreformen initiierte unter Beibehaltung mittelalterlicher Beziehungsgeflechte und Vertrauensvorschüsse, die man als guanxi-Verhalten für neu und typisch konfuzianisch erklärte. Und Sluggan hatte sich bereits mit dem Gründungsversuch einer Graduate School in Delmenhorst mit eben diesem Ziel hervorgetan. Und gegenwärtig arbeitete er an einem grundlegend erschütternden Werk, in dem er den Ansatz der „Fifth Province“ entwickelte, fort von Kolonisierung, fort vom Monolog, hin zur Sozialkontrolle und Therapie, hin zum Dialog. Doch konnte Karl den Gründungssenat überzeugen, dass Gütersloh nicht nur die wichtigen Inhalte vermitteln müsse, sondern diese auch in neue Schläuche füllen müsse. Ihm gefiel die Vorstellung des Professors oder der Professorin als Schlauch, Behältnis im Sinne des Konfuzius: Der Edle ist ein Gefäß. Aus diesem strömt Wissen und richtiges Verhalten.
Gewiß zählten auch ökologische Fragestellungen – und nicht nur, wer letztlich am Dosenpfand verdiente – zu den Aufgaben dieses Lehrstuhls, zur Desertifizierung Spaniens dadurch, dass fast ganz Andalusien, vor allem natürlich Almería, unter Plastikbahnen begraben war und der Ebro nach Süden umgeleitet werden sollte, den Nutzen der Subventionen für den Olivenanbau, die dazu führten, dass man nicht mehr Terrassen anlegte, sondern die Bäume direkt am Hang pflanzte, so dass der erste seltene Sturzregen, Bäume, Erdreich und erarbeiteten Wohlstand davonspülte, oder aber auch besonders wichtig Forschungen zur Bedeutung der Konzentration von Diplopterol für die Erderwärmung.
Ergänzt werden mußte dieser nucleus durch eine weitere Professur zur chemischen Ökologie. Einmal mehr gab es Leute, die Leute kannten bzw. fördern wollten, die sich über den Citation-Index vorgearbeitet hatten, und so ihre Freunde aus Buffalo, Bonn, Pullman und Missoula zu einem Arbeitszusammenhang zusammenfügen konnten mit so schönen Namen wie Herder-Grantham, Baldwin III. Jr., Meyer-Domburg und Ichimura-Jones. Funktionierte es nicht über den Weg des gegenseitigen Zitierens, so war mit dem Rezensionswesen eine weitere Möglichkeit gegeben, so wie Baudelaire Victor Hugos Les Miserables besprochen hatte, so gingen wir mit Kollegen um und tuschelten nur kichernd in vertrauter Runde oder stürmten bei einem Kollegen hinein, um zu berichten, man habe es geschafft, ein schlechtes Buch positiv zu besprechen, ohne zu merken, in welcher Weise wir uns prostituiert hatten.
Zwar war die chemische Ökologie Teil der organismischen Biologie, doch im Zeichen der Interdisziplinarität schien es erstrebenswert, hier die Naturwissenschaften mit den Sozialwissenschaften zusammenzuführen, etwas, das wunderbar mit Stellen aus der deutschen Literatur begründet werden konnte. Über Fechner aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts hinaus sollte die Kommunikationsfähigkeit von Pflanzen, der Aufbau zwischenpflanzlicher Warnsysteme z.B. zwischen Weiden und Ahorn konstatiert, dann aber auch entschlüsselt werden. Hierbei konnte auch der Historiker behilflich sein, der traditionelles Gärtnerwissen erschloß und in die Diskussion zur Überprüfung mit einbrachte. Vor allem über Herder-Grantham, Träger eines berühmten Namens wie Ranke-Graves, konnte darüber hinaus der Austausch von Mitteilungen zwischen betroffenen Pflanzen und pflanzenfressenden Insekten ermittelt werden. Dies würde ein ungemein spannender Bereich der Johannes-Universität werden, vor allem, weil mit der Gewinnung der oben genannten Namen die Crème der Wissenschaftler in dieser jungen Disziplin abgeschöpft und für Gütersloh gewonnen würde. Fragen, die besonders gestellt und beantwortet werden sollten, waren: „Hat die Varianz in einem chemischen Merkmal Auswirkungen auf die Fitness eines Organismus?“ „Welche Gene sind an der Synthese, Speicherung, Erkennung und am Stoffwechsel der chemischen Signalmoleküle beteiligt?“ „Welche Rolle spielen interaktiv wirksame Signalstoffe in der Evolution der Wechselbeziehungen?“ In diesem Falle konnte chemische Grundlagenforschung auf die Wechselbeziehungen der Rating-Agenturen als Signalstoff und Instrument der Manipulation übertragen werden. Und schließlich im Verbund mit dem gesamten Forschungs- und Lehrbereich: „Auf welche bisher ungesicherten historischen Erfahrungen kann man sich bei der Umsetzung der Forschungsergebnisse aus ökonomischen Gründen stützen?“ Diese Art der Interdisziplinarität wird die konventionellen Grenzen sprengen, die noch an der École Normale Supérieure in Paris gewahrt werden. Was ist schon besonderes an Studiengängen wie Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Anthropologie, Literatur und Kulturen der Antike, Wirtschaftswissenschaften und Jura oder Biologie und Chemie (oder Mathematik)? Das sind Selbstverständlichkeiten, eine Interdisziplinarität, die idealiter in einer Person vereinigt zu finden sein sollte. Aber dennoch bietet die Johannes-Universität mehr noch als die École die Möglichkeit zu einsehbaren, aber nicht selbstverständlichen Fächerverbindungen, wenn man mit Mathematik, Sanskrit und Musik abschließen und damit immerhin Gymnasiallehrer werden kann oder mehr und zur hoffentlich immer anonymen grauen Masse der wirklichen Entscheidungsträger gehören wird, unauffällig die Crédit Lyonnais, Renault oder Elf-Aquitaine abschöpfen und diskreten Luxus genießen kann.
Warum Herder-Grantham nicht zum Zuge kam, blieb nicht nur Karl, sondern vielen der Macher der Güterloher Universität unklar. Wahrscheinlich war es nur ein Paket von Zufällen, fehlendes Antichambrieren und daraus erwachsendes Mißtrauen der Leute, die eigentlich nur als Rohrpost fungierten. Doch als das Scheitern offensichtlich wurde, war es zu spät, die Angelegenheit wieder ins rechte Lot zu bringen, und wie im Schneeballsystem häuften sich die mißtrauisch kritischen Stimmen, vermengten sich mit denen, die nicht mit Herder-Grantham, sondern mit den unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen ein Huhn rupfen zu müssen glaubten. Scheitern tat allerdings nur Herder-Grantham. Er wurde unter ein gleißendes Licht gelegt und bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Heraus kam nichts, doch wurde er während dieses Prozesses immer kleiner und schließlich zu unbedeutend für Gütersloh. Und schließlich wurde gegen das Votum von Inez Jentner für Frau Siborska die letzlich autodidaktische Empirikerin Valerie Hilpert berufen, anziehend, von verschleierter, natürlicher Erotik, anregend und charismatisch, weniger rigide wissenschaftlich orientiert, aber eben ein Anziehungspunkt für pfiffige Ideen und innovative Forschung und keineswegs zuletzt ein erfrischender unkonventioneller Gegenpol zu der akademisierten Frau Grebenstein. Sie war geprägt von Internationalität und einer kosmopolitischen Mutter, diskrete Geliebte vieler und einzige Tochter einer der reichsten Familien Sofias mit den entsprechenden levantinischen und balkanischen Wurzeln rechtzeitig – auch finanziell – nach New York emigriert, die ihre Tochter in ihr eigenes intellektuelles und künstlerisches Umfeld einbezogen hatte. Wie die Mutter bezahlte die Tochter die Leichtigkeit des Seins mit dem Fehlen intensiver Bindungsfähigkeit. Und so gehörte auch der recht deutsche Name Hilpert einer etwas früheren Vergangenheit an, den sie behielt, weil sie dennoch in der Lage war, Freundschaften zu bewahren. Im stillen Widerspruch zu ihrem großen Ehrgeiz pflegte Frau Hilpert mit eleganter Hand das öffentliche Understatement. Wenn sie manchmal scheinbar nur auf die Hälfte zielte, so war sie doch an der ganzen Macht interessiert, die sie nie Hals über Kopf, nie aus dem Stand einforderte, scheinbar immer desinteressiert, aber nie ihren Ehrgeiz dementierend. Wäre sie später nicht der Holzhammermethode einer geschlossenen Riege von Frau Jentner bis Frau Grebenstein erlegen, und hätte sie nicht resigniert aufgegeben, vielleicht hätte sich die Johannes-Universität zu einem tänzerischen, schwerelosen, erfolgreichen Reigen formiert. Ihr Witz – als Vorwand für ihre verabscheuungswürdige fehlende political correctness, mit der sie die Wiederauferstehung des deutschen Machos postulierte, starker Männer, die eine Frau als Chef ertragen können – kostete sie ihren möglichen Einfluß, als sie noch in der Gründungsphase, doch bereits auf dem Wege zur Konsolidierung Franz Madersperger, den Erfinder der Nähmaschine, für eine entwicklungspolitische Professur zu lancieren suchte, ein kleiner, aber gescheiterter Testlauf für größere Pläne. Er beendete ihre vielversprechend erscheinende Karriere an der Johannes-Universität, obwohl sie die einzige unter den Professorinnen war, die mit ihrem Eintreten, mit ihrer Gestalt und ihren Bewegungen den Raum, den sie einnahm, zu füllen verstand, Bewunderung erregte und Erwartungen weckte. Sie mußte einen Augenblick lang ihren anerzogenen angelsächsischen Neigungen zur allzu erkennbaren Selbstironie nachgegeben oder eine selbstmörderische Neigung in sich entdeckt haben, der sie sich nicht verweigern wollte. Ähnliches galt für Eleganz, wenn sie in unbewußter Nachahmung der Felicita Sartori einer leichten Neigung zum Exotismus folgte und sich gern „à la turc“ und als Personifikation der Muse Thalia kleidete. Dass Scherze die Neigung haben, zur Realität zu werden, zeigte sich, als der gleiche Kreis, der Frau Hilpert an einem Machtgewinn gehindert hatte und auch daran, wie ein Preuße in den Himmel zu drängen, Adam Opel erfolgreich eine Gastprofessur antrug, um damit einen weiteren großen Namen der Ehrentafel der Johannes-Universität hinzuzufügen.
Die Damen, die als Siegerinnen aus diesem Wettbewerb hervorgingen, gründeten ihr eigenes Netzwerk, die wizgrrls, und sie erklärten: „Wir sind nicht gegen Männer, sondern für Frauen.“ Dies galt vor allem dann, wenn man die gefährlich zu werden drohenden Geschlechtsgenossinnen neutralisiert hatte. Dann konnte frau sich an die allmählich und bitter erkämpften Erfolge erinnern, wie einst sie als Studentinnen zu Assistentinnen, als Assistentinnen zu Professorinnen – zunächst allerdings noch zusammen mit dem anderen Geschlecht – emporgehoben worden waren, wie sie das quantitative Gleichgewicht erkämpft hatten und wie schließlich an manchen Universitäten das richtige Geschlecht allein maßgeblich für Anstellungen und Berufungen war. Dies war noch gesicherter, wenn man eine Wissenschaftsministerin hatte, die eben dieses Ziel auf ihr Panier geschrieben hatte, „desdichada“, weil sich eine der Damen an ihre Ivanhoe-Lektüre erinnert hatte, ohne sie genau lokalisieren zu können. Es war wohl nur üble Nachrede, wenn man sie als Suffragetten bezeichnete und ihnen unterstellte, gelegentlich zu zündeln.
Von niemandem wurde Frau Hilpert herzlicher und mit mehr Umarmungen verabschiedet als von den wizgrrls, nachdem man sie auch dadurch zur Unperson oder zu einer einzigartigen Person erklärt hatte, dass ihre Professur nicht und nie wieder besetzt werden sollte. Dies geschah allerdings vor ihrer Abschiedsrede, als sie bald danach die Johannes-Universität verließ. Zuerst hatte sie sich entschlossen, jeder Verabschiedung auszuweichen und still und leise zu verschwinden. Es schien ihr nicht wert, einen besonderen Akt zu veranstalten, da sie von der Wahrheit des Satzes „heute ich, morgen du!“ überzeugt war. Dann aber hielt sie dafür, dass ein wenig Aufwand unauffälliger sei als als Affront zu verstehende Passivität. Und schließlich gab es im Rektorat einen wohlinszenierten Abschied, zu dem beizutragen, man sie nicht hindern konnte: „Ich habe ein wenig darüber nachgedacht, wessen ich bei meinem Abschied gedenken soll. Zuerst habe ich an meine nur so genannte Sekretärin und die verschiedenen Sachbearbeiterinnen gedacht, im Prüfungsbüro, in der Drittmittelverwaltung und in der Personalabteilung, mit allen war es eine Freude zusammenzuarbeiten und ihre Sachkompetenz zu erfahren bzw. eben diese in Anspruch zu nehmen, und wenn es über einer Tasse Kaffee war. Obwohl aufrichtig gemeint und hoffentlich hiermit abgegolten, schien mir dieses Gedenken dann doch zu profan, zu viele Menschen, die mich universitär begleitet haben, hätten nicht genannt werden können. Dann dachte ich daran, mein universitäres Leben mit den Studenten zu verknüpfen, aber das wären zu viele gewesen, und es wäre ungerecht, nur zwei oder drei exemplarisch zu nennen. Die Fülle der Kontakte und Erlebnisse und vor allem der Gewinn, den ich von ihnen hatte und aus dem Umgang mit ihnen ziehen durfte, würden nicht hinreichend deutlich. Auch die Hälfte meines besseren beruflichen Lebens kann ich also nur mit diesen wenigen Sätzen würdigen und sagen, dass sie wichtiger war als mit Worten gesagt werden kann. Ich sollte derer gedenken, denen ich fürwahr viel zu verdanken habe, meinen großmütigen Lehrern, zu denen ich auch und in erster Linie Herrn Henning zählen möchte, der mich lehrte, Arbeiten darauf hin zu lesen, was in ihnen gut sei. Dann blieben noch meine Kollegen im Bösen wie im Guten, Rivalen und Freunde, uneins manchmal, manchmal vereint in der akademischen Intrigue und manchmal meinerseits ungeduldig oder irritiert abgetan. Sollte ich jemanden unter ihnen gekränkt haben, so erbitte ich Verzeihung in diesem unverfänglichen Augenblick. Aber auch ihnen gilt mein Dank, denn, um Lady Montague zu zitieren, ‚es war interessant, alles zu sehen‘. Ich möchte ihre Menge und meine Erlebnisse mit ihnen nicht missen. Zu sehr sind sie Teil meiner Lebenserfahrung geworden. Daher beschränke ich mich auf meine Erinnerungen an Rektoren und Präsidenten. Dies sind nicht so viele, dass ich sie nicht namentlich nennen könnte. Bis auf unsere hochgeschätzte Präsidentin und Kollegin Gudrun Grebenstein waren es leider nur Männer. Es bleibt also viel zu tun. Der erste, der mir bei meiner ersten Berufung formlos modern auf dem zugigen Gang seines Präsidialamtes meine Urkunde überreichte, war damals nur Vizepräsident. Und damals beschränkten sich unsere Gemeinsamkeiten auf seine Feststellung, wir seien beide, wenn auch in verschiedenen Städten, Absolventen eines Görresgymnasiums, er in Koblenz, und ich hatte geflunkert, denn nur mein früherer Mann stammte aus Düsseldorf und hatte dort die entsprechende Schule besucht. Das war eine kaum sehr breite gemeinsame Basis, die dann während seiner späteren Präsidentschaft auch nicht ausreichte, um gegensätzliche Ansichten über synergetische Wirkungen und ähnlichem zu überbrücken, als es darum ging, ob die schleswig-holsteinische Hochschullandschaft zusammengeführt werden sollte oder nicht. Aber mir gefielen seine Locken und die Art, wie er seine Zigaretten selber drehte. Zwischen seiner Vize- und vollen Präsidentschaft erlebte ich einen anderen Präsidenten, einen gestandenen Juristen, der Gastprofessuren bis Kamtschatka wahrnahm und mir die Instrumente zur Disziplinierung von Professoren zeigte und beibrachte, als er mir eine Dienstaufsichtsbeschwerde androhte, um mich auf den rechten Weg zurückzuführen. Nie wieder hörte ich etwas davon, als ich ihm vorschlug, wenn er es nicht täte, die Beschwerde gegen mich selbst einzureichen. Ich verdanke meinen unmittelbaren Dienstherren sehr viel, da sie mir das wirkliche Leben nahegebracht haben. Die Zeiten änderten sich jedoch, und die Formlosigkeit machte einmal mehr dem Ritual wieder Platz, ohne dass ich dies sofort gemerkt hätte, aber dazu hatte ich eben einen neuen Rektor, einen weißmähnigen Mediziner, der die neuen Hierarchisierungstendenzen roch und mich auf die veränderten Sitten aufmerksam machte, und ich folgte ihm, und mein kurzer unbedachter Schnitzer wurde mir verziehen, als ich Gruß- und Sitzordnungen zu respektieren begann und dazu überging, mit den Kollegen bei feierlichen Anlässen wie der Immatrikulation im Talar aufzutreten. Die Farbe unserer Fakultät war ein feierliches Lila, was, wie sie alle sehen können, zu meinem Teint leider nicht ganz paßt. Alle vermittelten sie mir die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit für die heutige Universität, die Bedeutung Baalbeks, Eblas, Karnaks, Lhasas, Cancuns, Polperros, Seguntums und Plouzenacs als Orte für die Unterzeichnung von Partnerschafsverträgen mit den großen und bedeutenden Universitäten dieser Welt in Beirut, Damaskus, Kairo, Peking, Mexiko City, Cambridge, Rom und Paris. Sie vermittelten mir den gewachsenen Stellenwert der Unterhaltung in der Universität, indem sie Evaluierungsbögen versandten, u.a. mit der Frage, „wie amüsant sind Ihre Dozenten?“. Ich saugte die Ratschläge gierig auf, wie man sich gegen Höhe und Hitze in der Reiseapotheke schützen könne, wie man solche Aktivitäten mit Fußballweltmeisterschaften, Weltausstellungen und anderen Großereignissen verbinden könne, und wie ich selbst aus der Ferne meine Universität kontrollieren könne. Am meisten jedoch verdanke ich unserer Rektorin, der hochgeschätzten und lieben Kollegin Gudrun Grebenstein, die mir gezeigt hat, mit welcher energischen Opferbereitschaft und Loyalität man sich für seine, seine ganz spezielle und besondere Universität einsetzen muß und kann. Ihr fürwahr gilt mein besonderer Dank, meine Lebenserfahrungen in ganz erstaunlichem Maße erweitert zu haben. Lassen Sie mich daher in dieser Kürze schließen und stoßen Sie mit mir an auf unsere Rektorin!“
Innerhalb ihres Netzwerks tauschten sich die wizgrrls darüber aus, welche Kleidung geeignet sei, größere übergeordnete Ziele zu erreichen, welche Konventionen beachtet werden mußten, wann man die Kindsbraut, wann die stahlharte Kommandeuse darstellen müsse, vor allen Dingen aber, wie man seine wissenschaftliche Unschuld bewahre. Dies geschah dadurch, dass die verschiedenen Diziplinen immer mehr den Naturwissenschaften angeglichen wurden, die aus Jahrzehnte langer Erfahrung in Deutschland unter dem Nationalssozialismus und in Ostdeutschland unter dem real existierenden Sozialismus sich nach Meinung des Präsidenten des Wissenschaftsrates als nicht instrumentalisierbar erwiesen hätten. Biologen und Mediziner hatten nichts mit Forschungen zur Eugenik und Euthanasie zu tun, Chemiker und Pharmakologen nichts mit Pervitin und jüngeren und besseren Dopingsubstanzen, Ingenieure nichts mit der neuesten Waffentechnologie. Für große Teile akademischen Tuns galt eine a priori Unschuldsvermutung. Unter dem gleichen günstigen Vorzeichen stand das Recht, wenn es nur zur Rechtsgeschichte erklärt wurde. Um sich nicht allzu oft wiederholen zu müssen, wurde ein nur für die Mitglieder zugängliches Archiv geschaffen, in das auch die unverfänglicheren Teile der einzelnen Dossiers eingegeben wurden. Und sie vereinbarten gemeinsame Klagelaute, wenn es ihnen nur gelang, ihre boys auf Mittelbaustellen zu heben statt die Frauenquote zu erhöhen, wenn ihre Harvard-Beziehungen wichtiger wurden als die Gendersolidarität und berühmte Männer mit der Ehrendoktorwürde ausgestattet werden mußten. Dann begaben sich Frau Grebenstein, Frau Kim-Sebestyn und die anderen zur Jerusalemer Klagemauer.

Eine weitere interdisziplinäre Ergänzung mußte aus den Teilgebieten des Rechts gewonnen werden. Dies sollte nach einer gewissen zu leistenden Überzeugungsarbeit das „Recht der Gemeinschaftsgüter“ sein, das Recht auf Luft, Atmosphäre, Ozonschicht, Klima, Wasser, Weltmeere, Boden, Landschaft, Fauna, Flora, genetische Vielfalt und nicht zuletzt das Recht auf Gesundheit und damit allgemein gegen die produktionistische Auffassung von der Aufgabe der Landwirtschaft, speziell gegen die Verwendung genmanipulierter Baumwolle bei der Herstellung des Euro. Sollte es durchsetzbar sein, die Währung wieder einzustampfen? Sollte es möglich sein, ohne amerikanische leichtsinnige genetische Versuche die wissenschaftliche Elite im Lande zu halten, ins Land zu locken? Untersucht werden sollte, ob eine gesellschaftliche Selbstregulierung möglich sei, welche Bedeutung politische Entscheidungen haben könnten, welche Bedeutung die Unsicherheit der Kausalitätszusammenhänge für Rechtsentscheidungen haben könnte, und wie sollten aus Rechtsentscheidungen entstehende ökonomische Folgelasten transnational verteilt werden.
Dies war eine Professur, die sich auf interdisziplinärer und theoretischer Ebene mit der menschlichen Natur, ihrer Geschichte, ihrer geistigen und gesellschaftlichen Verfaßtheit sowie mit den Strukturen und Reformen der modernen Gesellschaft beschäftigen sollte. Sie soll die hinreichende metaphysische Distanz schaffen, damit man die Technik geistig in der Hand behält. Ganz besonders soll sie die biomedizinischen Fragenkomplexe kritisch reflektieren und visionär Stellung beziehen.
Eine eher verschwiegene Aufgabe dieser Professur war zu prüfen, wie weit sich die Universität kostenneutral, doch gewinnversprechend Patentrechte an Lebewesen, Saatgut, menschlichen und tierischen Genen, sichern könne, ohne in den Geruch ausbeuterischer Machenschaften zu geraten, aufgrund der Rechtslage schließlich eine der wichtigsten Einnahmequellen der Universität. Eine brauchbare Möglichkeit ist der Versuch, die Semantik der Sprache zu ändern im gleichen Sinne, wie heute der Konsument unter naturidentischen Aromastoffen etwas anderes versteht als der Gesetzgeber und Produzent. Nicht zuletzt sollte auch das in traditionellen Gesellschaften so weit verbreitete Instrument der Schlichtung auf seine Tragfähigkeit in der globalen Welt überprüft werden. Auch hierfür gab es tragfähige Personalüberlegungen von Florenz bis Osnabrück. Der Geist kann überall zu Hause sein, und wo schließlich besser als in Gütersloh? Nicht zuletzt, wenn auch nicht an so herausgehobener Position wie an der Universität zu Köln, wobei natürlich die charismatische Statur des Inhabers einer solchen Professur dieser ungebührliches Gewicht verleihen könnte, müssen in diesem Arbeitsbereich die Felder Gesundheitsmedizin und Medizin und Gesellschaft aufgehoben werden. Kaum ein anderes Gebiet könnte ähnlich stark die Öffentlichkeit, vor allem die politische Öffentlichkeit, entzünden, vor allem, wenn man dazu noch auf die dialektale Identität des Professors oder der Professorin mit den politischen Entscheidungsträgern achtete. Nicht nur dieser nucleus, sondern alle sollten Innovation und Fortschritt widerspiegeln, verbunden mit der notwendigen Grundmenge domestizierter Opposition und scheinbar unzensierter Aufmüpfigkeit.
Darüber hinaus sollte man diesem Lehrstuhl in Anlehnung an angelsächsische Usancen einen Namen geben, und trotz des ICEs und des mäßig politisch korrekten Forums gleichen Namens schien es gerade auch im Hinblick auf den vorgesehenen Inhaber sinnvoll, ihn Ludwig-Quidde-Lehrstuhl zu nennen, als Vertreter des Honoratiorenpazifismus und als Gegengewicht zum Namen der gesamten Oldenburger Universität, deutlich zu machen die pluralistische Liberalität der Johannes-Universität, die nicht mehr utopische Annahme einer Verbindung von Utopie und Vernunft in einem Zeitalter, das aus der eigenen Vergangenheit gelernt zu haben glaubte. Man konnte die Laudatio Frederik Stangs instrumentalisieren, der anläßlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an Quidde 1927 seine organisatorischen und vermittlerischen Fähigkeiten zusammen mit seinen zahllosen Publikationen, vor allem seine Arbeit über Caligula, hervorgehoben hatte, die überdies als politische Satire gelesen werden konnte, was Stang nach mehr als dreißig Jahren allerdings nicht mehr sagte. Ganz uninteressant wäre auch die Verbindung mit dem Forum nicht – so sollte man sein, staatlich anerkannt und gefördert und trotzdem kritisch, man öffnete sich damit solchen Initiativen, die im etablierten Spektrum wenig Beachtung fanden, konnte flächendeckend Gastspiele in Hamm, Wiedenbrück bis hinein ins Ruhrgebiet geben, konnte im Schutze eines solchen Mantels deutscher akademischer Aura die Beschlagnahme von Kundendatenbanken amerikanischer Buchhandlungen und Taucherschulen durch den CIA kritisieren und die dementsprechenden Ängste artikulieren. Das internationale Forum, das dann die Gütersloher Universität darstellte, könnte noch aus der Peripherie der Erde Wirkung zeigen.
Wie bedeutungsschwanger sich die Wahl Quiddes als Name für einen Lehrstuhl erwies, zeigte sich wenig später, als bei den Umbauarbeiten für das Präsidialamt die Reste einer römischen Sommervilla, der nördlichsten bekannten, ergraben wurden, die sich, wenn auch nicht Caligula persönlich, so doch durch mehrere Inschriften der Zeit des Germanicus zuordnen ließ. Wie bedeutend diese Besiedlung im nördlichen Westfalen gewesen sein mußte, ging auch daraus hervor, dass ein toter Emsarm entdeckt wurde, der offensichtlich den Römern zur Fischzucht und darauffolgenden Würzherstellung, wie wir sie aus Marokko, Spanien und der Bretagne kennen, diente. So etwas machte nur bei längerfristiger Beherrschung des Gebiets einen Sinn. Die Kleinfunde entstammten stilistisch eindeutig dem augustäischen Klassizismus, einige lebensgroße Köpfe waren mit großer Sicherheit Mitgliedern der Familie der Claudier zuzuordnen Eindeutig waren in dieser Hinsicht die Münzfunde. Der etwas provinzielle Stil der leicht erotischen Mosaikreste, die eine frühe Entwicklungsstufe der späteren Mosaiken in der Villa Romana del Casale zu repräsentieren schienen, sie wurden zu einem der lokalen Forschungsschwerpunkte der Universität im Verein mit der Dendrochronologie und gleichzeitig zu einer touristischen Attraktion, die Fishbourne oder das nahe gelegene Kalkriese und die Bemühungen der Osnabrücker Kollegen, ganz zu schweigen von den krampfhaft gesuchten und kaum gefundenen Spuren Vespasians in Bozzam, völlig in den Schatten stellten. Hatte Caligula etwa an der Ems doch Biberdämme gebaut? War er der Autor eines Grafittos „ultionem ab cheruskis petamus“? Die Indetifizierung, nein Indentifizierung – oder doch Identifizierung – war nie eindeutig. Und wenn es doch der Beweis für den Zivilisationsgrad der Eingeborenen wäre, von denen eigene Abbilder fehlten, ein weiterer Baustein für die Sendungen von Phönix? Später gab es einen gemeinsamen Forschungsschwerpunkt mit der Universität Kopenhagen und dem Römermuseum in Haltern am See, in dem der Zusammenhang zwischen dem halbierten Mann („Prinzen“) von Himlingöy, der tot und päckchenweise nach Hause geschickt worden war und aufgrund seines genetisch nachgewiesenen italienischen Hirtenhundes als Bündnispartner der Römer identifiziert worden war, und den Kommunikationswegen zwischen Süd- und Nordeuropa und der römischen Kientelpolitik untersucht wurde. Schließlich wurde auch ein Inschriftenfragment gefunden, auf dem man glaubte, den Ort Leontopolis entziffern und so die Beziehungen zwischen der Nord- und fast Südgrenze des römischen Imperiums festmachen zu können.
Und keineswegs folgte man dem Vorbild der Nürnberger Stadtväter, diesen Schatz zu verbergen oder überhaupt Überlegungen darüber anzustellen, ob auf dem Dach der Villa eine Photovoltaikanlage anzubringen sei. Auch ließ man sich nicht von den bewundernswerten Entscheidungen der australischen Regierung beeinflussen, zuzulassen, dass Museen in magische Kultstätten umgewandelt wurden, in denen nur beschnittene Wärter tätig werden durften und Frauen der Zugang verwehrt war. Hatten Cimbern und Teutonen nur ihre Ruhe haben wollen, um die astronomischen Beobachtungen von Goseck und Nebra mit ihren schamanischen Wurzeln in den Ostalpen und in Siebenbürgen in Norditalien fortzusetzen und über Kimme und Korn die Sonne abzuschießen und im Moor von Trundholm versinken zu lassen? Nebra hatte einen weiteren Effekt: Endlich konnte sich der berühmte Harvard-Professor Armstrong mit seiner These durchsetzen, dass Globalität nur insofern modern sei als sie mit Geschwindigkeit verbunden sei. Marco Polo brauchte noch fast dreihundert Tage, um auf dem Landweg nach China zu gelangen.
Übrigens: Dieser Fund führte zwar nicht zu einem Paradigmenwechsel in der Gesamtkonzeption der Johannes-Universität und kaum in der frühen deutschen Geschichte, obwohl man sich rechtzeitig auf die Seite derer geschlagen hatte, die sich für die Echtheit der Himmelsscheibe verbürgen wollten, da die Bleiisotopenverhältnisse für ein Alter von wenigstens hundert Jahren sprachen, aber er veranlaßte doch eine Erweiterung des universitären Spektrums. Nachdem man sich vergeblich bemüht hatte, Barbara Bell, die Autorin von Minimus und Minimus Secundus, oder gar Isolde Stark, die Schöpferin der hämischen Muse, für eine Professur zu gewinnen, nachdem David Noe über der Rezension Vibeke Roggens gestolpert war, dass nämlich keine seiner drei blinden Mäuse weiblich sei, mehr aber noch, weil die Kommissionsmitglieder den Ausspruch Ciceros o tempora, o mures als fehlerhaft erkannten, wurde der etwas ältliche Akademische Oberrat aus dem Philosophischen Seminar der Universität Bonn, Rainer Peters, gegen das Minderheitsvotum von Frau Professor Jentner für Fau Siborska berufen, um im touristischen Interesse die Bedeutung des Lateins gegen die glasigen Gesichter bei der Erwähnung des Verbums hervorzuheben. Van Groningen wollte von Peters wissen, ob man Arkansas von „Ar kan sah“ – wo geschändet Blut lebt ableiten solle.
Peters wurde für eine neue moderne und globale Rezeption Westfalens verantwortlich gemacht und erhielt die Herausgeberschaft einer der bedeutendsten universitären und zeitgemäßen Langzeitvorhaben Westfalia antiqua et hodierna. Dabei vergaß man jedoch die Schwächen des enttäuschten Alters, die sich spät entwikkelnde Profilierungslust eines tüchtigen, aber bis dahin nicht ungemein erfolgreichen Mannes. Peters ließ keinen altphilologischen Kongreß zwischen Changchun, San Diego CA. und Lublin aus, im Gegenteil organisierte er Panels, saß den verschiedenen Verbänden in verschiedenen Funktionen vor oder bei, war hyperaktiv in seiner Herausgeberschaft nicht nur der wichtigen jungen Reihe Relicta Romana Universitatis Johannei Güterslohensis, sondern auch der unterschiedlichsten Corpora Inscriptionum, Acta Archaeologica etc. der verschiedenen deutschen und danubischen Regionen. Und so ging auch in Gütersloh nach kurzer Blüte das Latein verloren, weil der dafür Verantwortliche im Interesse höherwertiger Güter für die Aufgabe des Lehrens nicht mehr die Zeit hatte. Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte er, als die Rektorin, Frau Grebenstein, die Zustimmung der Universität für seine Beurlaubung für acht Jahre gab, um das neugegründete deutsche Historische Institut in Tomis zu leiten, da diese Ehre schließlich auch die Johannes-Universität ungemein schmückte, auch wenn sich bei seinen Ansprachen die Hosenbeine ziehharmonikaartig falteten, der Schritt in die Kniekehlen fiel und die Finger seiner rechten Hand hinter dem Rücken nervöse Abzählspiele spielten. Er weilte noch dort, mit seinen lateinischen Inschriftenfunden aus dem Donaudelta, die er finden und erforschen ließ, mit den miletischen kleinasiatischen Wurzeln dieser Kolonie beschäftigt, als sich der Belagerungsring um Gütersloh bereits enger zusammengezogen hatte, die Insassen aber immer noch nicht ihr Dien Bien Phu realisiert hatten.
Und mit Attac-ähnlichen Aktivitäten könnte man global die fehlgeleitete Globalisierung geißeln (this world is up for sale?!) und geichzeitig den Darwinismus über den Kunst-Darwinismus des 19. Jahrhunderts, über den Sozial-Darwinismus, soweit dieser nicht-reduktionistisch argumentiert, zu einem Ökonomie-Darwinismus hinführen, zu einer evolutorischen Ökonomik, in der die Entwicklung als Evolution begriffen wird. Damit könnten Werke entstehen wie die Kritik der reinen Theorie des... und eine Zeitschrift für Komplexität in den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften.
Genau dafür schien Sluggan Karl der richtige Mann zu sein, um die Vielfalt halb oder ganz utopischer Entwicklungen und die Erforschung von deren Sinn oder Unsinn zu bündeln, zu organisieren und den kompetenten Forschergruppen im Sinne einer überlebten political correctness nicht im Sinne von „Schildkröt plagen, Äffchen jagen, das alles macht dem Neger Freud‘ und dienet ihm zum Zeitvertreib“ zuzuweisen.
In diesem Falle mußte Karl gegen den Vorschlag Inez Jentners für Frau Siborska nach Verbündeten suchen, und er glaubte, sie in Professor Otto – eine Hand wäscht die andere – und Professor Gordon gefunden zu haben. Der letzere hatte noch seine eigenen Pläne, von denen alle Beteiligten wußten, ohne zu wissen, wie man sie hintertreiben könne. Man kannte ihn als Netzwerkbauer, als jemanden, der es verstanden hatte, über zwanzig Jahre erfolgreich universitäre Macht zu repräsentieren, und prüde bis neidvoll hieß es von ihm, man werde noch am Ende mit einem Knüppel seinen Steifen umschlagen müssen, um den Sarg schließen zu können. Es gab angeblich hinreichend Zeugen, die ihn mit Studentinnen in einem Muthesius-Bad – heute ein stinkiges Männerpissoir, wo die entsprechenden Kacheln durch halbhohe spanische Freudenhauswände grausam halbiert worden waren – nach Berliner Karnevalsfeiern gesehen, erwischt oder wie auch immer ertappt hatten, je nach dem Grad der jeweiligen künstlichen Empörung und heimlichen Bewunderung. Doch wäre es ein erster Schritt zur Weisheit gewesen, die eigene und die Zeugenschaft anderer anzuzweifeln. Ihm war es gelungen, die gesamte Universitätsverwaltung mit seinen abgelegten, in treuer Erinnerung einem wohl funktionierenden Harem gleichenden Freundinnen zu bestücken, die alle irgendwie Rose d’Amour hießen, seine Kumpane auf die gleiche Karriereleiter zu hieven, so dass seine Alma mater eine gesunde Entwissenschaftlichung erfahren hatte. Der auch von Inez Jentner unterzeichnete Nachruf in der FAZ lautete jedoch: „Wir trauern über den Tod unseres Kollegen, der über viele Jahre die Entwicklung unserer Universität und unseres Fachbereichs in zentralen Gremien mitgestaltet und geprägt hat. Er war ein bescheiden auftretender Gestalter, ein exzellenter Wissenschaftler, ein herausragender akademischer Lehrer, ein großer Kommunikator, ein humorvoller und kritischer Geist, der nicht nur die Wissenschaft, sondern auch Theater und Musik sehr liebte. Uns war er ein warmherziger Freund, Unterstützer und Ratgeber.“ Nur: Wie groß war er tatsächlich gewesen? Welche Farbe hatten seine Haare?
Mit seiner Rundlichkeit, die die Komplexität seines Denkens widerspiegelte, mit seinen scheinbar zu kleinen mit Fett gefütterten Händen, die zu Taten unfähig schienen, verband Gordon eine Eleganz und Geschmeidigkeit des Geistes und seiner Materialisierung, die ihn immer wieder zu einem attraktiven Verführer machten, dem man nach einer gewissen Irritation wieder alles verzieh. Neben seinen Eskapaden und nächtlichen Tournéen durch die Kneipen Westberlins kultivierte er die Gestalt des Professors mit der verlorenen Dissertation und schrieb Gedichte, in denen er tastend den Weg aus den Ruinen findet, sich tief in einem verwunschenen Keller in das Gewölbe einer römischen Tür verliebt. Und als er die letzte Mauer überstieg, schien ihm die Sonne wärmer als es ein Mittelmeerabend vermag. Er erlebte in einem Augenblick seine güldene Rekonstruktion des meisterlichen Hauses, zählte sein Geld und stellte fest, er könnte sehr wohl ein zweiter Axel Munthe werden, falls er darauf verzichtete, sich selbst zu sein und alles verkaufte, was er in Berlin-Zehlendorf besaß. Sein Schatten wagte sich lächerlich weit voraus am Hang, gelangte lange vor ihm zu dem Café mit den zwei Tischen im Windschatten der Mole. Dort trank er Ouzo und beriet sich mit Dir über die gemeinsame ägäische Herrlichkeit. Du lachtest und sagtest zum Schluß, Deine Zustimmung sei aus dem gleichen Stoff wie das schwere glänzend scheinende Dach der Ruinen.
Gelegentlich verfiel er in kindische Bildung und versuchte sich im Reim: „Für Cao Maozhi und Li Zhi im 4. Jh.: Astrologie hat mich früher beeindruckt, und ich las über das Sternbild der Waage: Wären alle Waage, wäre der Welten Lage heute nicht gar so verrückt. Ich habe nicht gerne weitergelesen, denn der Autor war gar nicht nett: Nehmen wir nur das Wasserbett – es wäre dann nie gewesen. Aber der Autor, er ging viel tiefer, er sprach von Fortschritt und Krieg und von einem Waage-unmöglichen Sieg, und mir schmerzte entsetzlich der Kiefer. Zwanzig Jahre war dies schon vergessen, dann lese ich von den Genannten, auch in China meist unbekannten, so hat es sich festgesessen. Sie waren simpel und ignorant, doch hatten ein soziales Leben, ohne dazu die Schrift zu geben. Ihre Unschuld war fast provokant. Doch auch dieser Autor will ihnen übel: Von Können und Klugheit hätte man niemals gehört, man hätte sich über mangelnden Fortschritt beschwert und vermißt der Menschen Gegrübel. Aber es kommt noch schlimmer: Füchse hätten die Leichen gefressen. Der letzte Vorwurf hat am besten gesessen: Man wüßte ihre Namen nimmer. Es gibt etwas, was der Autor nicht versteht, sondern schlicht zerstört und in sein Gegenteil verkehrt: Den Genuß der Anonymität.“
Und gelegentlich konnte er dieses Du, Dir, Dein zu Liebesgedichten nutzen und so tun als sei Harlem gemeint. Wilde, reine Farben in gewalttätigen Spiralen treiben wie Wolken über Deine Lippen und Deine Brustwarzen. Es donnert und blitzt von Deinen Zähnen, und der kurze Abstand zwischen uns ist elektrisch geladen wie in einem TV-Spot. Deine Beine stehen fest in der Erde wie wohlgewachsene Pflaumenbäume, meine Fingernägel strecken sich nach Deinen Knien, mein Mund will trinken, meine Lenden wollen sich hingeben, meine Sinne waten durch Deinen Sturm im V-Tal der Welt, die Du bist. Und noch später saß er mit zufälligen Kumpanen und beriet sich mit diesen, welche er zu seinen Neujahrsgedichten vereinen sollte.
Doch nie kam Gordon auf den Gedanken, wie der berühmte Münsteraner Sprachwissenschaftler, Schadensersatzklage zu erheben, wenn er sich in trivialen Schlüsselromanen als Hurenbock, Intrigant oder in einer anderen Rolle als Bösewicht wiederzuerkennen glaubte. Sein Geist arbeitete zu schnell, und zu sehr liebte er den Erfolg subtilerer Rache, seine Gegner in Sicherheit zu wiegen über Jahre hinaus, um ihnen dann unversehens aufgrund eigener Blößen den Boden zu entziehen. Er gab sich als graue Eminenz mehrerer Universitätspräsidenten, ohne je die eigenen Ziele und Wünsche aus den Augen zu verlieren. Er beherrschte die Klaviatur der schönen Rede, so dass die Lehre qualitativ hochwertig getauft wurde, Forschung renommiert war, jede gewollte Veränderung des institutionellen Rahmens der Transparenz und Partizipation diente, d.h. er verstand es vollkommen, die Fiktion als Realität erscheinen zu lassen Er war bereit, hinterher zu humpeln, wenn er sich sicher war, dass seine Vorstellungen verwirklicht wurden. Und doch besaß auch er in gewissen Winkeln seine Scham. Nicht seine Tante, sondern seine Großmutter, eine Portugiesin war unter dem Namen Flor de Coimbra als Marmorfigur aufgetreten, hatte aus dieser Position heraus einen heiteren deutschen Kriegsgewinnler von Grosz’scher Statur geehelicht, einen Gordon eben und hatte diesem zwei Kinder geschenkt, die sie auf die Namen Amarante und Tomar taufen ließ. Die starke Tomar litt ihr ganzes Leben unter der gutbürgerlichen Verruchtheit ihrer Mutter, Amarante wurde nur der Vater Gordons.

Sehr bald wurde dieses Arrangement von den Zwängen der Wirklichkeit eingeholt. Im Interesse der potentiellen und tatsächlichen künftigen Stifter wurde diesem Nucleus eine Rechtsprofessur zugeordnet, deren Inhalt die Abwehr von Strafverfahren für Manager war, die Formulierung von Verträgen, die alle Lasten den gegenüberstehenden Vertragspartnern aufbürdeten, der Erhalt von Grauzonen, damit sie und eventuelle Unternehmer nicht mehr tief fielen, zum Erhalt der Vorzeigeunternehmer, der mutigen Vorstandsvorsitzenden, ihnen noch ein wenig länger den Glauben zu erhalten, sie hätten den Realitätssinn nicht verloren. Nie wieder sollte im Interesse unserer Volkswirtschaft ein milliardenschwerer Selfmademan an seinen gigantischen Fehlinvestitionen scheitern, sich mit seinen Partnern überwerfen und in zweifelhafte Optionsgeschäfte verstricken, statt den Vergleich zu suchen oder gleich Abfindungen erhalten und sich zurückzuhalten, nicht Freunde, die widersprechen, zu verdrängen und gar mit Klagen zu überziehen. Der Inhaber oder die Inhaberin dieser Professur mußte die juristischen Fallstricke ebenso wie die Möglichkeiten kennen, Aspekte des Managements mit allen finanziellen Gefahren, vor allem aber die Psychologie und empfindliche Seele der Industriekapitäne. Hier bereits müssen die vermeidbaren Gefahren für Kommunikationsprozesse erkannt, auf dieser Ebene schon Pläne und Konzepte begleitet werden. Aufgehoben werden soll durch diese Aktivitäten der Glaube, es gehe nicht mehr, indem alle externen Faktoren analysiert und neutralisiert werden. Bei der Besetzung dieser Professur schließlich gelang der ganz große Coup. Gewonnen wurde gegen die Konkurrenz von Frau Siborska und trotz ihrer Unkenntnis, ob die Niagarafälle ihren Namen von „Ne yaygara“ – großer Lärm ableiteten jene klassisch ausgebildete Tänzerin aus dem erdnußreichen Bundesstaat Georgia, die zweite von sieben Töchtern, die von ihrem Vater, dem Lokalmatador von Georgia nach seinem Bilde erzogen worden war, die noch vor kurzem mit Hilfe einer deutschen Bank den Londoner Finanzmarkt durcheinandergewirbelt und vor allem im Bereich der Vice-Funds mit Kneipen, Kinos und Kyndal ihre Gewinne erzielt hatte, die diesen mörderischen Betrieb und seine Überlebensinstrumente kannte und nur darüber gestolpert war, dass sie in einem unaufmerksamen Augenblick aus ganz anderen und menschlichen Gründen Objekt der Regenbogenpresse geworden war und damit ein Interesse an allen ihren anderen Aktivitäten ausgelöst hatte. Kurzfristig war sie eine Person, deretwegen eine Linie in den Sand gezogen wurde, um die Öffentlichkeit vor anstößigen Inhalten zu schützen, doch hatte sie dies mit leicht verlegenen telegenen Auftritten in Anlehnung an Janet Jackson nach ihrem Nipplegate wieder fast ungeschehen machen können. Und bald folgten die ebenso schockierenden Auftritte noch prominenterer Prominenter, und der Neuanfang, und wenn auch „nur“ in Gütersloh, war gesichert. Diese Claudia Schiffer im Nadelstreifenanzug, als fast Fünfzigjährige noch mit Lolitagehabe und zwei Pfauenaugen, Ms Caroline Ffinch, wußte, worüber sie blutvoll und erfahren dozierte, und so entwickelte sich dieser Lehrstuhl bald zu einer eigenen Neben-GmbH unter dem Dach der Johannes-Universität mit einer Klientel, die, da sie mehr als vierzehn Pferde zu stiften pflegte, diskret mit dem Chauffeur die diskreteren Parkplätze unter den Fenstern des Rektorats nutzte. Ihre letztlich unproblematische Berufung war dem privatrechtlichen Status der Universität zu danken, der in diesem Falle von allen Interessierten, Bund, Land und Universitätsspitze still und effektiv genutzt wurde. Damit schloß sich der Kreis vom Maskottchen des lokalen Honoratiorenvereins, über cheerleader, stellvertretende Schulsprecherin, Stanford-Absolventin in mittelalterlicher Geschichte und Philosophie, Präsidentin der Investmentabteilung einer Bank – in dieser Rolle war es ihr nach eigener Aussage gelungen, gegen den Widerstand der orthodoxen Orientalen und säkularen Kritiker in Israel die Aufführung von Mel Gibsons „Leiden Christi“ dort zu einem Erfolg zu machen, den sie um einiges höher einschätzte als die Partizipation an den Gewinnen durch Öl für Lebensmittel – bis zur deutschen Professorin eine Siegerin in Schönheit über das allzu bürgerliche Gute, die viele Superstars des Bullenmarktes der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts re-respektabilisierte, indem sie ihre großzügigen Abfindungen, Parties, Yachten, handgefertigten Motorräder, Kunstsammlungen und Badezimmerspiele evaporisierte und törichte öffentliche und damit anscheinend justiziable Bemerkungen über die fehlende Kreditwürdigkeit von Kunden noch törichter und damit irrelevant erscheinen ließ. In Anlehnung an amerikanische Usancen und unter Berufung auf die Rechte der Aborigines gelang es Ms Ffinch, alte Gutsherrenrechte des Klosters Marienfeld in Billinghausen und Hörste im Lippischen Wald für die Universität wiederzubeleben.
Dennoch war sie nicht eine der Frauen, die mit weichen Knien, auf schwankenden Highheels, sondern mit trotzig erhobenem Haupt das mitgeschaffene Schlachtfeld verließ. Bei aller scheinbaren und so angenehmen angelsächsischen Konzilianz wußte sie, was sie wollte und setzte es durch. Sie gehörte zu den zwei Dritteln amerikanischer weiblicher Führungskräfte, die nicht eine der „Seven Sisters“ an der amerikanischen Ostküste absolviert hatte, dafür aber den seit 1848 erfolgreich eingeklagten Persönlichkeitsschutz Friedrichs, des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel im Interesse ihrer Klientel internalisiert hatte. Ihre Einwerbung brachte auch der Universität unendlichen Gewinn, da es ihr immer wieder gelang, die in der Industrie üblichen Abfindungen für Manager, die man loswerden wollte, für diese zu bewahren und zumindest teilweise in die universitären Kanäle zu lenken, einmal als Honorar, das andere Mal als dankbare Stiftung, indem sie ihnen den Status des „Wir sind das Volk“ verlieh. Auf diese Weise gelang es ihr auch, die Vergabe des deutschen Mittelstandspreises an ausländische Förderer des deutschen Mittelstandes an die Johannes-Universität zu binden, der vor ihrer Zeit an Bill Clinton und Zhu Rongji verliehen worden war, und unter ihrer Regie an den russischen Präsidenten auf Lebenszeit, den usbekischen Präsidenten auf Lebenszeit und an den ehemaligen irakischen Präsidenten Allawi gegeben wurde. Es gelang ihr, der Universität die sicheren Pfade durch das Anlegerschutzverbesserungsgesetz zu weisen, so dass manche finanziellen Transaktionen geheimbleiben durften. Es gelang ihr, erfolgreich und für ihren Klienten gewinnbringend die Echtheit der Cholmondeley-Urnen anzuzweifeln. Ihr wohl größter kaum noch meßbarer Erfolg in Deutschland war ihre entscheidende Beteiligung an den Schadensersatzverhandlungen von toll-collect auf welcher Seite auch immer, so wie Verteidiger angeklagter Chemiekonzerne auf Stehparties en passant potentielle und potente Kläger berieten oder Mr. Incredibles, der als Versicherungsvertreter seine Kunden beriet, mit welchen Winkelzügen sie dieselben seiner Firma unterlaufen könnten.
Frau Professor Ffinch war auch diejenige, die aufgrund ihres kosmopolitischen Auftretens den ersten doctor honoris causa der Johnnes-Universität moderieren, wenn auch nicht verleihen durfte, an einen der größten Schriftsteller unserer Zeit, der in seiner Dankesrede statt durch Philipp II. Monster zu zeugen, diese durch Elizabeth I. zu gebähren und damit den Amazonasdschungel zu bevölkern, ein politisch korrektes Glaubensbekenntnis zur Anwendung des Rechts in den internationalen Beziehungen abgab. Nach einer putzigen kolumbianischen Kindergruppe versuchte Ms Ffinch, ihre Rolle als Konzelebrantin auszubauen, aber nicht nur Ms Ffinch hielt eine laudatio in Spanisch, die sie mit immer wieder neckisch zurückgeworfener Haargardine selbst ins mit einem apparten amerikanischen Akzent untermalte Deutsche übersetzte – lediglich das „j’accuse“ Emile Zolas blieb in beiden Versionen erhalten, und es kam zu einem charmanten Eklat, als der Gewürdigte eine Bemerkung in der Rede von Frau Ffinch, dass in seinem letzten Werk lange vor dem unbedeutenden Zürich ein bedeutender Beitrag über Bildung – educacion – zu finden sei, in der Weise erwiderte, dass für ihn Zürich wichtig gewesen sei, weil er dort Thomas Mann leibhaftig erlebt habe. Nicht nur Ms Ffinch küßte linkisch die Pianistin des Rahmenprogramms auf die Wange, wobei sie, um andere physische Berührungen zu vermeiden und sich der Standfestigkeit zu versichern, die schwarzbestrumpften Beine aus dem Röckchen zur Seite und den Hintern nach hinten hinausspreizte. Es war die letzte Stufe vor dem wahren Gesicht der Verführung ohne Perücke, Zahnprothese und Schminke. Frau Grebenstein hielt in einem solchen Falle, wie sie von ihrem Mentor Otto gelernt hatte, die Begrüßungsansprache in verständlichem Englisch, Frau Kim-Sebestyn verglich das Werk des Meisters auf Englisch, Französisch und Deutsch mißverstanden mit dem Oeuvre Fernand Legers, Professor Schneider durfte die Begründung für die Verleihung des Doktors ehrenhalber verlesen. Das Ereignis oder eher der Gewürdigte waren so bedeutend, dass alle Universitätsgroupies und wags versammelt waren, in zu engen, meist schwarzen Bustiers und kupferfarben aufgefrischtem Haar ihren Freundinnen mit der türkischen Handbewegung „komm her!“ einen oder mehrere Plätze im bereits überfüllten Auditorium anboten, einander verschwörerisch zunickten und in bester Manier die Fernsehversion einer Münchener Schickeria kopierten. Auf manchem Professorengesicht in den ersten drei Reihen lag ein seeliges Lächeln, indem sie sich einmal mehr der Prominenz als Glaukos bedienten. Der geehrte wiederholte im Habitus eines makellos angezogenen Konferenzhabitués zum dritten Mal unbemerkt von der anbetenden Gemeinde eine schaumige Rede, und wäre nicht die spontane Bemerkung zu Zürich gewesen, man hätte an einen bezahlten Doppelgänger denken müssen. Von außen hätten durchs Fenster einzelne Redner erschossen werden können.
Ms Ffinch spielte tatsächlich gekonnt eine Doppelrolle, indem sie andererseits den alten ökonomischen Grundsatz lehrte: „Man tut gewisse Dinge eben nicht. Ganz unabhängig davon, ob sie strafbar sind oder nicht.“ Sie trat für Tansparenz im Geschäftsleben als Korrektiv ein, für die Verantwortung des Managers bei von ihm zu verantwortenden Fehlentscheidungen, eine glückliche Wahl eines kaum lösbaren Problems. Immer wieder handelte sie danach und umschrieb diskret ein wirtschaftswissenschaftliches Dogma: „Im ökonomisierten Leben geht es um Interessen statt Ideen.“ Vor allen Dingen aber machte sie sich stark für die Corporate Social Responsibility größerer Unternehmen, initiierte Abmahnverfahren gegen Firmen und Behörden, wenn diese nicht den gesetzlich festgeschriebenen europäischen Gleichheitsgrundsatz in ihren Stellenausschreibungen beachteten, und verstand es auf diese Weise, Gelder in die richtige Richtung zu lenken. Sie zog sich ihre Key Clients heran, mit denen sie im Dialog mit der der Partnership innewohnenden Power an der Konzipierung und Umsetzung von intelligenten Anlagelösungen für eben diese ihre vermögenden Privatkunden arbeitete. Sie war, so lange es dauerte, die einzige ernstzunehmende Konkurrenz der UBS Wealth Management AG in Deutschland zumindest. Immer wieder erkannte sie sehr schnell die Notwendigkeiten, die sich aus einer sich verändernden Sytematik der ökonomischen Welt ergaben, nutzte ihre Bekanntschaft mit Donald Hodel für Beteiligungen an der Ölförderung in Alaska und erweiterte das Fächer- oder eher Studienangebot ihres nucleus um Komitologie, um mit den daraus hervorgehenden Absolventen erfolgreich die Compliance-Abteilungen der Großbanken, Finanzholdings und anderer darauf angewiesener Institutionen zu besetzen. Wofür sie allerdings keine Zeit hatte, war, ihren deutschen Kollegen englischsprachige Tutoren zu vermitteln, so dass sie auf schwäbische Ratschläge angewiesen waren. Und so gingen erstaunliche Gutachten auch aus der Johannes-Universität hervor, z.B.: „Mr. Wit studies Comparative and Indo-European linguistics at my seminar since 2008. He was noticeable to me at the beginning as an intelligent, attentive and purposeful student. His achievements were from the outset very good. The list of the visited lectures submitted by Mr. Wit shows clearly the good planning of his studies.
Mr. Wit and I stand since the beginning in good discussion. As I know, he has already since longer the desire to be able to push a Tagalog academic year in. I support this much and can only stress that the combination of historical and gene¬ral linguistics is of outstanding interest. Mr. Wit is in the best way prepared and can use the offers well, also for his study conclusion at our university.“
Aber auch die Johannes-Universität, die sich durch Stiftungen, die sich nicht nur aus Barvermögen zusammensetzen, nicht nur die dynamischste Sammlungspolitik für internationale Kulturgüter betrieben, sondern inzwischen Immobilien in einer Streulage über Deutschland, Kanada und Brasilien in das Eigentum der Universität überführt hatten, mußte den Vergleich mit den größten Fürstbischöfen der frühen Neuzeit kaum scheuen. Allein in Ostfalen hatte die Universität Besitzungen zu Driburg, Steinberg, Feldrom, Baddenhusen, Holthusen, Flechtheim, Sudheim, Rheder, Herste, Siddessen, Völkersen, Dodenhusen, Schmechten, Driburg, Buke, Altenbeken, Hembsen und Brakel. Hinzu kamen gewichtige Beteiligungen an Industrien im Technologiebereich. Die Universität hatte einen hinreichend langen finanziellen Atem, um die Chips-Fabrik in Frankfurt/Oder auf Erfolgskurs zu steuern. Still und leise hatte sie eine gewichtige Stimme in der deutschen und internationalen Medienindustrie gewonnen, so stillschweigend, dass sich das einige Jahre fürsorgliche gepflegte Küken emanzipiert hatte und seinen Eltern jetzt sagte, welche Wege beschritten werden sollten. Und dennoch gab es einige politische Instanzen, mit denen man sich immer noch ins Benehmen setzen mußte, mit Gremien wie dem Basler Ausschuß, der OECD, der IOSCO, der IAIS, dem International Accounting Standards Board usw., um z.B. den Entwurf des Anlegerschutzverbesserungsgesetzes, mit dem die Marktmißbrauchsrichtlinien umgesetzt werden sollten, im Interesse der Universität zu analysieren und schließlich zu entschärfen. Frau Ffinch bekam einen nie erwarteten Stellenwert und war in guten Zeiten der kräftigste Motor der universitären Entwicklung, die sich eben auch deshalb Leute wie van Groningen und Manoilescu leisten konnte, während die Ffinch, die Grebenstein und die Kim-Sebestyn zusammen mit dem Sluggan und einer längst instrumentalisierten Jentner hinter Intellektualität den erfolgreichen Machtwillen verbargen, längst wie die Feldwespen mit ihrer jeweils hierarchisch erfolgreichen Gesichtszeichnung die besten Waben für sich in Besitz genommen und das Privileg, wissenschaftlichen Nachwuchs zu zeugen, unter sich aufgeteilt hatten.
Es gab auch andere große universitäre Feste. Noch in der Blütezeit der Universität feierte Sluggan seinen sechzigsten Geburtstag. Nicht nur wurde er für seine einflußreiche friedenssichernde Forschung mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse am Bande geehrt, das ihm von der ländlichen Wissenschaftsministerin, längst gefangen in der Verführung durch eine reiche Privatuniversität, überreicht wurde und das er mit großer Contenance entgegennahm, obwohl er mehr als einmal in seinem jüngeren Leben öffentlich erklärt hatte, er werde sich als überzeugter Anhänger der NGOs jeder staatlichen Ehrung verweigern, es gab auch den Festvortrag von Frau Grebenstein persönlich, in dem sie diskret und doch intim ihren gemeinsamen Weg an der Johannes-Universität nachzeichnete und sich an unvergeßliche gemeinsame Gespräche über Lösungsmöglichkeiten für die Probleme unserer Welt entsann. Eine internationale Gemeinschaft von Studierenden führte als Theaterstück den würdevollen Rücktritt König Sihanouks im Jahre 2004 vor, an dem Sluggan nach eigener Aussage nicht unbeteiligt gewesen war, um die friedensgetränkte Versöhnung im kambodianischen Volk zu beschleunigen. Nach schöner subtropischer Sitte umhängten die Studenten zum Abschluß ihrer Aufführung Sluggan mit einer Kette aus Orchideen, ihn als wahren ungekrönten König nicht nur Kambodias ehrend. Danach traten seine Mitarbeiter auf. Heimlich hatten sie für ihn eine Festschrift vorbereitet. Ganz überraschend für ihn wurde sie ihm mit Beiträgen seiner Kollegen, Mitarbeiter und Schüler über Konfliktbewältigung von Sippenfehden in südchinesischen Dörfern, mit einer Neubewertung des Pol Pot-Regimes aus zeitlich hinreichender Distanz, mit unverhältnismäßig zahlreichen Beiträgen über den irischen Freiheitskampf von Parnell bis Gerry Adams überreicht. Danach war der Stormond unser. Dieses Bündel von Ehrungen zwang ihn wider Willen zu einer fast einstündigen Dankesrede, in der er seinen Lebensweg von Wicklow über Paris, New York und Angkor Vat bis nach Canberra, Beijing und schließlich Gütersloh nachzeichnete, wie er zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten Aristoteles, Thomas von Aquin, Kant, Hegel, Derrida, Luhmann und weitere Größen, deren Namen er fallen ließ, falsifiziert habe. Zum letzten Mal beschwor er öffentlich mit auf dem Rücken gekreuzten Fingern die liberale Duzgesellschaft. Es war ein großes Ereignis, das nur Leute wie Frau Labé und Guby vorzeitig verließen, indem sie sich in ein regennasses vom Akt gefangenes Gütersloh hinauswagten.

Lesender Weise 14

Systematik
Es sollte eine Professur sein, die durch eine Persönlichkeit vertreten wurde, die in der Lage war, nicht nur die Logik zu vermitteln, die darin besteht zu beweisen, dass die Luft aus einem Reifen entweicht, wenn man das Ventil öffnet, vielmehr sollten sehr viel komplexere Zusammenhänge erschlossen werden, die Folgen des Subventionsabbaus für die Konjunktur, die Folgen der Privatisierung von Krankheit und Bundeswehr, die Folgen, wenn der Staat wieder loslassen kann, die Folgen des Billiardeffekts, wenn die Erde durch einen Asteroiden aus ihrer Bahn gerollt würde. Diese Persönlichkeit sollte Velikovsky und Röpke ebenso kennen wie Hajek, Popper und Helpach, die Karl in einem Trierer Antiquariat als die seinen einträchtig nebeneinander wiedererkannte. Er sollte als Praktiker die Konsequenzen eines versagenden Violinisten für das ganze Orchester, als ehemals als solcher tätig die Folgen öffentlich gemachter Ratschläge von Analysten lehren. Kurzum er sollte in der Lage sein, eine handhabbare Theorie der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Praxis bis hin zum Medium der „Stillen Post“ als Instrument zum Kanzlersturz als Rezept zu vermitteln. Sollte etwa der Moralität im politischen Handeln die Legalität vorgezogen werden? Dies sollte neben Global Governance die zweite wichtige Professur sein, besetzt mit einem Mozart der Wissenschaften.
Karl war unausgesprochen mit den anderen Mitgliedern des Gründungssenats einig, dass auf diese Position jemand berufen werden sollte, der zu groß war, um ein Netzwerk weiter zu benötigen, naiv genug war, seine Größe falsch einzuschätzen. Es sollte mindestens ein Leibniz-Preisträger sein, ein Nobelpreisträger gar, aus dem elitären Topf der denkenden Wirtschaftspreisträger. Und schließlich sollte seine Internationalität deutsche Wurzeln haben, die die UNO, UNESCO, WTO einschlossen, die WHO oder ILO ebenso geprägt hatten wie die heimische Entwicklung. Diesen Mann – und diesmal war es ein Mann – gab es, man mußte ihn nur gewinnen, ihn aus seinem Bamberger bischöflichen Palais hervorlocken, ihn mit einem der Schlösser in der Umgebung als Privatresidenz versuchen. Dies war Peter Schneider, der nicht nur tatsächlich so hieß, sondern der seine Professur nicht nur als Bekenntnis, vielmehr als höchste Berufung verstand, der in einen Arbeitstag von vier Uhr früh bis zwanzig Uhr abends nicht nur die Befriedigung seiner Studenten stecken konnte, sondern zusätzlich Seminare zur Weinerkennung und zum Essen, um die Geschmackszellen auf der Zunge zu identifizieren, zur Theorie der Musik als emanzipierter Kunstgattung abhielt, ganz zu schweigen von seinen synaesthesistischen Versuchen, der Musik und ebenso einem grauen Tag Farbe zu verleihen, mit Ministerpräsidenten und gelegentlich Ministern konferierte, sie beriet, politische und wissenschaftliche Papiere schrieb und über all dies hinaus mit seiner Familie, einer Frau und drei Töchtern, kommunizierte und joggte.
Es würde nicht leicht sein, ihn aus seinem Bamberger Refugium und aus seiner prachtvollen Schale herauszureißen. Es mußten Verlockungen geschaffen werden, die denen der großen renommierten amerikanischen Universitäten entsprachen. Diesen hatte er bisher patriotisch – ein wieder erlaubtes Wort in Deutschland – widerstanden, um seine Töchter in deutschen Gymnasien belassen zu können und die deutsche bisherige Alterssicherung nicht aufzugeben. Wenn dies nicht nur die bösen Zungen weniger erfolgreicher Kollegen waren, dann hatte Gütersloh gegen¬über den Amerikanern einen unvergleichlichen Vorteil. Hier konnten die deutschen Bundesgesetze gelten.
Widerstände gegen diese Professur, die dahingehend geäußert wurden, dass es schwer genug sei, die Werke frei umhergehender Philosophen zu erklären, unmög¬lich aber bei denen, die an der Kette liegen, wurden wegen Unverständlichkeit ge¬plättet. Inez Jentner setzte sich für Frau Siborska ein. Van Groningen war ein weiteres Mitglied der Professorenschaft und damit oft Mitglied der Berufungskommissionen. Nachdem er von den Melungeons gelesen und diese in ihrer Heimat in Ost Kentucky aufgesucht hatte, fragte er jeden Kandidaten für eine Professur nach der Mőglichkeit türkischer Wurzeln bestimmter Wőrter, diese Mal, ob Kentucky vielleicht tatächlich aus „Kan tok“ – gefüllt mit Blut entstanden sei.

Lesender Weise 13

Abschweifungen
Das muss ich noch einmal überarbeiten, bearbeiten, zensieren etc.

Freitag, 21. Januar 2011

Lesender Weise 12

Was ist Geschichte?
Die historische Grundierung der global governance scheint unverzichtbar – so der übereinstimmende Tenor im Gründungssenat, auch wenn dabei der klare Gedanke zu verwildern droht und in die Mikrohistorie abgleitet. Selten ist ein Fach in der gleichen Weise geeignet, personalpolitische Erwägungen zurücktreten zu lassen.
Mit Herrn Herbert ist Karl nicht verwandt und doch merkt er, dass man in den fünfziger und frühen sechziger Jahren, wie immer, auch dann in verschiedenen Welten leben konnte, die Welt verschieden erfahren konnte, aus sich selbst heraus und aus dem Paket Jahrhunderte alter idiosynkratischer Erfahrungen, die auch in einer Person nicht unbedingt zueinander passen mußten. Seine Mutter konnte die familiäre Bequemlichkeit empfindlich stören, wenn sie eine ihrer Tiraden über die fünfhundertjährige dänische Nacht über dem unschuldigen Norwegen vortrug und fast im gleichen Atemzug die Inschrift auf Amalie Skrams Grabstein zitierte „dansk kvinde og dansk forfatterinde“, um die Bigotterie der Norweger zu geißeln, aber gekränkt war, dass Albert Langen die Skram als dänische Autorin geführt hatte. Ludvig Holberg und Peter Wessel wurden selbstverständlich für Norwegen vereinnahmt. Noch hundert Jahre nach ihrer Geburt, die diesseits der Personalunion mit Dänemark lag, erinnerten sich Norwegerinnen an die Entmündigung durch Dänen und Schweden, und sie nahmen diese als Rechtfertigung für jugendlich verantwortungsloses Handeln.
Doch war ihr nicht nur die Hafenstadt, in die die Seeleute ihre Frauen aus Westindien brachten, zu eng, sondern auch Kristiania, wenn sie auch die französischen Chansons in ihrer norwegischen Fassung begeistert und scheußlich sang, in der dann Karl-Johann duften konnte wie das Viertel hinter dem Gare de Lyon, bei Blom oder in Theatercaféen man scheinbar teilnahm an den Treffen der norwegischen Bohème um 1900.
Vielleicht raubten diese genetischen Erinnerungen an Dänemark, an die jüngeren nichtsnutzigen dänischen Söhne, die sich durch Einheirat die reichen westnorwegischen Bauernhöfe aneigneten, die Erinnerungen an die deutsch- und schottischstämmige Oberklasse in Eidsvold, Karl nicht die Sensibilität, doch das mitfühlende Verständnis für die psychischen Knoten in den Seelen der Angehörigen der verschiedenen Stämme der Erde, die arabischen Vorbehalte gegen die Türken, die der Türken gegen die Briten, die der balkanischen Völker gegen die Türken, der Rumänen gegen die Ungarn, der Kroaten gegen die Serben, der Basken und Indios gegen die Spanier, der Samen gegen die Norweger – diese Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Karl schwankte immer wieder später zwischen dem Wunsch, man möge das sogenannte kollektive Leid vergessen und dem Wissen, es wissen zu müssen. Und er erinnerte sich an die Lektüre der Worte des Vizebanus Georg Jellačić im kroatischen Landtag, dem Sabor, im Jahre 1867: „Ich wollte mein Volk lieber unter dem türkischen Joch sehen als unter dem ausschließlichen Einfluß seiner anderen zivilisierten Nachbarn. Denn die Türken begnügen sich mit dem Vermögen und bisweilen auch mit dem Leib der geknechteten Völker. Die zivilisierten Nationen aber verlangen von denen, über die sie herrschen, außer Vermögen und Leib auch noch die Seele, das heißt die Nationalität“, nicht anders als ein Goanese, der die deutsche Sanitärkeramik studierte und auf die Gratulation, endlich von Portugal befreit zu sein, bemerkte, „Portugal war weit, und Indien ist nah.“
Herr Herbert öffnet die alten Schubladen und identifiziert noch vor Günter Grass Mief – größer als den im Dritten Reich, und Karl denkt, wo mögen die Möbel, zu denen sie gehörten, gestanden haben? Gab es nie sonst eine Erinnerung an Breuersche Stahlskelette auf den Trümmern nach einem 13. November 1943? Die Erinnerung daran provozierte die Mutter zunächst zu immer neuen Beschreibungen, wie sie sich ein Heim geschaffen hatte: „Könnt Ihr Euch an unsere Räume im alten Westen erinnern, Kinder? Da war Papas Arbeitszimmer mit dem großen einfachen Schreibtisch und die vielen Bücherschränke, die wir aus Ungarn bekommen hatten. Warum Schränke aus Ungarn bekommen, wenn man in Berlin wohnte. Komisch. Es war aber einer der kleinen Zufälle, an denen unser Leben immer reich gewesen ist. Ungarische Freunde wollten nach Berlin ziehen. Sie hatten schon eine Wohnung gefunden und Teile ihrer Möbel herübergebracht. Darunter waren auch Schränke, gemacht aus schönem Holz von ihrem eigenen Walde in den Karpathen. Weltpolitische Ereignisse verhinderten aber doch im letzten Moment den geplanten Umzug. Die schon angekommenen Sachen wurden aber großzügig an Berliner Freunde verschenkt. Und so kam es, dass in Papas Arbeitszimmer ungarische Schränke standen. Sie sahen nicht viel anders aus als deutsche Schränke. Aber weil wir den Wald in den Karpathen, wo sie einst als Bäume gestanden hatten, so gut kannten, waren sie für uns doch echt ungarisch und ein Band zwischen dem tiefen Wald dort unten im Südosten und unserem Berliner alten Westen. Es ließen sich vor allem so wunderbar Geschichten daran anknüpfen, Geschichten von Land und Leuten und Begebenheiten der fernen Gegend.
An den Fenstern hingen leuchtend rostrote Vorhänge als schöner Kontrast zu den ganz hellgrünen Wänden. So sah es im Arbeitszimmer fast immer sonnig freundlich aus, auch wenn es draußen trübe und grau war.
Im übrigen hatten alle unsere Zimmer diese hellen zartgrauen Wände und alle Fenster und Türen rostrote oder kornblumenblaue Vorhänge. Ich liebte diese Farben. Sie wirkten so wohltuend und beruhigend auf das Gemüt.
Neben dem Arbeitszimmer war das Wohnzimmer. Hier stand der alte Biedermeierschrank, den wir von Papas Großtante geerbt hatten. Das sieben Zentner schwere Buffet mit dazugehörigen Stühlen, das wir auch geerbt hatten, hatten wir schnell verkauft. Andere ebenso schwere Sachen hatten wir verheizt. Der Biedermeierschrank war aber hübsch und er vertrug sich sehr gut mit den italienischen Renaissancestühlen, die in seiner Nähe standen. In einer anderen Ecke standen die Stahlstühle, blinkender Stahl, schwarzes Holz und sandfarbener Bezug. Ich hatte eine Schwäche für Stahlmöbel. Die meisten Menschen hatten das nicht. Sie fanden sie zu kalt wie sie immer sagten.“ Die rostroten und kornblumenblauen Vorhänge waren immer zur Seite gezogen, weil in einem frühen Film einmal eine Dolchhand aus einem Vorhang gezuckt war.
Diese Erinnerungen spornten sie an zur Suche nach einer lebenswert schönen Umgebung, weckten die Gier auf das Vergnügen an japanischer Kargheit in 1955, den Genuß an der schwedischen Modernität der gleichen Jahre und die Verachtung für klägliche französische Versuche, Gartenmöbel aus Versailles in das bürgerliche Wohnzimmer zu holen. Und wenn es irgendwie ging, ging man in die Maximiliansstraße zu „Form im Raum“, erfuhr dort von einem Textildrucker in einem Dorf vor den Toren Amsterdams und versuchte, auch dorthin zu gelangen.
Oder hatte er nie die Normalität gekannt? War es nicht normal, sich selbst als Kind verhungert durch den Hirsebrei von Übersetzungen englischer, amerikanischer, französischer und anderer Literatur zu fressen, angefangen mit den von der Militärregierung lizenzierten Übersetzungen von Arthur Ransome über Louisa May Alcott, Laura Ingalls Wilder zu jedes Jahr einer neuen Übersetzung eines Woolfschen Romans seit 1954 in den heute noch strahlend kanariengelben Leinenbänden des Fischer Verlages? Erlebte das Jahr 1953 nur den bedeutend unbedeutenden 17. Juni, und nicht auch in der April-Ausgabe von Nature die Entdeckung der Struktur des Erbmaterials in Form einer Doppelhelix und damit die Freude an einer farbigen Wissenschaft gegen das ideologisierende Grau, das sich zum Teil bis heute fortsetzt? – Und als Nicht-Naturwissenschaftler kann man dann das Wort Desoxyribonukleinsäure üben, diese bzw. in Verbindung mit frühen chinesischen Bauernregeln bringen. War es nicht ein wiederbelebendes Glücksgefühl, wenn man über L’Allemagne de nos mérites las? Selbst die später so graue DDR photographierte ihren Wartburg im Schwetzinger Schloßpark vor der Moschee heiter und beschwingt wie zum Pfingst- und Rosenfest Carl Theodors. Gab es nicht die zornigen jungen Männer des Jahres 1956? Wurde nicht neben den Wiederentdeckungen, den Neuentdeckungen, auch das Wissen um die Zerstörung der Erde durch den Menschen gepflanzt? Wurde nicht in diesem langen Jahrzehnt das Libretto geschrieben, dem die Aufständischen nach 1968 folgten, nachdem Herausgeber und Chefredakteur der Welt ihre politischen Vorstellungen bei Chruschtschow nicht hatten durchsetzen können und beleidigt die westliche Welt wählten? Vielleicht lag es an der Mutter, dass das Familienleben damals oft einem Picknick auf dem Vulkan ähnelte, wenn um alles gestritten wurde, um Gott, um die Hölle, und immer wieder um Politik, aus der die Sprache – nicht immer die Inhalte – der kürzlich vergangenen Jahre verschwunden war.
Karl nicht, aber seine ältere Schwester, die er später in gewisser Weise aus den Augen verlor, aber immer aufsuchen konnte, wenn der Rest der Welt verloren ging, hatte zu den Kindern gehört, die mit dem Ranzen über dem Kopf von und zur Schule rannten als kärglichen Schutz gegen drohende Tiefflieger. Auch sie gehörte zu den Menschen, die dann durchatmen konnten, doch mit einer anderen Vergangenheitserfahrung als Karl, bei dem es das Unterbewußte war, das sein Erleben des Lebens begleitete.
War er denn nicht auch in der Meldestelle auf der Brache zwischen Schrebergärten auf halbem Wege von der Kaiserswerther zur Collenbachstraße gewesen, lange bevor Kennedy mit einer neuen Ausfallstraße geehrt wurde und die Damen im öffentlichen Dienst geduldig resigniert versuchten, das richtige Programm auf ihre Computerbildschirme zu rufen? Selbst der überfüllte Warteraum damals hatte einen dauernd wechselnden Charakter, manchmal war die Stimmung kleinmütig gedrückt angesichts eines Obrigkeitsstaates, wenn auch selbst damals nicht so schlimm wie noch heute in den Konsulaten mancher Länder, wo die Abfertigungsluken eine Annäherung nur in gebückter Haltung zulassen und vom Beamten nur die Sicht auf seinen Torso von den abwehrenden, vielleicht schließlich gewährenden Händen bis zum verweigernden oder bloß erschwerenden Mund freigeben.
Die Luft war alt und dick von Ausdünstungen und Tabakqualm. Doch manchmal war es wie der schönste Platz der Welt, dann malten Rauch und Staub Kringel in die Sonnenstrahlen, man konnte durch die schlierigen Fenster oder sogar am offenen auf der Fensterbank hockend die braungrüne Wildnis vor dem Amt wahrnehmen. Doch vor allen Dingen war mancher dort, den beantragten Paß zu holen, mit diesem an anderen Stellen die notwendigen Visa zuerst zu bekommen, später mit diesen allein sanft auszubrechen, die neue Freiheit zu genießen, sich beim Chinesen in Genf den Mantel stehlen zu lassen, in der Rue des Ternes zu flippern. Karl glaubt, sich an die Kneipe zu erinnern, außen an die gußeisernen, jugendstiligen Fensterrahmen, die von vielen Schichten gelber Rostfarbe in ihrer Form undeutlich geworden waren, drinnen an scheinbar endlos lange ausgetretene dunkel gewordene Dielen und aus unerfindlichen Gründen fast immer drei amüsierte Franzosen, die dem elfjährigen Jungen eine hineichende Zahl von 20-Francs-Stücken wechselten. Es war nicht Verdrängung, es war auch die Freude, die stumm machte. Es war bei einigen der natürliche Wunsch zu glauben, wenn schon nicht Elisabeth Philipp von Spanien geheiratet hatte, Jakob II. nicht nicht geflohen war, dass vielleicht die jüngste Vergangenheit ein bloßer Traum, eine Zeit voller ungefährlicher Petitessen gewesen sei. Dies war die Zeit, in der noch die Erinnerung an Krakau, an Maribor oder die Walachei lebendig war, in der man wußte, was diese Städte und Landschaften ausmachte, bevor sie für fünfzig Jahre in Westeuropa zu fast vergessenen Melodien wurden.
Viel neuer war die Entdeckung Westeuropas. Nur wenig später gelangte man mit dem Zug über Ostende und Dover nach London, über Hammersmith nach Sheperds Bush, in die Goldhawk Road und von dort in eine weitere Nebenstraße, die Cathnor Road, zu der so ungemein liebenswerten weißruthenischen Exilregierung, Vater und Sohn, wo er stundenlang mit der rundlichen Frau des Sohnes, einer so typische Engländerin, in diesem Falle mit einer norwegischen, nicht irischen Großmutter, Tee trank, der in einer wattierten Holzkiste warmgehalten wurde und Abends die ganze Bitternis des Tages hinunterspülte. Mit ihr wanderte er auch in der Osternacht zur orthodoxen Kirche in der Gegend zwischen Notting Hill Gate vor den Rassenunruhen und vor dem in jedem Englischlehrbuch vertretenen Karneval der Kulturen dort und Bayswater mit seinen überteuerten Mittelklassehotels, wo sie darauf hofften, Prinz Philipp zu sehen, der aber bis drei Uhr nachts nicht auftauchte. Dann täuschte sie eine Ohnmacht vor, um den Herrn nicht im Morgengrauen begrüßen zu müssen. In der Cathnor Road lebte man mit den Menschen zusammen, die alles mit einem Wortschatz von fünfhundert Wörtern sagen konnten und die nichts dagegen gehabt hätten, Karl an einem der nächtlichen Streifzüge nach von Lastern heruntergefallenen Elektrogeräten teilhaben zu lassen.
Viele hatten keinen Partner, sich auszutauschen, in gleicher Weise wie Joschka Fischer fast ein halbes Jahrhundert später über seine eigene Vergangenheit sagte, sie könne nur verstehen, wer dabeigewesen sei.
Sollte man mit den Kindern reden? Aber ja, Karl wuchs in einer Familie auf, in der geredet wurde, genug davon. Karl ging in ein Gymnasium, in dem geredet wurde, nicht das gleiche wie zu Hause, aber an beiden Orten gab es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die gefüllt wurde mit den freudigen jugendlichen Erwartungen, den persönlichen und gesellschaftlichen Erschütterungen, die verteidigt, erklärt und verurteilt wurden. Wir mußten uns an Berlin ohne Schlüter und Dresden ohne den Zwinger gewöhnen, ganz zu schweigen von der spät, aber längst wieder erstandenen Frauenkirche. Traf Karl auf die einzigen hundert Menschen, die kommunizierten, sich bemühten zu verstehen, es für sich in manchem taten, die eine Geschichte und Träume hatten, die sie vermitteln wollten für die Gegenwart und Zukunft, die voller Neugier die Außenwelt wahrnahmen, nachholten und weitergingen, zu Rodin zurückkehrten und Giacometti für sich entdeckten und hofften, ihm in seinem angeblichen Lieblingscafé in der Rue d’Alésia zu begegnen, das Bauhaus über die Jahre gerettet hatten, die Sparsamkeit von Knoll-Möbeln genossen und die Liebe zu Le Corbusier in die fünfziger Jahre hineintrugen, ihm in Ronchamps die ganz eigene Beziehung zu Gott verdankten? Nie war dieser näher, und was Karl mit seiner Familie und vielen Freunden erfuhr, war, endlich allein sein zu dürfen, nicht bekennen und marschieren zu müssen. Und ging man nicht in seine Kirche, so saß man doch in einem Eiermannstuhl. Dies machte unempfänglich für einen kollektiven Willen, es ließ Pater Leppich und andere Tribune zu bloßen Schaustellern verkommen, gleichgültig, wie gut ihre Sache war. Trotz Klaus Doldingers hommage an Zarah Leander blieb diese ein unberührtes Wesen aus einer anderen Welt, deren Stimme mit der großen, etwas schwerfälligen Gestalt darum bereits in den dreißiger Jahren von China über Zentralasien bis Deutschland geliebt wurde. Und wir durften Picasso zum größten Maler aller Zeiten erklären.
Und dabei wuchs Karl noch nicht einmal in einem Ort wie Iserlohn auf, aus dem ein Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Tage nach Goethes Geburtstag im Jahre 2003 berichtete: „Was soll die plumpe Verdammung eines ganzen Jahrzehnts und seines geistigen Klimas? Ich habe die Fünfziger als Teenager in der westfälischen Mittelstadt Iserlohn durchlebt und wie die meisten meiner Generationskollegen von „Mief und Muff“ wenig gespürt. Im Gegenteil: Ein junger, wacher Mensch lebte damals auch als Provinzler in einer optimistischen Stimmung des Aufbruchs und der ständigen Auseinandersetzung mit neuen Strömungen von Literatur, Musik, Theater und Technik. Es gab eine beachtliche Jazzszene, Experimentierbühnen, Filmclubs und bestens sortierte Büchereien. In der Schule und in der kirchlichen Jugendarbeit wurde (entgegen hartnäckigen Behauptungen späterer Betroffenheitsprofis) die Nazi-Vergangenheit nicht „totgeschwiegen“. Ich jedenfalls erinnere mich an die Deutsch-Lektüre von Albrecht Goes‘ „Unruhige Nacht“ und „Das Brandopfer“ sowie an Diskussionen über Eugen Kogons „Der SS-Staat“, verbreitet als preiswertes Taschenbuch. Und was die Lehrer betraf, so waren die allermeisten kenntnisreiche Respektspersonen, für die der heute vielfach pädagogen-typische Schlamp- und Freizeitlook vor der Klasse undenkbar gewesen wäre. Natürlich fand die damalige „Jugend von heute“ manches entsetzlich spießig und gestrig. Aber sie suchte sich ihre Ventile, und sei es im Rock ‚n‘ Roll, der 1955 mit Wucht hereinbrach.“ Wahrscheinlich hat der Autor, Herr Hoffmann, Sekou Touré nicht mehr erlebt – aber das war vielleicht schon 1960, der von Paris verwöhnt und daran gewöhnt, am Goethe-Institut zu Iserlohn einen Provinzkoller bekam und eines Nachts die Schaufensterscheiben auf der Iserlohner Hauptstraße zertrümmerte. Vielleicht haben Herr Hoffmann wie auch Karl das Jahrhundert verwechselt, das wunderbare Jahr war 1859. Vergessen haben beide, dass eine für manche unverzichtbare gegenwärtige Politik mit den entsprechenden Auseinandersetzungen bewußt – endlich wird man in Ruhe gelassen! – und auch unfreiwillig, weil wir endlich wieder irgendwohin gehörten, ausgeblendet wurde. MacCarthy wirkte, war aber weit weg, und erst Jahrzehnte später wurde uns aus der Geschichte, aus den Nachrufen für Karl August Wittfogel und anderen bewußt, dass es immer nur darauf ankam, in welchen Losbecher wir zufällig geraten waren.
Von seinem Vater hatte Karl gelernt, es sei genug, immer seinen Paß und eine Zahnbürste mit sich zu tragen, dann sei man frei und könne weiter fliehen als nur bis in den Schutz des kirchlichen Paradieses, so schön dies auch war, wie in Maria Laach. So konnte man sich jeder Zivilstreife stellen, die im Hofgarten Karl für einen entlaufenen Fürsorgezögling hielt. Aber das war schon in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, in der ersten hatte man in der Schule unbefangen über des vielleicht neuen Deutschlands Beteiligung an der EVG gestritten und gelernt, dass man sich mit einer Handtasche über dem Kopf hinter einem Stuhl vor der Atombombe schützen könne, während man heute bereits vorsichtig sein muß, Bratkartoffeln oder gar Pommes frittes zu essen wegen des krebserregenden Acrylamids. Dass der amerikanische Verteidigungsminister fünfzig Jahre später immer noch sagen konnte „duck and cover“, das hätten wir damals vielleicht geglaubt, doch war auch Hiroshima sehr nah, und das angeratene Klebeband hatte die Tendenz, sich in sich selbst zu verfangen. Und doch müssen wir es wieder glauben, denn der nächste Ratschlag zwanzig Jahre später war, Distanz zu halten, und inzwischen ist die Halbwertzeit so kurz geworden, dass die Amerikaner in Tuwaitha gefahrlos der Bevölkerung die alten ehemals radioaktiven Fässer als Wasserbehältnisse überlassen können. Und so leben wir einmal mehr in der besten aller Welten, weniger deutsche Tote nach dem großen Tsunami, weniger Opfer der neuartigen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (128), mit den Ergebnissen der verschiedenen Untersuchungskommissionen in Hiroshima und Nagasaki drei Monate nach den Bombenabwürfen. Eines ihrer Fundstücke war ein weißer Baumwollkimono, dessen hellrosa Ärmel mit grünen Blättern und roten Blumen bestickt waren. Dieser Kimono, den ein Mädchen etwa zwei Kilometer von der Abwurfstelle im Freien getragen hatte, war nicht verkohlt, aber auf der linken Schulter waren die Verzierungen verbrannt und hatten Löcher zurückgelassen. Auf einem größeren Stück an der Schulter waren die roten Blumen schneller und gründlicher verbrannt als die grünen Blätter. Der Leichnam des Mädchens wies die gleichen Brandspuren auf.
Die eigentliche Bedrohung kommt vom eigenen Herd. Prometheus ist an allem schuld. Als ob die Tiere, die roh verzehren, länger lebten. Und dann natürlich auch noch das Acrylnitril, des Rauchers Bannfluch, bestätigt durch gaschromatographische und massenspektrometrische Untersuchungen. Mit zunehmend verfeinerter Meßtechnik verschwinden die modernen Gefahren. Stattdessen sollten wir auf den Luxus verzichten, als Erbengeneration in den grünen, arsenhaltigen Tapeten William Russels zu leben und lernen, geweißten Decken zu mißtrauen, die in Rom die amerikanische Botschafterin Clare Booth-Luce erkranken ließen.
Eine Jüdin war im Unterricht im katholischen Gymnasium gewesen, hatte vom Schicksal ihres Volkes unter den Deutschen erzählt, und die Schüler hatten Probleme mit der Ausschließungsklausel des Vergebens, aber nicht Vergessens, obwohl dies eine sehr menschliche Formel war. Doch tritt auch dies trotz lauter gewordener Mahnungen immer weiter zurück in die Vergessenheit. Die Vergangenheit und Verstrickung der Eltern- und Lehrergeneration wurde nicht verschwiegen, aber sie hatte einen gedämpfteren Ton, weil eben diese die Spuren am eigenen Leibe trug. Es war die Generation, zu der der Mann im Pariser Café schweigend vor seinem Rest Zuckerwasser gehörte, der schließlich provoziert von einer lauten und bramabarsierenden Studentenschar aufstand, sein Hemd aufriß und die Merkzeichen von Ostrolenka zeigte. Ihm hat der norwegische Dichter Alexander Welhaven ein zeitloses Gedicht gewidmet, nicht, weil auf der einen Seite die Wahrheit war, sondern alle betroffen waren. Das Gymnasium war katholisch und doch ein geeigneter Spiegel der Schule David Copperfields in Canterbury oder des Internats in Pirna.
Damals wurden in Deutschland unbekannte Teile des 20. Jahrhunderts entdeckt, das in den ersten fünfzig Jahren scheinbar unterlegen war dem Aufbruch der Massen, der Überzeugungsmacht der schöpfungsstolzen Menge, dem homo politicus. Der schmale Strom von Phantasie und Schönheit hatte einen Atemzug eine Chance, weil man einen Augenblick nicht zur Welt gehörte, entdecken durfte, staunen, ohne sogleich wieder in die Wirklichkeit gestoßen zu werden oder umgekehrt wie die kindlichen Helden Arthur Ransomes oder Maurice Sendaks in der Wirklichkeit Schutz vor ausufernden und bedrohlichen Vorstellungen suchen konnten. Es war eine Zeit, in der sich Karl Radek mit den fiktionalen Schwalben und Amazonen schmerzlos vereinen ließ.
1950 verkündete der Elferrat, „jetzt tanzt das Funkemariechen mit einem Türken“, und die künftige kölsche Schwiegermutter bekam einen Schweißausbruch im Wissen um die folgende Podiumsrunde. 1952 konnte man norwegisch sprechen und wurde noch schnell auf die Zuschauertribünen vor dem Westtor des Domes verbannt. Der einzige Italiener auf dem Gymnasium war Mitte der fünfziger Jahre noch ein ganz normaler akzeptabler Exot, während kaum später ganze Straßenzüge in Grafenberg aus Protest gegen ein Itaker-Heim den noch bescheidenen Verkehr lahmlegten und sich der Deutschlehrer in jugendbewegtem Hemd und mit Jesuslatschen an den nackten Füßen an den Luftkampf über Italien und die feigen Spaghetttifresser erinnerte.

Lesender Weise 11

Die Besetzung von Professuren
Es wurde ein Berufungskanon verabschiedet, in dem die Internationalität der Johannes-Universität allererste Priorität erhielt, weil sie für das akademische Binnenklima fruchtbar sei und die Aufgeschlossenheit nach außen beweise, überdies die Einrichtung internationaler Studiengänge fördere und ausländische Studenten attrahiere. Etwa 20% der Professuren sollten mit Bewerberinnen oder Bewerbern aus dem Ausland besetzt werden, von denen man – vorbildhaft in Skandinavien und den Niederlanden vorexerziert – erst nach einigen Jahren die Kenntnis der deutschen Sprache erwarte. Um dies zu erreichen, sollte jede Stelle international mit deutschem, englischem und französischem Ausschreibungstext ausgeschrieben werden. Auch bei deutschen Bewerberinnen und Bewerbern sollten Auslandserfahrung und englischsprachige Bewerbungsschreiben zur Einstellungsvoraussetzung gemacht werden. Jugend sei gefragt, aber auch Durchmischung der Altersgruppen. Und doch sollte neben Qualität in der Forschung – über die positive Wirkung von Kontrazeptiva im Kampf gegen die Multiple Sklerose bei Frauen, Talent in der Lehre – in der Konzentration auf den deutschen Nationalsozialismus – und akademischem Engagement das Lebensalter unbedingt berücksichtigt werden. Die Berufung von Frauen sollte nicht mehr ein gesellschaftspolitisches Anliegen, sondern eine Selbstverständlichkeit im Interesse des universitären Binnenklimas sein. Das gleiche gilt für den Nachweis von Berufspraxis. Und was bedeute schließlich Forschung? Es ist eine Aktivität, die zu jedem Zeitpunkt analytisches und kritisches Denken erfordert.
Das letztlich entscheidende aber sei die Persönlichkeit: Berufungspolitk müsse neben der wissenschaftlichen Qualifikation auch auf die persönlichen Eigenschaften der zu Berufenden Wert legen. Dies sei in mehrfachem Sinne gemeint: Einerseits erwarteten die Studierenden heute wieder viel stärker (und zu Recht), in der Universität Personen vor sich zu sehen, die „Eindruck machen“ und natürlich in ihrem Fach, aber eben auch zu Fragen jenseits des Fachlichen etwas zu sagen haben. Der Begriff der Lehrer/Schüler-Beziehung mag altbacken klingen, ist aber durchaus aktuell in einer Gesellschaft, in der es eher beziehungslos zugeht: Die Professorinnen und Professoren und damit die Universität sollten für die Studierenden ruhig eine Instanz sein dürfen – und übrigens brauchen wir auch künftig universitäre Amtsträgerinnen und Amtsträger – die so toll sind, wie wir.
Da die Johannes-Universität grundsätzlich eine Privatuniversität war, mußten die zu berufenden Professorinnen und Professoren, nicht von der Wissenschaftsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen berufen und ernannt werden, sondern dies geschah durch den Senat der Universität durch die Person des Rektors. Grundsätzlich verkürzte dies die jahrelangen Findungs- und Entscheidungsprozesse, obwohl auch die Wissenschaft bzw. ihre Vertreter sehr wohl selbst in der Lage waren, sich zu zerfleischen und andere nur mit Blessuren zum Ziel kommen zu lassen. Dennoch ging es in der Regel zügig, da die Kandidaten als Netzwerkangehörige meist bereits im Vorfeld abgesichert wurden, der Verteilungskampf bereits abgeschlossen war, wenn man dieselben in den traditionellen Kommissionen voll geballten Wissens auf Herz und Nieren prüfte. Zur Absicherung der Prüfungs- und anderer Rechte der Universität war die Teilnahme eines Mitglieds des Ministeriums an der Kommissionsarbeit in der Regel ohne Stimmrecht, doch mit Rederecht vorgesehen, und die Ernennung wurde quasi durch Konkordatsvereinbarungen von der Ministerin bestätigt. Allerdings war eben diese nur begrenzt glücklich über eine Universitätsgründung im Lande Nordrhein-Westfalen, über die sie angesichts des hohen Anteils an Stiftungsgeldern nicht ganz die Kontrolle ausüben konnte, nicht ganz ihren Wahlspruch umsetzen konnte „Ich will die Fäden in der Hand behalten“. Doch drifteten ihre und die Interessen der Verantwortlichen an der Johannes-Universität nicht gar so weit auseinander, denn alle Beteiligten erklärten, sich an den Realitäten – was das nun heißen mochte – orientieren zu wollen.

Global Governance

Es war kein erbitterter Streit über eine stärker ökonomische oder stärker sozial-wissenschaftliche Ausrichtung der Professur für interkulturelles Management, eine der Kernprofessuren des Forschungs- und Studienschwerpunkts „Global Gover¬nance“ geführt worden. Trotz Wahrung aller Konventionen mit Ausschreibung, Kommissionsbildung, auswärtigen Gutachten und koscheren Abstimmungsmodi verfolgte die Johannes-Universität die aus der Wirtschaft mit Vergnügen übernom¬mene Kopfjägermethode. Es gab Scheingefechte. Sollte das tertium comparationis im vielfältigen europäischen Kontext gesucht werden, vielleicht der Balkan als Spielball der römischen, osmanischen, habsburgischen und sozialistischen Er¬oberer oder als autonomes Subjekt mit den wunderbaren Basisdaten in Krauss‘ens Anthropophyteia, – 7.1910:
1. Berresschwoger – Mann, der mit einer verheirateten Frau in deren Wohnung bei Abwesenheit des Ehemannes geschlechtlichen Verkehr pflegt (Westfälisch).
2. P. 22: Tôschn (Tasche) Tirolerisch für liederliches Weib [norw. Taske].
3. P. 26: fummeln ? < fúmln von fúml – vulva = reiben
4. P. 27: Scháißtôg (Dies cacandi) = 29. Dez. An diesem Tag mußte das Gesinde soviel Arbeit nachholen, als sie im Laufe des Jahres durch „Scheißen“ ver¬säumt hatten,
dann müßte eine balkanologisch ausgewiesene Person von hohem Renommé berufen werden, wohl kaum ein Balkanese, der je nach Herkunft nach dem Rückzug der Großmächte unter albanischer, bulgarischer, kroatischer, rumänischer, serbischer oder ungarischer historischer Dominanz gelitten hatte und diese nicht vergessen konnte, wenn z.B. in Arad die Errichtung eines Denkmals für die ungarischen Freiheitskämpfer gegen Habsburg negativ und hinterher fast mit blutigen Köpfen diskutiert wurde. Dieser an sich so gesunde Grundsatz disquali-fizierte die deutschen Germanisten, wenn man sich nicht insgesamt und still¬schweigend einig gewesen wäre, dass Interkulturalität ohne Zweifel eine Hierarchie der Menschen, die gleichberechtigte Kulturen vertraten, bestätigen werde. Aber fraglos war der Balkan nicht nur zu nah, sondern unter Entwick¬lungsperspektiven zu unbedeutend, und so wurden nur drei regionale Schwer¬punkte ernsthaft diskutiert, China, Indien und Japan.
Zum Komplex der Globalität gehörten auch die historischen Wurzeln, die däni¬schen Meiereibetriebe in Sibirien um 1900, die Frage nach der Bedeutung der Peri¬pherie für das Zentrum – so auch der Gedanke an die Erfahrungen der eigenen Familie. Wenn Karls Mutter und Tante über die Vergangenheit stritten, nicht nur über die großen Dinge der durchlebten Weltgeschichte, sondern über Erinnerungen aus der kleinen westnorwegischen Hafenstadt am Nordmeer, aus der Strandgaten 116 – es war eine lange Straße, deren Häuserfront auf der Westseite meerabgewandt den Ausblick auf Hafen und Meer versperrte, während die Hinterhöfe das Tor zur Welt sein konnten – oder zumindest das Fenster dorthin, wenn man auf dem Außenklo saß und die Augen die unterste Kante des kleinen verschmuddelten Fensters erreichten. Durch die Hintertür gelangte man zunächst auf den Kai mit den dunklen Fischtrögen, am Vormittag voller hellem Leben, das später zu sprengt torsk verarbeitet und mit Rotwein betrunken wurde, auf das Lotsenboot, auf das Schiff nach Bergen, auf das Schiff nach Newcastle oder Stettin – diesen letzteren Weg wählten die Schwestern, weil es zu Hause so unerträglich schön war, und sie in keiner Metropole Europas unter Tränenströmen die unmittelbare Lebendigkeit der kleinen Stadt vergessen konnten. Dann wetzten sie sich aneinander und warfen der anderen ein unglaublich fehlerhaftes Erinnerungsvermögen vor, weil sie vergaßen, dass es viele Welten in der Welt gibt, Erkenntnis etwas mit dem eigenen Standpunkt zu tun hat, wenn man klein ist und notwendigerweise einen spitzeren Blickwinkel hat, die Welt groß ist, bei einem Altersunterschied von fünf Jahren Erfahrungen die Jüngere immer erst noch machen muß. Gleichzeitig verteidigten sie ihre Welten wegen der Gemeinsamkeiten – Ort? Zeit? Geschichte? Verwandtschaft? Sprache? – gegen jeden noch so qualifizierten Angriff von außen. Und wenn die dritte Schwester hinzukam, nahm die Auseinandersetzung Formen einer Schlacht aus dem Burenkrieg an, oder man konnte rätseln, wer die Rolle Peter Napoleons einnahm, um nur diese Kindergestalt von Bernt Lie zu nennen, eine norwegische hommage für Napoleon, die im Falle seiner Mutter später unkontrollierte Tränen vor dem Porphyrsarg im Invalidendom auslöste. So ließ sich soziales Verhalten bestimmen.
Auch Gestalten wie Peter von Aspelt, der nicht nur aus dem Zentrum Europas, aus Aspelt in Luxemburg stammte, nicht nur in das Panthéon des luxemburgischen Landes gehörte, sondern 1306 Erzbischof von Mainz geworden und Berater dreier europäischer Könige gewesen war, oder aber auch Pirmin auf dem Wege von Spanien in die Pfalz konnten Vorbild oder Maßstab sein.
Die andere Überlegung war, von der Erziehungswissenschaft her sich dem Problem der Interkulturalität anzunähern, zu vermitteln, warum man sich selber so und nicht anders verhält, die Merkwürdigkeiten des eigenen Verhaltens zu erkennen und so Toleranz und Verständnis gegenüber dem Fremden zu erreichen, die kognitiven und konativen Ebenen zu erschließen und herauszufinden, wann die notwendigen Quotenregelungen jede Mehrheit zur Minderheit und somit zu einer zu privilegierenden Gruppe machten. Daraus ergab sich die Aufgabe einer übergeordneten Identität und die Rückkehr zu relativ kleinen Stammesverbänden. Dieser ungemein vernünftige Standpunkt, der allerdings den Regionalwissenschaftlern den vorletzten Stein ihres Rechtfertigungsgebäudes wegriß – denn dann mußten sie in die kleine Strohhütte der Philologie zurückkehren, die sie so wohlgemut hinter sich zu lassen geglaubt hatten oder aber in den glokalisierten Apfel beißen – kam von Professor Jens Otto, der seit seinem fünfzigsten Geburtstag die meisten seiner Ziele erreicht hatte, nicht nur Vizepräsident, dann Präsident seiner eigenen Unversität geworden zu sein, Vorsitzender und Generalsekretär der nationalen und internationalen einschlägigen wissenschaftlichen Gesellschaften, sondern überdies seine begabte Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Frau Dr. Gudrun Grebenstein, in allen ihren Qualitäten beurteilen konnte und schätzen gelernt hatte. Wäre Otto mehr als nur Präsident einer Universität gewesen, wäre sie seine bedingungslos loyale Bürochefin zu nennen gewesen. Sie war überdies eine sehr schöne Dirne, die sich pflegte und nicht unter mediterraner Sonne die Beine spreizte, um auch die Innenseite ihrer Schenkel zu bräunen, und sie pflegte des Königs, und dienete ihm. Aber: Er war selber schuldig geworden darin, dass sie keine Abisag von Sunem mehr war, so dachte er unter einem Helm, der neun Nummern zu groß war für ihn, mit köstlicher Wehmut und alttestamentlicher Bildung. Gelegentlich nahm Frau Grebenstein, aus dem Niedersächsischen stammend, aber sich dennoch zurückführend auf die Tochter jenes Tübinger Professors Burchhardt (1539-1607), wodurch sie mit allen deutschen Geistesgrößen in der einen oder anderen Weise verwandt war, für sich das Adelsprädikat einer Kanakin in Anspruch, wenn sie sich nämlich auf ihre anglo-indische angeheiratete und kinderlos gebliebene Großtante berief und schelmisch eine armenische Nasenform für sich reklamierte. Dann wiederum gehörte Frau Grebenstein zu den Menschen, von denen man sich kaum vorstellen konnte, dass sie jemals Kind gewesen waren, dass sie vielmehr seit dem Kindergarten gewußt hatte, wie man im ersten Glied stehen kann, ohne sich schmutzig zu machen. Abgesehen von den familiären Arabesken verschwand ihre Familie sehr bald hinter der jeweiligen Gegenwart.
Obwohl viele sehr bald den Machtwillen Ottos erkannten, da er sich gelegentlich allzu offensichtlich in die erste Reihe drängte, war er jemand, der die Regeln des „do, ut des“ beherrschte. Er machte kein Hehl aus seinen Ansichten, formulierte sie aber so, dass er fast immer eine Mehrheit auf seiner Seite wußte. Wenn man von seiner natürlichen Neigung zur Korpulenz absah, die aber nie die Ausmaße erreichte wie die des legendären Edward Bright, der, als er 1750 mit 29 Jahren starb, sieben normal gebaute Männer in seinen Mantel knöpfen konnte – er konnte wie andere den Zigaretten der Schokolade nicht widerstehen –, achtete er auf sein Aussehen und sein Auftreten, damit er nicht zu schnell als bloßer Professor ent¬larvt wurde.
Frau Dr. Grebenstein war eine vielversprechende junge Wissenschaftlerin, auf der Höhe aller Theorien mit einem empirischen Fuß in der deutschen und in der japanischen erziehungswissenschaftlichen Problematik. Sie war eine annähernd schöne Frau mit regelmäßigen Gesichts- und Körperzügen, mit einer schwarzen Pagenfrisur – nicht selten in akademischen Kreisen, wenn man denn nicht der Zufälligkeit den Vorzug gab, schlank und glatt, auf ihre Kleidung mit diskreter Eleganz bedacht, bis hin zur für die Knie richtigen Rocklänge und den zu ihrem Typ passenden Schminktönen, bräunlich mit einem stählernen Blaustich. Ohne Essstörungen entsprach sie dem jugendlichen erfolgreichen Ideal. Unklar, da ihn Frau Grebenstein nicht übermäßig interessiert hatte, war Karl, ob sie außerhalb des universitären Zirkels ein weiteres, unabhängiges Leben besaß, einen Mann, eine Familie oder einen Kreis, in dem man ihr entspannt hätte begegnen können. Wahrscheinlich, vermutete er mit Überzeugung, war ihr Sinnen und Trachten allein auf den öffentlichen, ihm bekannten Raum beschränkt. Allerdings hatte sie einen Mann gehabt, der ihr unterwegs zum Gipfel universitärer Macht abhanden gekommen war, als er nicht mehr bloß Instrument einer möglichen Karriere sein wollte. Er war normal und Sachbearbeiter in einer Versicherung. Er fuhr einen selbst bezahlten ganz normalen weinroten Golf. Er wollte ganz normal zusammen mit Gudrun die Abende mit Squash, im Restaurant, zu Hause oder im Bett verbringen. Er respektierte ihren zu Gütersloh passenden Protestantismus und ihre hermaphroditische Seele. Damit fiel ihr die Tugend „to keep chast her bum“ nicht allzu schwer. Er dagegen wollte ganz normal eine Familie gründen, eine normale Familie haben. Er war auch einverstanden mit ihrer Berufstätigkeit, wollte keineswegs den Kauf des Staubsaugers oder zu einem späteren Zeitpunkt die Form des Swimmingpools im Garten allein oder über die Anschaffungen technischen Hausgeräts bestimmen. Aber bestimmte Dinge konnte er nicht, selbst wenn er sie gewollt hätte, und daher hatten sie sich bereits getrennt, als Frau Grebenstein noch die Assistentin Professor Ottos war. Danach war er so zufrieden wie man ist, wenn das Leben in erfülltem Mittelmaß dahinfließt, hatte eine neue dauerhafte Frau gefunden, die in derselben Versicherung arbeitete. Sie hatten zwei Kinder bekommen, teilten ziemlich gerecht die Lasten des Geldverdienens, der Kindererziehung und des Haushalts untereinander auf, bis sie sich zusätzlich eine Zugehfrau leisten konnten, teilten die täglichen Sorgen, um sie gemeinsam zu überwinden und rochen nicht hinter jeder Ecke des Lebens eine Verschwörung. Trotz einer Einladung erschien er weder zu den Gründungsfeierlichkeiten der Universität noch zur Amtseinführung seiner ehemaligen Frau. Frau Grebenstein hatte alles bedacht, nur hatte sie keine Zeit zu einer Dynastiegründung gefunden. Daher hatte sie nach der Scheidung zwar etwas schwermütig, aber unaufgefordert den Brusteinsatz ihres Hochzeitskleides aus milanesischer Samtspitze, dazu die Kaskaden Brüsseler Spitzen, die den langen Rock hinabgeperlt waren, beides Geschenke ihrer zeitweiligen Schwiegermutter, wieder zurückgeschickt.
Frau Grebensteins vorletzte große Arbeit war eine Untersuchung über den unterschiedlichen kognitiven Prozeß bei Japanern und Deutschen. Im Berliner Milieu hatte sie früher auch einmal über das Sexualverhalten in der drogenabhängigen Population, über den Zusammenhang von Sexualität und intellektueller Disabilität, also nicht weit entfernt von den Forschungen Magnus Hirschfelds, wenn man einmal von den fehlenden Anhängen über Animierkneipen absieht, daneben auch über kinästhetische Bilder und über die Kindheitswurzeln ästhetischer Absorption gearbeitet. Bei einem der großen europäischen Fachkongresse vor zwei Jahren war sie daher auch erfolgreiche eingeladene „Opponentin“ in einem Panel über Foucault, Bourdieu und irische Sexualität gewesen. Darüber hinaus war sie Mitglied der verschiedenen einschlägigen wissenschaftlichen Gesellschaften und selbst Vorstandsmitglied der sehr aktiven Neugründung des Wissenschaftsministeriums „Nationales Forum für Erziehung in der frühen Kindheit“. So war sie eine ernsthafte Kandidatin, Global Governance von den Wurzeln her zu erschließen.
Otto dachte daran zurück, wie er in seiner Berliner Zeit – noch vor dem Fall der Mauer – selbst unter den schwierigen Bedingungen eines Stadtstaates es erreicht hatte, seinen damaligen Mitarbeiter Stinde zum Professor zu machen dank eines dieser intentionalen Programme zur Förderung eines ausgewählten Nachwuchses, von denen gelegentlich auch Gerechte getroffen wurden. Es gab damals eine Debatte über die Gültigkeit des Hausberufungsverbots bei der Implementation solcher Sonderprogramme zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Einige Unbelehrbare wollten daran festhalten, an einer alten angestaubten deutschen Tradition, obwohl andere Länder nie oder längst nicht mehr diese Regel kannten, andere Auswahlverfahren, wie z.B. hochdienen oder die Zugehörigkeit zur richtigen Fraktion, kannten und die eigenen Qualifikationssysteme darauf zugeschnitten hatten. Das war allerdings ein zweischneidiges Argument, vor allem, weil man damals noch nicht so global dachte, und so war Professor Otto auf ein sehr viel besseres Argument verfallen. Man müsse Berlin mit einem Flächen-Bundesland, mit einem idealen glokalen Standort vergleichen, und so sei die bayerische Berufungspolitik von Würzburg nach München, von München nach Passau, von Bamberg nach Erlangen im eigentlichen und wahren Sinne eine Hausberufungspolitik. Die Autonomie der Universitäten sei genau das, was sie sei, nämlich Augenwischerei, Roßtäuscherei, simply a sham. Diese Idee gefiel seiner professoralen Fraktion ungemein gut. Ein Präzedenzfall wurde mit dem Leibassistenten Ottos, dann Professor Stinde, der vielleicht und natürlich sehr tüchtig war, geschaffen, der es der Gesamtuniversität ermöglichte, von der Ernennungspolitik zur Ruhigstellung der Märzgefallenen in den siebziger Jahren sich mit eben so gutem Gewissen einer scheinbaren Berufungspolitik zuzuwenden. So war Professor Otto auch ein vorauseilender Anhänger der Juniorprofessuren, die u.a. in Anlehnung an ein Modell der Universität Vechta Eurolatein unterrichten sollten. Besser noch als unter den herkömmlichen Bedingungen und nicht mehr angewiesen auf die gelegentlichen Sonderprogramme, die er allerdings angesichts seiner wachsenden Bedeutung in der deutschen Wissenschaftspolitik inzwischen auch selber lancieren konnte, wurden mit dieser veränderten Organisation des akademischen Mittelbaus die Möglichkeiten des Nest- und Netzbaus und der Schaffung von Abhängigkeiten optimiert. Die in hinreichender Entfernung hängende Karotte garantierte Wohlverhalten für die Jahre, in denen er noch dominierte. Später, davon ging er aus, müßten des sozialen Friedens willen eben diese handverlesenen Homunculi und übernommenen südkoreanischen Klone auf Dauer eingestellt werden, in der gleichen Weise wie man 1973 die 1968er befriedet hatte, in einigen Fällen gewiß lediglich die vorher einkalkulierten Erwartungen erfüllt hatte. Professor Otto konnte strategisch denken. Er war sich fast sicher, dass der Bundesgerichtshof die Juniorprofessur wieder aufheben und damit eine soziale Verantwortung der Gesamtgesellschaft entstehen werde, so dass bis auf die allzu früh verstorbenen die anderen in Lebenszeitstellen übernommen werden mußten, so wie es kurz vor 2010 geschah. Etwas ähnliches hatte die Universität unmittelbar nach 1945 erlebt mit einem weniger erfolgreichen Emigranten- und einem erfolgreicheren Königsberger Netzwerk. Und um 1950 oder nur wenig später waren die Sonderdrucktauscher, Korrespondenten und schließlich Kommissionsmonopolisierer wieder überall tätig – mit den berühmten Ausnahmen, die immer noch nicht verstanden hatten, wie die Welt funktioniert. Jetzt aber war es immer wieder das ominöse Nachkriegsjahr 1968, das berufen wurde, im Guten wie im Bösen.
Er konnte auf ein erfolgreiches Lebenswerk, auf ein bestelltes Feld zurückblicken. So plante er auch für die Johannes-Universität diesen innovativen Ansatz einer Neuordnung des lehrenden und forschenden Über- und Mittelbaus zu nutzen, eine Universität nach „meinem Angesicht“ zu schaffen. Endlich konnte das Netzwerk zur Einforderung von Wohlverhalten abgeschlossen werden, konnte an wahre Schulenbildung gedacht werden und konnten die eigenen Leute vor sonstiger wissenschaftlicher Konkurrenz geschützt werden, indem der Citationindex gefüttert wurde oder aber Positionen wie auf den Hitcharts erkauft wurden. Der Anreiz für den nationalen internationalen Nachwuchs – wie deutscher Jahrgangssekt im deutschen Bundestag – konnte behauptet werden, denn Widerspruch meldete sich allenfalls aus dem fernen MIT mit der Bemerkung, die Juniorprofessur verbinde die schlechtesten Elemente des deutschen und amerikanischen Systems miteinander, anzustreben seien die besten, als ob Einzelerfahrungen auch nur im geringsten eine pauschale glänzende Statistik widerlegen könnten. Dabei war nicht das MIT, sondern das Kazakhstan Institute of Management, Economics and Strategic Research under the President of the Republic of Kazakhstan, kurz Kimep, das Vorbild, um wie diese Institution ähnliche Erfolgszahlen – 90% der Angestellten von Price Waterhouse in Almaty sind Absolventen der Kimep – vorweisen zu können und dieser überdies Studenten abspenstig zu machen.
Der Ausschreibungstext ließ dann allen Hintergedanken weiter freien Raum, Inter¬kulturalität und Management wurden nicht näher bestimmt – schließlich war „Global Governance“ ein neues Fach, für das geeignete Vertreter eigentlich sogar erst geschaffen werden mußten.
Später war im Falle seiner Frau Dr. Grebenstein seitens Professor Ottos nicht mehr der gleiche Aufwand nötig wie seinerzeit in Berlin, allerdings mußte er die Erbsen zusammenzählen, die ihre wissenschaftliche Qualifikation bestätigten, ihre hervorragende selbständige Mitarbeit in seinen Drittmittelprojekten, ihre intensiven Konferenzreisen, ihre attraktiven wissenschaftlichen Vorträge, ihre Bereitschaft, die Universität in die Öffentlichkeit zu tragen, die Lehre über die Studierenden hinaus zu öffnen, wenn sie die allzu ernst gemeinten Unternehmungen allzu progressiver Professoren aufgriff und ihre Lehrveranstaltungen in den U-Bahnhof Wittenbergplatz verlegte. Überdies bewies sie Mut bei der Überwindung bereit überwundener politi¬scher Tabus und initiierte ein ganz eigenes Forschungsprojekt: „Was bedeutet der Satz eines langjährigen CHP-Wählers: ‚Biz gibi temiz, Müsülmandır.‘ ?“ Damit erreichte sie, dass sie Personenschutz erhielt.
Auf der ganzen Linie war Frau Grebenstein als überaus politisch korrekte Person eligibel. In der Debatte um die Bekämpfung von Jugendkriminalität erkannte sie, dass lediglich die Japaner mit ihrer Rückkehr zu alten Normen erfolgreich gewesen waren, aber das war für uns Europäer kein gangbarer Weg. Wenn die Venezianer im Viertel um den Ponte delle Tette mit probaten Mitteln die ausweglose Homosexualität ihrer Seeleute bekämpften und damit bezahlten, dass zehn Prozent der Venezianerinnen der Prostitution nachgingen, so hielt auch Frau Grebenstein in ihrem Innersten aufgrund eigener physiologischer Erfahrungen dies für eine therapeutische Möglichkeit gegen aus der Not geborene Verhaltensweisen. Und so trat sie auch ein für das Recht der UNO-Soldaten auf käufliche Liebe. Tabu und mangelnder theoretischer Unterbau würden sie jedoch immer davon abhalten, die praktischen und rabiaten Ansätze unserer Vorfahren explizit zu vertreten.
Nicht vergessen wurde der Anruf und rechtzeitige vorbeugende Termin bei der nordrheinwestfälischen Bildungsministerin, nicht umsonst war Professor Otto ein angesehenes Mitglied des Gründungssenats der Universität. Tatsächlich war dies der realistischen Initiative Karls geschuldet, um seiner Spielwiese die hinreichende Seriösität zu verleihen. Das bedeutete, dass er Abstriche machen mußte, sogar mit dem Risiko spielen mußte, die Fäden zu verwirren oder zu verlieren. Doch kannte er Professor Otto aus der ewigen Gremienarbeit, Gutachtertätigkeit, aus Kommissionen und hatte gut und effektiv mit ihm zusammengearbeitet, der eine als ungeduldiger Macher, der andere als desinteressierter Spieler, der eine naiv, der andere als lernfähige Westentaschenausgabe von M. Le Floch Prigent.
Alle hatten mit Vergnügen dem Kollegen Otto gelauscht, wenn er von seiner Spielzeugautosammlung erzählte und von den frühen Schucomodellen aus der Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs. Karl mußte an seinen Musiklehrer Ober¬wiese denken, der aus der Schule geekelt wurde, weil er den Schülern erzählt hatte, mit welcher Begeisterung das Lehrerkollegium mit einer Märklineisenbahn spielte, die er im Lehrerzimmer deponiert hatte, um sie zu verkaufen.
Alle Kommissionsmitglieder waren allerdings mit Hintergedanken an bestimmte Personen nicht an zu aufreibenden Scheingefechten, die plötzlich ungewollten Ernst erlangen konnten, interessiert gewesen, lieber hätte man alle Kräfte für den Endkampf, für die Zerfleischung des gegnerischen Bewerbers oder der Bewerberin und der jeweiligen Befürworter, aufgehoben. Und so wurden dem Gründungssenat, in dem man selber saß und dem Kuratorium ein knappes Mehrheitsvotum und ein naturgemäß noch knapperes Minderheitenvotum vorgelegt, alle Freunde mobi¬lisiert, als handele es sich nicht bloß um eine dann etwa zwanzig Jahre gültige Entscheidung für eine Professur eines Faches, sondern um den Sturz einer Regierung.
Nicht gerechnet hatte man mit den Pfeilen im Köcher der Frauenbeauftragten, die Professor Otto in übergroßer Selbstsicherheit nicht in seine politischen Finessen einbezogen hatte und die mit dem Gesetz wedelten, als alle bereits zum Entscheidungskampf positioniert waren. Darauf beriefen sie sich und erklärten freudestrahlend, das ganze Verfahren sei nicht Gesetzes konform durchgeführt worden, da zur Anhörung der Kandidaten zwei Jahre vorher nicht die gleiche Anzahl von Frauen wie Männern eingeladen worden sei. Die Instrumentalisierung des Gese¬tzes war legal, lediglich ein Fall, wie Frauen sich selbst erzählen.
Frau Jentner schloß sich dem Protest der Frauenbeauftragten an – schließlich hatte sie sie vorher angespitzt – und bestand darauf, auch die Politologin Siborska müsse noch begutachtet und eventuell auf der Liste, am besten auf dem ersten Platz, berücksichtigt werden. Jeder Versuch, sie davon abzubringen, scheiterte. Im Ge¬genteil konnte sie im Wettbewerb zweier Bewerberinnen darauf verweisen, dass sie hier nicht einen Geschlechterkrieg führe, sondern einen um die Beste. Ob sie sich in irgendeiner Weise verpflichtet hatte oder den großen Entwurf im Hinterkopf, in der gleichen Weise wie Professor Otto, das wagte Karl nicht zu entscheiden, doch vermutete er eher, dass Inez Jentner als Getriebene nicht anders könne. Es schadete ihrem Ruf nicht mehr als andere ältere, spätere und anderwärtige Versuche.
Berechnet hatte man jedoch, wie man genügende und wichtige Hilfstruppen für den Wunsch- und gegen den möglichen Gegenkandidaten mobilisieren konnte. Ein auswärtiger Gutachter wurde disqualifiziert, weil er eine der Kandidatinnen betreute, ein anderer wurde für gut befunden, weil er bereits emeritiert war und damit seine Betreuung einer anderen Kandidatin abgehakte Geschichte. Von der einen Seite wurde versucht, den Betreuer eines Habilitationsverfahrens unter die Gutachter zu listen, ein anderes listiges Kommissionsmitglied merkte dies und bemerkte belehrend bedauernd, das bedeute nicht zu verantwortende Parteilichkeit. Und so brachten sich alle Fraktionen unbeschadet ihrer Unterstützer in Gefechts¬position in der Hoffnung, die späteren Gutachten auseinandernehmen zu können, selbstverständlich nicht Gutachterschelte zu betreiben, jedoch zu insinuieren, dass der jeweils Betreffende an Inhalten, Intentionen und den Interessen der Johannes-Universität vorbei gegutachtet hätte. Wunderbar auch die Betonung auf Internationalität, auf die Einbettung in die Netzwerke des Wissenschaftstourismus, möglichst in denen, zu denen auch „ich“ gehöre. Schließlich setzte sich Professor Otto mit seiner Kandidatin durch. Er selbst war hinreichend einflußreich, auch die dritte Gutachterrunde zu überstehen. Frau Dr. Grebenstein war eine Frau. Sie entstammte einem hervorragenden wissenschaftlichen Stall. Bettgeflüster war nicht justiziabel. Die Ehe wurde zwar allmählich abgeschafft, doch Probleme, wenn auch nicht an derselben Universität, schaffte lediglich die gesetzliche Zweisamkeit, allerdings für einen Professor mit Weltruf an manchen Universitäten heute kein Hinderungsgrund mehr. Außerdem hielt Herumturnen jung, erhöhte die Leistungsfähigkeit und ersparte somit Unkosten, die allerdings nur geschätzt werden konnten und nicht gegen das Perpetuum Mobile eines reisenden Professors aufgerechnet werden durften. Überhaupt war das Reisen, waren die Treffen innerhalb der akademischen Gemeinde ein großer persönlicher Gewinn. Das kurze Gespräch, der Händedruck mit jemandem, der bereits dazugehörte, übertrug dessen prominente Aura auf mich. Mit den Jahren gehörten die meisten Angehörigen der Johannes-Universität zur Weltelite, nahmen Gastprofessuren in Irvine war, erschienen als Mitherausgeber im Konzert mit Gelehrten aus Augsburg und Bordeaux.
So wie das Problem der Hausberufung mit dem Hinweis auf angebliche bayerische Usancen – wer hatte schon die Zeit und wollte sich des Vorwurfs des Nachfragens aussetzen? – aus der Welt geschafft worden war, konnte jetzt der Vorwurf beabsichtigter unzulässiger Sippenhaftung eingesetzt werden. Überdies war sie als Mitdreißigerin jung genug, um Elan zu versprechen, noch nicht von der Resignation vieler Versuche zerfressen, die nur dazu führen würde, sich auf sich selbst zurückzuziehen und Rosen zu züchten. Nichts konnte eine dynamische Universität, die von ältlichen Männern gegründet wurde, weniger vertragen. Und so wurde Professor Otto gebeten, den Kommissionsbericht zu schreiben, da er – ohne Ironie – die größte Kompetenz besaß.
Was für eine Frau sie ist, dachte Professor Otto sehnsüchtig sein eigenes embonpoint betrachtend, welches ihn zwang für Informationen aus down under auf Dritte oder einen Spiegel angewiesen zu sein, und die Gründe für die Liaison vergessend, da er sie in Gütersloh nicht bei sich haben konnte. Glücklicherweise hatte er vor einigen Jahren auf einer der Auktionen der Berliner Verkehrsgesellschaft von nie reklamierten Fundstücken einen gynäkologischen Untersuchungsstuhl billig erwerben können, den jemand in der U-Bahn vergessen hatte, der zwar nicht mit der Sonderanfertigung für den astronomischen Zwilling, Edward VII., auf Knole konkurrieren konnte, aber dann doch das wichtigste Möbelstück in seiner geheimen Zweitwohnung in der Taunusstraße wurde. Das Arrangement entsprach so sehr der Art, wie seine Finger in seinem abgewetzten Portemonaie nach dem passenden Kleingeld suchten. Und dennoch versagte er es sich auch später, der gleichmütigen Liebesbereitschaft Frau Grebensteins einen Platz in seinen dem Geist gewidmeten Memoiren einzuräumen. Bis zum Schluß hielt er entschlossen sein Doppelleben geheim.
Frau Prof. Dr. Grebenstein wurde nach ihrer Berufung allen Erwartungen gerecht. Ihr Freundeskreis reichte in die deutsche Halbwelt hinein im Dunstkreis der Porno-Filmindustrie, in dem sich die für das Finanzgebaren der Johannes-Universität so wichtigen Kleinkriminellen tummelten, die die Besetzung der deutschen Finanzämter schon lange mit eleganteren Mitteln betrieben und dazu beitragen konnten, günstige Kaufverträge mit der Stadt Gütersloh, dem Regierungspräsidenten und dem Land Nordrhein-Westfalen auszuhandeln. Wenn Deutschland auch kein Kleinstaat war, in dem jeder jeden über jemanden kannte, für das Netzwerk der Entscheidungsträger ließ sich dies alle Male konstruieren. Gelegentlich ahnte sie jedoch, dass sie unzulässigem Druck ausgesetzt war, wenn sie aus Opportunitätsgründen auf die Nachkommen von Stiftern Rücksicht nehmen mußte oder sich gegen ihre innere Überzeugung für Ehrenpromotionen und Honorarprofessuren einsetzte. Doch waren dies lediglich kurze Anwandlungen, die sie erfolgreich wegschieben konnte.
Eine kleine Schwäche Frau Grebensteins war ihr Glaube an die Medizinen K1 bis K15, die sie vorbeugend in Sitzungen und während ihrer Lehrveranstaltungen schluckte und fast immer auch ungefragt anpries, waren ihr Vertrauen in lebens¬erhaltenden Erdbeersaft, ihr bronzenes Armband mit einem feuerroten Krokoit aus Tasmanien zum Schutz gegen böse Geister, ihre Verbindungen zum Medium Sylvia Kaplan und dem von ihr neugegründeten Atargatis-Kult mit all den Merkwürdigkeiten, die man Sekten, denen man selbst nicht angehört, zuzuschreiben pflegt, und Karl war sich bewußt, dass er alles versuchen mußte, diese Konnektionen so diskret wie möglich zu belassen, damit nicht die Universität bereits in ihrer Frühphase in den Ruch rasputinscher Machenschaften und Hörigkeit geriet. Über dem Waschbecken in ihrem Badezimmer stand die tägliche Mundpflege, Salvimed, die Zahnpasta für die reiferen Zähne. Manches davon kannte er von seiner norwegischen Tante, bei der diese nützlichen Verbindungen gelegentlich aus Naivität und fehlender eigener krimineller Energie zum Nachteil der Tante ausgeschlagen waren, wenn sie dem schnellen Gewinn bei Cornfeld oder der Herstattbank oder der Versuchung anderer vielversprechender Einlagemöglichkeiten erlag und von ihren numinosen Beratern zu spät zum Aussteigen animiert worden war. Aber insgesamt war Frau Grebenstein ein leuchtendes Beispiel der modernen oberen Zehntausend, das sich unbefangen und besitzergreifend im Schloß von Versailles hätte bewegen können, doch genüßlich die Berliner Möglichkeiten der Nutzung der Privilegien der Gründerjahre-Villen am Wannsee und Tegeler See wahrgenommen hatte, in denen sich die demokratische Gesellschaft ihr Refugium mit raffinierten elektronischen Sicherheitssystemen, Wachhunden, Hausmeistern oder Schrankenwärtern geschaffen hatte. Durch ihre Arbeit bei Professor Otto und ihre eigene natürliche Bereitschaft gehörte sie dazu.
Ein späteres Ergebnis der Berufung Frau Professor Grebensteins war, dass es ihr gelang den bedeutenden Parapsychologen und Praktiker, Professor Alexander Golod aus Moskau für Gütersloh zu gewinnen, damit er hier seine vielversprechenden Versuche zum Schutze der Ozonschicht zum Erfolg führe. Auch für diese Stelle schlug Inez Jentner Frau Siborska vor.
Ein weiteres Großprojekt Professor Golods war die Erkundung des Erdmittelpunkts durch eine Sonde, die lediglich durch die Schwerkraft umhüllt mit einem Millionen Tonnen schweren Panzer aus flüssigem Eisen durch eine Erdspalte zum Erdmittelpunkt gleiten werde und von dort mit seismischen Signalen Informationen senden werde. Schließlich ist das Innere der Erde unbekannter als der Mond des Kleinplaneten Celle oder der jahreszeitliche Wechsel auf dem Planeten Neptun. Und eine der letzten Leistungen Karls während seiner Zeit an der Johannes-Universität war es gewesen, im letzten Augenblick Professor Golod, der davon wenig Ahnung hatte, an einem Plaidoyer für die Scientologykirche zu hindern.
Diesem Nucleus zugeordnet wurde auch die Hedonomik, der wiederum jüngere vielversprechende Wissenschaftler subsumiert wurden, die auf den Gebieten creative industries, animation und games design bereits seit ihrer Schulzeit beträchtliches geleistet hatten. Um nicht diesen Nucleus durch zu viele Neologismen der Verständnislosigkeit künftiger Sponsoren preis zu geben, wurde auch eine Professur für Tourismus- und Freizeitmanagement ausgeschrieben. Diese sollte Sport, Freizeit, Tourismus, Gastfreundschaft und Freilufterziehung einschließen. Sie sollte einmal die regionalen Beziehungen zum ostwestfälischen Kulturraum pflegen, zum andern aber auch global tibetische Klöster, Bergsteigen in Neuseeland und Wattwanderungen in Ostfriesland einbeziehen. Sie sollte einmal mit Borussia Dortmund und ein wenig auch mit Arminia Bielefeld zusammenarbeiten, zum anderen aber auch auf diesem Gebiet über den Tellerrand sehen. Man sollte dann mit dem Laptop auf dem Schoß an der Ems sitzen, Servicemanagement und Dienstleistungsbereitschaft in ihn hineintippen und dann die Firma Schott und England gründen.
In der Ausschreibung wurde von der/dem zu berufenden Professor/in erwartet, dass sie/er die bereits zu diesem frühen Zeitpunkt gewonnene nationale Reputation der Johannes-Universität in die internationale Arena trage, den Forschungsethos und die Erfolge weitertrage, Aufbaustudien entwickele, die dem Renommé des Kernstudiums entsprächen und die Entwicklungschancen der Universität und des ostwestfälischen Raumes kapitalisierten. Sie/er solle sicherstellen, dass diese Professur eine konsistente und klare Vision ihrer Ziele vermittele, und die geeigneten Strategien zur Verwirklichung dieser Ziel sollten entwickelt und implementiert werden. Daher müsse die/der künftige Stelleninhaber/in substantielle Erfahrungen auf dem Gebiet akademischer Führerschaft mitbringen, ebenso wie die Fähigkeit, im Interesse der Professur und Gesamtuniversität strategische Möglichkeiten für die Entwicklung dieses zentralen Studienganges zu erkennen, zu finden und zu implementieren. „Als natürlicher Führer werden sie andere inspirieren, neue Initiativen zu entwickeln!“ Auch für diese Stelle machte sich Inez Jentner für Frau Siborska stark.
In dieser Gründungsphase, in der die Weichen für „unsere“ Universität gestellt werden mußten und vor allem konnten, dachte natürlich auch Karl als Gründungsrektor an seine Freunde. Für ihn als byzantinischen Geist war Interkulturalität schließlich eine Selbstverständlichkeit, und er hatte eine Liste möglicher Kandidaten im Kopf, die er nach ihrer äußerlichen Kompetenz zunächst in seinem Inneren hatte Revue passieren lassen. Schließlich hatte er bei Sluggan, einem irischen Freund, vorsichtig nachgehakt. Sean Sluggan, jener berühmte Konfliktforscher und Gegner Samuel Huntingtons, den er mehrfach in Wien getroffen hatte, in einer Zeit, als man dabei war, mit sanften Worten und ökonomischen Versuchungen die ungarischen Grenzminen zu entschärfen, der die unterschiedlichsten Marken von Slibovitz mit geschlossenen Augen identifizieren konnte, ohne Wirkung zu zeigen, und im Anschluß an solche Abende mit sanfter Eleganz seinen Morris durch Wien steuerte. Nicht gerechnet hatte er mit der Nichte des Regierungspräsidenten, gegenwärtig Kulturdezernentin einer westdeutschen Großstadt mit makellosen Papieren, die in vieler Hinsicht die Gütersloher Pläne bereits vorweggenommen hatten, die von einem der potentiellen Stifter zu einer Bewerbung aufgefordert worden war. Doch er kannte sie gut genug, um ihren Ehrgeiz auf eine Professur in der Provinz zu zügeln, indem er ihr diskret bei einem wissenschaftspolitischen Treffen die schwache Basis der hochfliegenden Pläne insinuierte, so erfolgreich, dass sie sich selbst mit überzogenen Forderungen disqualifizierte. Dies bedeutete, dass für die Nichte und Sean andere Professuren geschaffen werden mußten. Frau Inez Jentner hatte Frau Siborska vorgeschlagen.